Tausende Apotheken durch Insolvenz von Dienstleister bedroht

hzAVP-Insolvenz

Die Insolvenz eines Dienstleisters bedroht bundesweit tausende Apotheken. Insgesamt geht es um 420 Millionen Euro. Gabriele Overwiening, Inhaberin der Burgapotheke, kann es nicht fassen.

Heek

, 25.09.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Rund 3000 Apotheken in ganz Nordrhein-Westfalen dürfte diese Nachricht getroffen haben, wie der Schlag: Der Abrechnungsdienstleister AVP in Düsseldorf hat vor zehn Tagen Insolvenz angemeldet. Von heute auf morgen standen die Apotheken vor dem finanziellen Ruin. Denn sie können plötzlich Rechnungen ihrer Großhändler, Gehälter oder Mieten nicht bezahlen.

Gabriele Overwiening (l.), Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe hier beim Besuch von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann Ende 2019, weiß von mindestens zwei Apotheken im Kreis Borken, die durch die AVP-Insolvenzplötzlich vor dem Nichts stehen.

Gabriele Overwiening (l.), Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe hier beim Besuch von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann Ende 2019, weiß von mindestens zwei Apotheken im Kreis Borken, die durch die AVP-Insolvenzplötzlich vor dem Nichts stehen. © Anne Winter-Weckenbrock

Gabriele Regina Overwiening betreibt mit ihrem Mann zusammen nicht nur die beiden Apotheken in Heek und Nienborg sowie drei weitere Apotheken im Kreis, sie ist auch Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. „Persönlich bin ich zum Glück nicht betroffen, weil wir mit der standeseigenen Abrechnungsstelle zusammenarbeiten“, sagt sie.

Doch sie wisse von mindestens zwei betroffenen Apotheken im Kreis Borken. Im gesamten Gebiet Westfalen-Lippe rechne sie mit rund 300 betroffenen Apotheken. Genauere Daten gibt es nicht, weil die Apotheken nicht verpflichtet sind, ihre Partner für die Abrechnung zu benennen. „Wir können das nur anhand der Anfragen bei uns ungefähr hochrechnen“, sagt sie.

Apotheken sind auf Dienstleister angewiesen

Doch wo liegt überhaupt das Problem? Wie Gabriele Overwiening erklärt, könne eine einzelne Apotheke die Abrechnung gar nicht mehr alleine bewältigen. Für den Apotheker sei das Rezept vom Arzt so etwas wie die einzig gültige Währung. „Da hängen so viele Daten und Bürokratie hinter, das ist überhaupt nicht möglich“, sagt sie. An dieser Stelle kommen Abrechnungsdienstleister wie eben AVP ins Rennen. Die Apotheken übermitteln ihnen die Daten, dort werden sie verarbeitet und mit den Krankenkassen abgerechnet. Danach überweisen die Dienstleister das Geld an die Apotheken.

Medikamente müssen erst einmal gekauft werden

Problem für die Apotheken: Sie müssen Medikamente erst kaufen, bevor sie sie an ihre Kunden weitergeben können. Die Abrechnung erfolgt dann im Folgemonat. Und wenn dann plötzlich der Abrechnungsdienstleiter wegfällt, entsteht ein riesiges finanzielles Loch. „Pro Apotheke kommt da ganz leicht ein hoher sechsstelliger Betrag zusammen“, rechnet Gabriele Overwiening vor.

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Nun gehe es um das Geld von eineinhalb Monaten. Was das für eine einzelne Apotheke bedeute, sei klar: „Das bedeutet ganz klar und schnell den Konkurs.“ Dass so ein Dienstleister in Insolvenz geht, sei ein absolutes Novum: „Das hat es noch nie gegeben und ich kann auch nicht verstehen, wie das passieren konnte“, sagt sie. Die Abrechnung sei doch, wenn auch aufwendig und komplex, eine sehr einfach zu kalkulierende Dienstleistung. „Es gibt feste Anteile, die für die Abrechnung bezahlt werden müssen“, sagt sie. Etwas salopp schiebt sie hinterher: „So ein Dienstleister schiebt nur Geld hin und her und behält dafür seinen Anteil.“ Dass der plötzlich und unerwartet in Schieflage geraten soll, will ihr nicht einleuchten.

420 Millionen Euro Schaden, Staatsanwaltschaft ermittelt

Muss es auch nicht: Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen zwei Personen wegen Bankrotts. Der Verdacht besteht, dass es sich bei der Insolvenz um Betrug gehandelt haben könnte. Bundesweit geht es um rund 420 Millionen Euro, die nicht an Apotheken ausgezahlt wurden.

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Für die Kammerpräsidentin soll das Kapitel schnellstmöglich abgeschlossen werden. „Wir möchten die Versorgung mit Medikamenten für die Menschen ja so einfach wie möglich halten“, erklärt sie. Gleichzeitig sei es deswegen aber eben auch kompliziert, zu erklären, was alles hinter dem Tresen einer Apotheke geschehe. „Wir werden so selbstverständlich wahrgenommen, wie der Strom, der aus der Steckdose kommt“, sagt sie mit einem Lachen in der Stimme. Das sei ja auch normalerweise genau richtig so.

Sie hofft nun, dass den betroffenen Apotheken schnelle und günstige Kredite zur Verfügung gestellt werden können, damit sie ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Großhandel nachkommen können.

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