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Was Bergbauschäden für eine Familie bedeuten

hzAbschied vom Bergbau

Absenkungen, Schieflage, Risse in der Wand - das sind nur einige der Bergbauschäden, die Stephan Heitmanns Haus betreffen. Er will anderen Personen in einer ähnlichen Lage helfen.

Kirchhellen

, 03.11.2018 / Lesedauer: 5 min

Manchmal wisse er nicht, wo er anfangen und aufhören soll, sagt Stephan Heitmann. Das Haus am Rande von Kirchhellen, das er mit seiner Familie bewohnt, ist massiv von Bergbauschäden betroffen.

Auf den ersten Blick fällt die Problematik der Heitmanns kaum auf. Viel Grün umrandet das alte Fachwerkhaus, welches sehr einladend wirkt. Doch schaut man genauer hin, sind die ersten Mängel schnell erkennbar.

„Bei euch läuft man ja bergab“

„Wenn uns Leute besuchen kommen, ist das Erste, was sie sagen meist: `Bei euch läuft man ja bergab´“, erzählt der Kirchhellener. Und tatsächlich: Ganze fünf Zentimeter Höhenunterschied sind auf einer Distanz von drei Metern messbar.

Das hat einige kleine Probleme zur Folge. So fallen die Türen auch ohne Wind einfach ins Schloss. Schon so manches Mal hat sich Stephan Heitmann deshalb ausgeschlossen.

Und wenn der Hobby-Heimwerker wie momentan sein Dachgeschoss umbauen will, gestaltet sich der genau waagerechte Einbau von Fenstern, Türen und co. schwierig: „Man muss eine Tür natürlich immer waagerecht bauen, weil es sonst nachher Probleme mit den Schanieren gibt. Wenn ich das aber mache, ist unter der Tür, ausgelöst durch die Schieflage, ein großer Spalt.“

Risse gehen bis ins Fundament

Doch knallende Türen und der Umbau seines Daches sind nicht die einzigen Probleme, die Stephan Heitmann Sorgen machen. Auch die Risse in den Wänden des Hauses, die sich immer weiter ausdehnen, bereiten dem Kirchhellener Kopfzerbrechen. Was im vergangenen Jahr mit ein paar Haarrissen begann, wurde schnell immer größer. Mittlerweile reichen einige Risse sogar bis in das Fundament.

Was Bergbauschäden für eine Familie bedeuten

Mittlerweile sind die Risse in der Hausfassade keine Seltenheit mehr. © Johanna Wiening

Die deutlich sichtbare Problematik sei am Haus nicht zum ersten Mal aufgetreten, berichtet Heitmann. Er verweist auf einige hellere Fugen in der Außenfassade: „Vor vier Jahren hatten wir solche Risse schon mal. Da haben wir das dann an diesen Stellen wieder fertig machen lassen, aber jetzt kommt das alles wieder.”

Der Putz bröckelt von der Wand

Einen großen Schock erlebte der Kirchhellener dann vor ein paar Wochen. Er wollte das Ankleidezimmer der Familie renovieren und zog im Zuge dessen einen großen Kleiderschrank von der Wand. Was er dahinter vorfand, schockierte selbst den schadenserprobten Heitmann: An zwei großen Flächen hatte sich die Tapete gelöst und der Putz bröckelte unaufhörlich von der Wand.

Momente wie diese lassen Stephan Heitmann immer wieder verzweifeln: „Das ist ja auch eine psychische Belastung mittlerweile. Man fühlt eine Ohnmacht, weil jemand unter dem eigenen Haus etwas weggräbt und man nichts dagegen tun kann.”

Ein Gutachter soll die Schäden klären

Und weil es bei Stephan Heitmann und seiner Familie im Obergeschoss sowie bei seinen Eltern im Untergeschoss des Hauses wortwörtlich an allen Ecken und Enden bricht, haben sie im Juni dieses Jahres einen Gutachter beauftragt. Der soll ihnen nun endlich eine handfeste Auskunft geben, wie schlimm die Schäden wirklich sind.

Um die finanziellen Probleme, die die unvermeidbare Renovierung nach sich ziehen könnte, geht es Heitmann jedoch nur hintergründig. Natürlich sei man entschädigt worden, so der Kirchhellener.

Und auch die Ruhrkohle AG (Kurz RAG), die sich um die Entschädigung von Betroffenen wie Familie Heitmann kümmert, will sich nicht aus der Affäre ziehen. So heißt es bereits 2016: „Wir übernehmen auch nach Ende der Steinkohleproduktion die Verantwortung für die vom Bergbau verursachten Schäden. Dies ist die Aufgabe der RAG. Wir haben dafür entsprechende Rückstellungen aufgebaut.”

In erster Linie ist Heitmann jedoch nicht das Geld, sondern der zeitliche Rahmen der Renovierung wichtig: „Bei meinen Eltern im Erdgeschoss ist jeder Raum von den Schäden betroffen. Da muss man dann gucken, inwieweit sie für den Zeitraum der Renovierung das Haus räumen müssen. Für zwei 80-Jährige wäre das ein ganz schön großer Aufwand.”

