Bianca Pflips unterrichtet an der Joseph-Hennewig-Hauptschule. Das Know-How für den Digitalunterricht hat sie sich hauptsächlich selbst angeeignet, konnte alledings bei allen Fragen auch auf die jungen Kolleginnen und Kollegen sowie den schulinternen IT-Spezialisten zählen. © Privat
Schulumfrage

„Wer vorher keine Lust hatte auf Schule, hat sie jetzt erst recht nicht“

Bianca Pflips, Lehrerin an der Joseph-Hennewig-Hauptschule, hat sich richtig reingefuchst in den digitalen Unterricht. Es klappt gut, aber den Schülern fehlen die Kontakte, sagt sie.

Wie digital sind unsere Schulen? Eine Online-Umfrage im gesamten Verbreitungsgebiet des Verlags vermittelt ein Stimmungsbild. 2200 Lehrerinnen und Lehrer, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler beteiligten sich. In der Auswertung geht es auch darum: Wie fit fühlen sich Lehrer für den digitalen Unterricht und welchen Eindruck gewinnen sie dabei.

Bianca Pflips (52) unterrichtet seit 21 Jahren an der Joseph-Hennewig-Hauptschule in den Fächern Deutsch und Sport (beides hat sie studiert) sowie in Mathematik, Kunst und Hauswirtschaft. Zur Zeit ist die Lehrerin in zwei 5-er Klassen, im ersten Lockdown gab sie Unterricht in der Abschlussklasse 10. „Wir haben bereits 2019 angefangen, digitaler zu werden“, erzählt Bianca Pflips. Zwei Laptop-Koffer mit 20 und 15 Endgeräten und das Programm IServe unterstützten diesen Wandel von analog zu mehr digital.

Von Lehrern wird viel Eigeninitiative verlangt

Digitale Endgeräte allein machen aber noch keinen digitalen Unterricht, sie müssen auch richtig eingesetzt und bedient werden können. Halterner Lehrer bewerteten ihren digitalen Unterricht durchschnittlich mit 6,5 von 10 möglichen Punkten. 31 Prozent der Lehrer, die so antworteten, sind entweder fünf bis zehn Jahre oder 15 Jahre und länger an ihrer (weiterführenden) Schule tätig.

Fühlen Sie sich für den digitalen Unterricht genügend ausgebildet? 31,2 Prozent sagen „eigentlich ja“, 25 Prozent fühlen sich „nicht wirklich fit“ und 43,7 Prozent der Lehrer haben sich alles selbst beigebracht. 75 Prozent haben Endgeräte wie Tablets und Laptops bekommen.

Bianca Pflips teilt sich mit ihrem Mann, der ebenfalls Lehrer ist, private Geräte. Sie arbeitet mit I-Pad, I-Phone und I-Mac. Sie hat sich mit Hilfe von jungen Kollegen der Schule, dem schulinternen IT-Spezialisten sowie ihrer Familie in das digitale Unterrichten hinein gefuchst, wie sie sagt. „Man muss einfach bereit sein, sich auf das Neue einzulassen.“

In der Not sind jetzt auch private Endgeräte erlaubt

In der Umfrage merkt ein Lehrer anonym an: „Aufgrund des Datenschutzes war dem Lehrpersonal der Einsatz privater Endgeräte vor der Pandemie rechtlich von Seiten der Schulbehörden untersagt. Seit der Pandemie redet keine Aufsichtsbehörde bis zum Ministerium davon und setzt voraus, dass das Lehrpersonal seine privaten Endgeräte sofort einsetzt. PC, Tablet, Laptop und/oder Smartphone sowie Webcam sollen eingesetzt werden, eine schnelle Internetverbindung wird ebenfalls vorausgesetzt, Scanner, Drucker, Boxen und entsprechende Programme sind auf einmal für jede Lehrperson selbstverständlich. Ein entsprechendes Arbeitszimmer, in das Kollegen, Eltern und Schüler zu Videokonferenzen hineinschauen können bzw. sollen, gilt für das Schulministerium offenbar zur Grundausstattung eines jeden Lehrers.“ Diese Kritik kann auch Bianca Pflips „unterschreiben“.

Zwei Laptop-Koffer mit 20 und 15 Endgeräten und das Programm IServe unterstützten den Wandel an der Joseph-Hennewig-Schule von analogem zu mehr digitalem Unterricht. © Wolter © Wolter

Ihren Unterricht organisiert sie so: Die Fünftklässler erhalten über IServ täglich Aufgaben in den Hauptfächern, die sich noch am selben Tag zurückgeben müssen. Außerdem gibt es Wochenaufgaben. „Ich habe mit den Schülern zuerst einmal den Umgang mit den Medien geübt. IServ hat schon seine Tücken“, berichtet die 52-Jährige aus ihrem Schulalltag. Die Schüler, die zu Hause keine Geräte haben, werden von der Schule versorgt.

Kein WLan: „Das ist eine Zumutung für die Kinder“

Einige kommen in die Notbetreuung. Bedauerlicherweise haben einige Schüler, wie die aus der Wohngruppe in der Granat, kein WLan. Sie müssen zu einem bestimmten Parkplatz fahren, um Empfang zu haben und Aufgaben herunterladen zu können. Das sei eine Zumutung, findet Bianca Pflips.

Grundsätzlich funktioniere der Unterricht aber gut, verlange allerdings einiges an zeitaufwendiger Mehrarbeit von ihr, sagt die Pädagogin. Sie möchte auch nach der Aufhebung des Lockdowns an den Schulen weiter digital mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten. Das steht fest. Fest steht aber auch, dass es Gewinner und Verlierer des Homeschoolings gibt.

Wer vorher gut in der Schule, ist es auch zu Hause, er empfindet laut Bianca Pflips die Atmosphäre zu Hause für die eigene Konzentration als wohltuend. Wer allerdings schon vorher Schulprobleme gehabt habe, habe sie jetzt verstärkt. „Wenn Eltern sich nicht kümmern, tauchen sie ab und gehören am Ende zu den Verlierern. Wer vorher keine Lust hatte auf Schule, hat sie jetzt erst recht nicht.“

„Kinder aus bildungsschwachen Familien werden abgehängt“

Allen Schülern sei gleich, dass ihnen die sozialen Kontakte fehlten. Sie seien schon froh, wenn sie ihre Klassenlehrerin oder ihren Klassenlehrer in der Videokonferenz sähen.

Bemerkenswert ist aus der Umfrage ein weiterer anonymer Kommentar. Darin schreibt ein Lehrer u.a.: „Schülerinnen und Schüler aus bildungsschwachen Familien werden zunehmend abgehängt. Meine Klasse spricht von Überforderung, dauerhaftem Stress und zunehmender Abgeschlagenheit. Mir bricht es das Herz zu sehen, wie einige meiner Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer Herkunft keine Möglichkeit haben, mitzukommen.“

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Redaktion Haltern
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Elisabeth Schrief
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