Nervliche Zerreißprobe: Heeker Unternehmen deckt Nazi-Gräueltaten auf

hzKZ-Außenlager

Die Gräueltaten der Nazis liegen Jahrzehnte zurück. Doch noch immer ist das exakte Ausmaß vielerorts unklar. Ein Heeker Unternehmen hilft ehrenamtlich dabei, Licht ins Dunkle zu bringen.

Heek

, 29.05.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Malerisch liegt Berga im Tal der Weißen Elster. Bewaldete Höhenzüge umringen das Städtchen in Thüringen. Idylle pur. Doch Bergas Geschichte birgt ein dunkles Kapitel. Eines, das an Grausamkeit kaum zu überbieten ist. Hunderte, zumeist jüdische Häftlinge, starben in dem beschaulichen Örtchen unter der Unmenschlichkeit der Nazis in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges.

„Entsorgt“ wurden die Toten in Massengräbern. Von Mithäftlingen. Ohne Namen. Ohne Grabstein. Ohne Nachricht an die Hinterbliebenen. Viele, viele Jahre war die tatsächliche Größe des Massengrabes am Waldrand unklar. Ein Geheimnis der Nationalsozialisten. Doch ein Heeker Unternehmen hat Jahrzehnte später Licht ins Dunkle gebracht und das Ausmaß des Grauens exakt eingrenzt. Mit spezieller Technik und unter extremer nervlicher Belastung.

Zwei Tage sind die Mitarbeiter im Einsatz

Mai 2018. Mitarbeiter der Geo-Radar GmbH aus Heek sind zwei Tage mit speziellen Handgeräten am Hang im Einsatz. Die bewaldete Fläche war zuvor gerodet worden. Sie sondieren mittels Georadar den Untergrund am Waldrand und jenen um den bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aufgestellten Gedenkstein. Ehrenamtlich und im Auftrag des Volksbundes. Was sie dort später in bis zu drei Meter tiefen finden sollen, übersteigt jegliche Vorstellungskraft.

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313 tote Häftlinge, die sich in der Nazi-Maschinerie zu Tode arbeiteten. Die meisten von ihnen waren Juden. Entsorgt wie Müll in einzelnen Massengräbern mit jeweils 10 bis 14 Toten. „Wir konnten die Gräberstruktur mit unserer Technik direkt klar erkennen“, berichtet Geo-Radar-Inhaber Winfried Leusbrock hörbar bewegt im Gespräch mit der Redaktion. „Das Ausmaß war einfach erschütternd.“

Die Georadar-Technik ist ein spezielles Scanverfahren

Zur Erklärung: Mit der Georadar-Technik, die das Unternehmen Stück für Stück verfeinert hat, werden elektromagnetische Impulse im Radarfrequenzbereich in den Boden gesendet. An Objekten werden diese Impulse reflektiert. Die Stärke und Art der Reflexion lassen dann gute Rückschlüsse auf den Untergrund zu.

Wegen der steilen Hanglage mussten die Mitarbeiter von Winfried Leusbrock mit Handgeräten den Boden sc

Wegen der steilen Hanglage mussten die Mitarbeiter von Winfried Leusbrock mit Handgeräten den Boden scannen. © Winfried Leusbrock


Die so erstellte 3D-Bodenauswertung wird über ein Drohnenbild der Fläche gelegt. So ist eine exakte Kartierung möglich. 25 Prozent der Arbeit erfolgt im Feld, die Detailauswertung im Büro. Dabei sollte der eigentliche Schock für die Mitarbeiter erst knapp zwei Monate später erfolgen. Vor Ort. Doch der Reihe nach.

Die Nazis wollen die Mineralöl-Produktion sichern

Dass sich in Berga überhaupt solche Gräueltaten ereigneten, ist im Verlauf des Zweiten Weltkrieges begründet. Denn nachdem die Alliierten mit ihren Luftangriffe ab 1944 verstärkt die Industriezweige aus dem Mineralölsektor ins Visier nahmen, hatte bei den Nazis die Sicherung dieser Produktionsstätten höchste Priorität.

Wegen der steilen Hanglage mussten die Mitarbeiter von Winfried Leusbrock mit Handgeräten den Boden scannen.

Wegen der steilen Hanglage mussten die Mitarbeiter von Winfried Leusbrock mit Handgeräten den Boden scannen. © Winfried Leusbrock


Darum wurde am 30. Mai 1944 der Mineralölsicherungsplan, das sogenannte „Geilenberg-Programm“, ins Leben gerufen. Namensgeber Edmund Geilenberg soll von Hitler persönlich beauftragt worden sein, die Deutsche Treibstoffherstellung in untertägige, bombensichere Stollen zu verlagern.

