Wir haben uns bei einem Halterner Orthopäden und einem Hautarzt als Privat- und Kassenpatienten ausgegeben. Wie bekommen wir den Termin früher? Die Ergebnisse sind überraschend.

Haltern

, 27.07.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Haltern am See gibt es eine dermatologische Gemeinschaftspraxis. Mit anderen Worten: Eine Praxis, mit zwei Hautärzten, nämlich Dr. Cinar Örge und Dr. Berthold Vieth. Man könnte meinen, dass es als Kassenpatient dementsprechend besonders schwierig ist, einen kurzfristigen Termin zu vereinbaren.

Am 16. Juli habe ich kurz nach 15 Uhr beim besagten Hautarzt angerufen. Ich gab vor, seit einigen Tagen von Hautausschlag auf meinem Rücken betroffen zu sein. Dabei erwähnte ich nicht, dass ich Privatpatient bin. Die Arzthelferin Karin Wolter musste demnach davon ausgehen, dass ich gesetzlich versichert bin.

Ein Termin beim Hautarzt am selben Tag

Sie bot mir an, dass ich zwischen 17 und 18 Uhr vorbei kommen könnte. Ich beendete das Telefonat und habe noch einmal angerufen, um meine wahre Identität als Journalist der Halterner Zeitung offenzulegen.

Danach gefragt, ob es üblich ist, dass gesetzlich Versicherte so schnell einen Termin erhalten, antwortete die Arzthelferin: „Im Durchschnitt warten Sie bei uns etwa zwei bis drei Wochen. Wir bieten auch dreimal die Woche eine Akutsprechstunde an. Da können Patienten kurzfristig kommen, aber sie müssen mit Wartezeit rechnen.“ So wäre es auch in meinem Fall gewesen, obwohl ich über keine akuten Schmerzen geklagt habe.

Örge: „Wir machen keinen Unterschied, weil es unethisch ist.“

Ich verzichtete im Falle der dermatologischen Praxis darauf, mich als Privatpatient auszugeben, denn schneller als am selben Tag wäre eine Terminvergabe ohnehin nicht möglich gewesen. Ich stellte dennoch die Frage, ob bei der Terminvergabe zwischen Privatpatienten und gesetzlich Versicherten unterschieden wird.

Darauf antwortete Dr. Cinar Örge persönlich: „Wir machen da keinen Unterschied, weil es unethisch ist, aber ich weiß, dass andere Kollegen das anders machen.“ Entscheidend für die Schnelligkeit der Terminvergabe sei die Dringlichkeit.

Patienten werden bei der Terminvergabe gleich behandelt

Das gleiche Experiment habe ich in einer Halterner Gemeinschaftspraxis für Orthopädie durchgeführt, nämlich bei Dr. Ralf Asholt und Dr. Jens Möller. Gegen 15.30 Uhr habe ich mich am selben Tag auch hier als gesetzlich Versicherter ausgegeben. Dabei habe ich behauptet, seit mehreren Tagen stechende Rückenschmerzen zu haben.

Die Arzthelferin Carina Witholt bot mir für Donnerstag, also zwei Tage später, einen Termin an. Meine Kollegin Lena Gerken hat kurz darauf mit den angeblich gleichen Beschwerden in der Praxis angerufen und sich als Privatpatientin ausgegeben.

Sie hätte auch erst am Donnerstag einen Termin bekommen. Wenige Minuten später habe ich zurückgerufen und mich als Journalist vorgestellt. Arzthelferin Carina Witholt sagte: „Bei der Terminvergabe orientieren wir uns vor allem nach Dringlichkeit und dem Terminwunsch der Patienten. Es macht keinen Unterschied, ob jemand privat oder gesetzlich versichert ist.“ Dass es diesmal so schnell ginge, sei den Ferien geschuldet. Normalerweise würden Patienten im Durchschnitt ein bis zwei Wochen warten.

Experte ist von den Ergebnissen nicht überrascht

Während die Ergebnisse unseres Vergleichs viele überraschen dürften, erfüllen unsere Erkenntnisse die Erwartung von Roland Stahl, Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Das ist die Interessenvertretung der zur Behandlung gesetzlich Krankenversicherter zugelassenen niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten auf Bundesebene.

Laut Rahl werden Privatpatienten gegenüber den gesetzlich Krankenversicherten bei der Terminvergabe nicht bevorzugt, „auch wenn manche das anders empfinden. Wir führen seit Jahren die Versichertenbefragung durch, aus der das hervorgeht“. Ganz stimmt das jedoch nicht.

Studie sieht Privatversicherte leicht im Vorteil

In dieser Studie fassen die Autoren zusammen: „Bei der Terminvereinbarung kommen Privatversicherte unterm Strich weiterhin etwas schneller zum Zug als die Angehörigen einer gesetzlichen Krankenversicherung (AgK)“.

Konkret geben 30 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten an, zuletzt ohne Wartezeit einen Arzt aufgesucht zu haben. Bei den Privatversicherten sind es 29 Prozent. Keine Wartezeit bedeutet in der Studie, dass die Patienten noch am gleichen Tag in Praxis gehen konnten.

Von einer Wartezeit bis zu einer Woche sind Privatpatienten mit 16 Prozent häufiger betroffen, als AgK mit 12 Prozent. Umgekehrt waren laut der Studie Wartezeiten von über drei Wochen bei gesetzlich Versicherten mit 16 Prozent häufiger als bei Privatpatienten mit 10 Prozent.

Bei Vorsorgeterminen müssen gesetzlich Versicherte länger warten

Roland Stahl erklärt die Unterschiede wie folgt: „Wenn ein Patient akute Beschwerden hat, dann unterscheiden Ärzte nicht, ob sie privat oder gesetzlich krankenversichert sind. Wenn Sie eine Vorsorgeuntersuchung vereinbaren wollen, wie zum Beispiel ein Termin zur Krebsvorsorge, dann kann es sein, dass Privatpatienten vorgezogen werden.“ Dadurch seien die Wartezeiten für AgK bei über drei Wochen höher als bei Privatpatienten.

Neben der Art der Krankenversicherung, sei die Wartezeit laut der Studie auch abhängig von der Dringlichkeit und der aufgesuchten Facharztgruppe. Am höchsten seien die Wartezeiten bei Frauenärzten, gefolgt von Psychiatern, Urologen, Kardiologen, Hautärzten, Augenärzten, Internisten und Hals-Nasen-Ohren-Ärzten. Am niedrigsten sei die Wartezeit bei Chirurgen. Privatpatienten kommen im Vergleich zu AgK bei Fachärzten noch schneller zum Zug als bei Hausärzten.

Sabine Wolter, Referentin für Gesundheitsrecht bei der Verbraucherzentrale NRW, schätzt die Ergebnisse der Studie als glaubwürdig ein. Sie begründet die Bevorzugung von Privatpatienten gegenüber AgK unter anderem damit, dass sie finanziell attraktiver sind. Die kurzen Wartezeiten für AgK in Haltern sind aus ihrer Sicht nicht repräsentativ für Deutschland.

Für die Versichertenbefragung wurden 2018 in Deutschland mehr als 6.000 zufällig ausgewählte Personen telefonisch befragt. Die Ergebnisse der Untersuchung sind laut den Autoren repräsentativ für die erwachsene Deutsch sprechende Wohnbevölkerung.

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