10.000 Euro für das eigene Land

Doch das wäre nicht das erste Mal, dass Stephan Heitmann aufgrund des Bergbaus einen solchen Aufwand betreiben müsste. Bereits im Jahr 2000 hatte er mit ganz anderen Bergbauproblemen zu kämpfen.

Damals habe er ein Schreiben bekommen, berichtet er: „Man hatte mir gesagt, dass man ein Stück von meinem Land abkaufen benötige, weil man dafür Sorgen wollte, dass der Wiesentalbach richtig herum fließt. Das hat mich schon damals tierisch geärgert.” Letzten Endes habe er 10.000 Euro für Juristen aufwenden müssen, um das Land, das sowieso ihm gehörte, zu behalten.

Nach dieser Problematik reichte es ihm. Heitmann fürchtete weitere schwerwiegendere Schäden, wie eben jene, die jetzt eingetroffen sind. Mit einigen Nachbarn gründete er den Initiativkreis Bergbaubetroffener Bürger, kurz IBB. Seit 2000 versuchen sie gemeinsam, sich für die Belange der Geschädigten auf mehreren Wegen einzusetzen.

„Wir sitzen mitten im Schadensgebiet”

Die meisten Leute seien sehr nostalgisch was den Bergbau angeht und vergessen, welche Schäden dieser angerichtet habe, kritisiert Michael Farien, Schriftführer und ehemaliger Vorsitzender des IBB: „Wir wollen uns für das Allgemeinproblem einsetzen. Schließlich sitzen wir hier mitten im Schadensgebiet, wo schon viele Häuser abgerissen wurden aufgrund der Schäden.”

Um solche Abrisse zu verhindern und die Geschädigten so weit wie möglich zu unterstützen, recherchieren die Mitglieder des IBB immer wieder nach Ungereimtheiten. Einige Male konnten sie Erfolge verzeichnen, die für jeden Kirchhellener eine Erleichterung sein dürften.

Die Nulllinie, die nicht mehr bei Null steht

Ihre größte Errungenschaft bisher haben sie vor einigen Jahren erreicht: Im Zuge ihrer Recherchen war ihnen aufgefallen, dass der Betrachtungsraum, also das Gebiet, in dem die Verantwortlichen bei Rissen in der Wand, Absenkungen und co. von Bergschäden sprechen und diese auch entschädigen, dringend erweitert werden müsse.

Der Grund: In den Berechnungen der Bergbau-Verantwortlichen verläuft rund um den Senkungsschwerpunkt durch Kirchhellen eine sogenannte Nulllinie, an der es keine relevanten Absenkungen mehr gibt und die den Betrachtungsrahmen für Bergbauschäden eingrenzt. Alles was außerhalb dieser Linie an Problemen entsteht, wurde nicht mehr als Bergbauschäden anerkannt. In dieser Sichtweise sahen Stephan Heitmann und Michael Farien jedoch große Ungerechtigkeiten: „Es gibt auch außerhalb der Nulllinie erwiesene Absenkungen und damit auch potenzielle Schäden. Ohne Zweifel mussten die Messergebnisse fortlaufend aktualisiert und die Nulllinie erweitert werden.”

Der erweiterte Betrachtungsraum

Gesagt, getan: Der IBB sorgte dafür, dass die RAG ein neues Gutachten über die Schäden außerhalb des Betrachtungskreises erstellen musste. Zudem wurde ein zweites, unabhängiges Gutachten durch die Bezirksregierung auf den Weg gebracht.

Dieses gab dem IBB recht. Von nun an sprechen die Verantwortlichen von einem sogenannten erweiterten Betrachtungskreis. Auch Mängel außerhalb der Nulllinie werden jetzt begutachtet und auf Bergbauschäden hin überprüft.

Mit ihrer Arbeit wollen die engagierten Kirchhellener auch weitermachen, wenn mit Prosper Haniel das letzte Bergwerk direkt vor der Haustür seine Tore schließt, so Heitmann: „Diese Schäden werden ja über die Jahre hinweg nicht weniger. Es wird wohl noch Jahrzehnte weitere Absenkungen und Hebungen geben.”

Die Regulierung wird schwieriger

Mit der Schließung von Prosper Haniel erwartet der IBB aber, dass noch ein weiteres Problem auf die Betroffenen zukommt: „Bisher muss man dem Bergbau zugestehen, dass Schadensregulierungen durchgeführt wurden. Aber wir haben schon aus mehreren Städten mit geschlossenen Bergwerken gehört, dass die Schadensregulierung deutlich schwierger wird, sobald alles zu ist.”

Doch trotz ihrer großen Probleme mit dem Bergbau wollen Heitmann und Farien eins festhalten: „Wir sind keine Bergmannsfresser. Die haben auch nur ihre Arbeit gemacht. Unser Problem ist der Bergbau an sich, in den viele Subventionen geflossen sind, ohne dass er nachhaltig vorangebracht wurde.”

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