Die Bunkeranlagen waren ein geheimes Bauprojekt

Und so entstanden auch die unterirdischen Bunkeranlagen in Berga als geheimes Bauprojekt mit Zwangsarbeitern aus dem KZ Buchenwald unter dem Namen „Schwalbe V“. Eines von insgesamt 150 Außenlagern.

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Kernziel der Nazis: Eine bombensichere Treibstoff-Herstellung für die V2-Raketen. Jene Großrakete, die den Krieg noch zu Gunsten der Nationalsozialisten entscheiden sollte. Für dieses Ziel schufteten sich die Zwangsarbeiter in Berga zu Tode. Akkordarbeit, Nahrungsentzug, Folter – jedes Mittel war den Nazis recht, solange die Bunkeranlage nur schnell errichtet war. Dass die Arbeiter zu Hunderten starben, wurde billigend in Kauf genommen.

Die Toten wurden Mithäftlingen „entsorgt“

„Die Toten wurden von Mithäftlingen auf einem Leiterwagen zum Hang gebracht und dort in Massengräbern verbuddelt“, erklärt Winfried Leusbrock. Und nur weil einer der gestorbenen Männer eine Flasche mit Namen und Geburtsdaten der Mithäftlinge mit ins Grab nahm, war es überhaupt möglich, den 313 Toten nach Jahrzehnten der Anonymität wieder ein Gesicht zu geben.

Nur dieser eine Gedenkstein erinnerte jahrelang an die Gräueltaten der Nazis. Das genaue Ausmaß der Massengräber vor Ort war bis 2018 unklar.

Nur dieser eine Gedenkstein erinnerte jahrelang an die Gräueltaten der Nazis. Das genaue Ausmaß der Massengräber vor Ort war bis 2018 unklar. © Winfried Leusbrock

Juli 2018. Winfried Leusbrock und sein Team sind wieder in Berga. Am Waldrand. „Wir haben die Probegrabungen verfolgt“, so Leusbrock, die auf Basis ihrer Arbeit vorgenommen wurden und nachdem alle notwendigen Einverständiserkläungen vorlagen. Und dabei kam das wahre Grauen ans Licht, wie es Leusbrock umschreibt.

Der Anblick der Toten war für das Team schrecklich

Einen Moment stockt ihm im Gespräch der Atem, dann sagt er: „Wir haben schon viel gesehen, aber das in Berga war für uns alle ganz schwer zu verkraften.“ Durch die Beschaffenheit des Bodens mit hohem Kalkanteil waren die Toten bei Weitem noch nicht vollständig verwest. Im Gegenteil. „So etwas sehen zu müssen, ist sehr belastend.“ Ein Psychologe des Volksbundes hat das Team betreut. Und tut es noch immer.

So sehen die Georadar-Scanns aus.

So sehen die Georadar-Scanns aus, wenn sie über eine 3D-Karte gelegt werden. Orange-rote Flächen deuten dabei eindeutig auf Objekte oder Hohlräume im Untergrund hin. In diesem Falle waren es die Leichen von über 300 Zwangsarbeitern. © Winfried Leusbrock

Und doch ist es genau das, wofür sich Winfried Leusbrock und sein Team ehrenamtlich einsetzen. „Wir möchten gegen das Vergessen arbeiten, den Toten die letzte Ehre erweisen und den Angehörigen, so weit möglich, Gewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten überbringen.“

Die Gedenkstätte ist noch nicht offiziell eingeweiht

Und genau deshalb und auf Basis der Vermessung der Geo-Radar GmbH aus Heek wurde das Areal mit den zahlreichen Massengräbern exakt eingegrenzt und in den Folgemonaten in eine würdevolle Gedenkstätte umgewandelt. Zahlreiche Grabsteine wurden aufgestellt. Namen, Geburts- und Todesdatum der 313 Häftlinge sind eingraviert.

Das Areal wurde auf Basis der Vermessung des Heeker Unternehmens in eine würdevolle Gedenkstätte umgewandelt. Die offizielle Einweihung steht allerdings noch aus.

Das Areal wurde auf Basis der Vermessung des Heeker Unternehmens in eine würdevolle Gedenkstätte umgewandelt. Die offizielle Einweihung steht allerdings noch aus. © Winfried Leusbrock

Noch steht die offizielle Eröffnung aus. Auch, weil die Corona-Krise dazwischen kam. Aber vor allem, weil sich unzählige Verwandte der in Berga Gestorbenen aus aller Welt für diesen Moment angekündigt haben, wie Winfried Leusbrock berichtet. Das Interesse sei groß. „Wenn wir dazu beitragen können, dass Angehörige Klarheit und einen Ort der Trauer bekommen, haben wir gute Arbeit geleistet.“

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