Sozialkaufhaus ist leergeräumt - doch gebraucht wird es immer noch

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Jetzt ging alles ganz schnell. Bis Sonntag musste das Sozialkaufhaus an der Südstraße leergeräumt sein. Viele Helfer packten mit an - und blicken nun in eine ungewisse Zukunft.

Herbern

, 08.09.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein paar Kartons mit Kleiderbügeln, ein gutes Dutzend leere Koffer und ein Regal mit Büchern. Viel mehr ist nicht übrig geblieben vom Herberner Sozialkaufhaus. Als dessen Leiter Hubert Schumacher (69) am Donnerstag durch den großen Raum des ehemaligen Modehauses an der Südstraße 15 stapft, klingt er schon ein wenig erleichtert. „Wir hatten erst Sorge, dass wir unsere Sachen nicht so schnell loswerden. Aber es hat dann doch geklappt“, sagt Schumacher.

Rund 100 Säcke mit Kleidung, Haushaltswaren und Co. mussten kurzfristig bis Sonntag weggeschafft werden. Denn Hauseigentümer Joachim Raguse möchte in den Räumen des von der Arbeitsgemeinschaft Flüchtlinge betriebenen Kaufhauses mit dem Bau seiner Wohnungen für Pflegebedürftige beginnen.

Kurzfristiger Räumungstermin

Angekündigt war das schon lange. Der genaue Räumungstermin war jedoch erst am vergangenen Wochenende bekannt geworden. Und weil nun plötzlich alles so schnell gehen musste, verschenkte das Sozialkaufhaus seine Waren kurzerhand sogar. Ein neuer Standort ist nämlich noch nicht in Sicht.

„Die letzten Tage waren so hektisch, dass wir uns noch gar nicht viele Gedanken darüber machen konnten, wie es jetzt weitergeht. Ich bin mir aber sicher, dass wir die Arbeit hier vermissen werden“, so Schumacher.

Sozialkaufhaus ist leergeräumt - doch gebraucht wird es immer noch

Das Sozialkaufhaus in Herbern musste seine Türen schließen. Einen neuen Standort gibt es noch nicht. © Felix Püschner

Seine Frau Maria (70) hat die Anfänge des Sozialkaufhauses noch genau vor Augen. 2015 sei das gewesen, erzählt sie. Als viele Flüchtlinge mit Bussen in Herbern ankamen und es eigentlich noch gar nicht die Strukturen gegeben habe, um sie alle zu versorgen. Da sei die Idee des Sozialkaufhauses entstanden.

Die Räume habe man damals für ganz kleines Geld bekommen - und durch großes ehrenamtliches Engagement „aus dem Nichts etwas Besonderes geschaffen.“

Auch die Flüchtlinge packten beim Aufbau des Sozialkaufhauses selbst mit an. Zahlreiche Spenden in Form von Kleidung, Haushaltsgeräten, Büchern und Spielen sorgten in der Folge für gut gefüllte Regale.

Sozialkaufhaus als Integrationsprojekt

Arezo Amiri nickt, als sie Maria Schumacher zuhört. Die 25-Jährige kam vor gut drei Jahren als Flüchtling aus dem Iran nach Deutschland. Sie brauchte Unterstützung, wollte aber auch etwas zurückgeben. Und das konnte sie, indem sie bei der Arbeit im Sozialkaufhaus half. „Ich war erst als Kundin hier. Irgendwann dachte ich mir, dass ich auch anderen helfen möchte“, sagt sie.

Zu den anderen zählen seither nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Deutsche, insbesondere Bezieher von Transferleistungen. „Wir haben das hier immer als Integrationsprojekt gesehen, als Treffpunkt. Und das hat ziemlich erfolgreich funktioniert“, sagt Maria Schumacher.

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Wären Engagement und Erfolg ein Garantieschein für die Fortsetzung einer guten Sache, dann müssten sich wohl weder die elf Mitarbeiter des Sozialkaufhauses noch die Kunden jetzt die Frage stellen, wie es weitergeht. Sie müssen es aber - und eine Antwort gibt es noch nicht wirklich.

Zwar sei der Bedarf nach dem Sozialkaufhaus immer noch vorhanden, aber ohne passende Räume gehe es eben nicht, sagt Hubert Schumacher:

„Und da müssen schon ein paar Bedingungen erfüllt sein. Vor allem muss die Fläche für den Verkaufsraum groß genug sein. Wir brauchen auch Sanitäranlagen und einen Mitarbeiterraum. Und zu teuer darf es auch nicht sein.“

Noch keine passende Alternative gefunden

In Herbern habe man sich acht Objekte angeschaut, aber nichts Passendes gefunden. Nun ruhen die Hoffnungen auf einem alternativen Standort in Ascheberg. Dort werde man weiter suchen, etwas Konkretes gebe es aber noch nicht. Sicher ist hingegen, dass nicht alle Mitarbeiter den Weg nach Ascheberg auf sich nehmen werden. Vielen ist er einfach zu weit.

Für sie endet das Kapitel Sozialkaufhaus spätestens mit der Abschiedsfeier, die es bald bei der Pfarrgemeinde St. Lambertus geben soll.

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