Von Ascheberg in die JVA: Neue Aufgaben für Sarah Ostermann

Ascheberg

Die Ascheberger Pastoralassistentin Sarah Ostermann hat drei Jahre lang in Ascheberg gearbeitet. Ihre neue Aufgabe zieht sie nun an einen ungewöhnlichen Ort: eine Justizvollzugsanstalt.

Ascheberg, Herbern

von Michael Bönte

, 22.09.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Sarah Ostermann hat drei Jahre lang als Pastoralassistentin in der Gemeinde Ascheberg gearbeitet.

Sarah Ostermann hat drei Jahre lang als Pastoralassistentin in der Gemeinde Ascheberg gearbeitet. © Kirche + Leben/Michael Bönte

Sie zögert nur kurz, um dann den Kopf zu schütteln. „Diese Fragen habe ich mir so noch nie gestellt“, sagt Sarah Ostermann dann. Warum wird sie als Pastoralreferentin bald in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Dinslaken im Einsatz sein? Warum bei Menschen, die sich schuldig gemacht, anderen Leid zugefügt haben? „Ehrlich: Darüber brauche ich als Christin nicht lange nachzudenken“, sagt die 26-Jährige. „Das ist ein Auftrag, der sich aus meinem Glauben heraus von selbst ergibt.“

Dass sich die gebürtige Niederrheinerin nach ihrer Beauftragung durch Bischof Felix Genn am 27. September in Münster mit einer neuen Gruppe der Gesellschaft beschäftigt, ist nichts Neues für sie. Auch im Freiwilligen Sozialen Jahr und im Studium der Religionspädagogik waren es Menschen, die oft keine Lobby in der Gesellschaft haben, mit denen sie zusammenarbeitete – etwa Migranten und Obdachlose. „Wir Christen wollen dorthin gehen, wo andere nicht hingehen“, sagt Ostermann. „Gerade dort braucht es unsere frohe Botschaft.“

Ostermann: „Es war natürlich absolut unbekanntes Terrain“

Als ihr vor einigen Monaten die Möglichkeit genannt wurde, nach ihrer Assistenzzeit in Ascheberg als Pastoralreferentin in die St.-Dionysius-Pfarrei in Duisburg-Walsum zu wechseln, und in unmittelbarer Nachbarschaft mit einer halben Stelle auch im Justizvollzug zu arbeiten, erbat sie sich dennoch etwas Bedenkzeit. „Ich bin nicht zusammengeschreckt, aber es war natürlich absolut unbekanntes Terrain.“ Die schwere Sicherheitstür einer solchen Anstalt hatte sie noch nie durchschritten. „Ich wollte erst in mich hineinhören, welche Ängste oder Vorurteile da sein könnten.“

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Sie fand keine. Und so sagte sie zu. Aber nur unter der Bedingung, dass sie für ihren Einsatz noch einmal speziell geschult würde. Ihre ersten Arbeitswochen im neuen Job verbrachte sie deshalb in der JVA für Frauen in Vechta, als Hospitantin an der Seite der dortigen Pastoralreferentin Josefine May. Diese Zeit war für sie sehr ereignisreich und hielt viele Überraschungen bereit.

„An die vielen Türen, die auf- und zugeschlossen werden müssen, muss ich mich immer noch gewöhnen.“ Ihre wichtigste Aufgabe war schon während der Hospitanz das Gespräch mit den inhaftierten Frauen. Die suchten den Kontakt zu ihr von Beginn an. „Viele haben mir sofort großes Vertrauen entgegengebracht.“ Denn Seelsorge habe im System des Justizvollzugs eine wichtige Sonderstellung, erklärt Ostermann. „Was die Inhaftierten mir sagen, bleibt unter uns, da gilt eine Art Beichtgeheimnis.“ Eine Offenheit wird möglich, wie sie sonst im stark fremdbestimmten Vollzug nicht zu finden ist. „Genau das brauchen diese Frauen in ihrer Situation.“

Die inhaftierten Frauen suchen häufig den Kontakt

Die Inhaftierten suchten diesen Kontakt häufig, indem sie einen Antrag stellen, der dann im Postfach der Seelsorgerin landet. Und dann kam oft alles auf den Tisch, was sie auf dem Herzen hatten. „Alles, was menschliches Leben ausmacht – da klingelten mir schon manchmal die Ohren“, sagt sie. „Anders als bei Gesprächen mit den Vertretern der Strafverfolgung, den Anwälten oder Psychologen, bei denen sie natürlich gehemmt sind“, weiß Ostermann. Meist wurde es sehr persönlich, die Lebenswege wurden weit zurückgegangen, existenzielle Fragen gestellt. Nach der Straftat selbst fragte Ostermann nie. „Sie erzählten in der Regel irgendwann von allein davon.“ Weil sie zur Lebensgeschichte dazu gehörte, Resultat von Entwicklungen war, Ergebnis von Ereignisketten. „90 Prozent der Täterinnen waren vorher selbst Opfer von Gewalt, Missbrauch oder Demütigung.“

Es wurde geweint. Aber auch viel gelacht, sagt Ostermann. „Das allein zeigt schon, wie tief wir in die Gefühlswelt der Frauen eintauchen können.“ Nicht nur über die neuen Aufgaben, auch über ihren neuen Einsatzort freut sie sich. „Duisburg passt irgendwie zu mir – ich wollte immer schon ins Ruhrgebiet.“ Vielleicht weil sie weiß, dass es in der Arbeiter-Großstadt ein gesellschaftliches Profil gibt, mit dem sie mit ihrem Menschenbild sicher viel anzufangen weiß.

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