Altlast bietet Chancen

Auf den Spuren der Industrie- und Kriegsgeschichte

Die Pläne für die Neugestaltung des Wasag-Geländes in Haltern-Sythen stehen. Im Rahmen der IGA 2027 wird auch an Explosionsunglücke und Zwangsarbeit erinnert.
Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Wasag wurde im Jugendstil erbaut. © Ingrid Wielens

Spätestens zur Internationalen Gartenausstellung 2027 (IGA) im Ruhrgebiet wird das Gelände der ehemaligen Sprengstofffabrik Wasag in Haltern-Sythen für Besucher frei zugänglich sein. Die Pläne für diesen sehr außergewöhnlichen Ort, der seit 2019 im Besitz des Kreises Recklinghausen ist, reifen. Dabei geht es auch darum, sagt Peter Haumann, Fachbereichsleiter der Kreisverwaltung, die Spuren der Industrie- und Kriegsgeschichte, die mit dem Standort eng verbunden ist, zu erhalten.

24 von 140 Gebäuden kommen für einen Erhalt in Frage

210 Hektar umfasst das Gelände, das der Kreis zu einem symbolischen Preis von der Sythengrund Wasagchemie Grundstücksverwertungsgesellschaft erworben hat. Die Hälfte der Fläche besteht aus Moor- und Waldlandschaft. Für eine gewerbliche Entwicklung kommen jene 35 Hektar in Frage, auf denen sich noch rund 140 Gebäude aus der Zeit der Sprengstoffproduktion verteilen – vom Verwaltungsgebäude bis zur Bunkeranlage. 24 Gebäude, die zum Teil Denkmalwert haben oder für das Gelände prägend sind, seien bereits untersucht worden, sagt Projektleiterin Isabel Gryska von der Kreisverwaltung. Sie kommen für einen Erhalt in Frage, der übrige Bestand wird abgerissen.

Sprengstoff-Rückstände belasten das Grundwasser

Unter anderem mit der Vermarktung der Fläche will der Kreis die Sanierung der Altlasten aus 100 Jahren Sprengstoff-Produktion finanzieren. Schädliche Sprengstoffrückstände sind im Untergrund versickert und belasten das Grundwasser. Doch störendes Gewerbe ist an diesem sensiblen Standort tabu. Stattdessen sollen die Flächen für Umweltforschung und -bildung sowie für Betriebe und Start-ups reserviert werden, die sich mit Umweltthemen beschäftigen.

Auch Klimaneutralität haben sich die Planer auf die Fahnen geschrieben. Die Energieversorgung soll mit „grünem“ – also aus Wind- und Solarstrom hergestelltem – Wasserstoff sichergestellt werden. „Das passt hervorragend zum ,Vestischen Klimapakt‘, den der Kreistag beschlossen hat“, betont Peter Haumann.

Ökologisch wertvolle Moore gehören zum Wasag-Gelände. Im Rahmen der IGA 2027 sollen auch Besucher sich ein Bild davon machen können. © Rolf Behlert © Rolf Behlert

Stege führen in die wertvolle Moorlandschaft

Für das IGA-Projekt gibt es bereits konkrete Pläne. So soll ein kulturhistorischer Pfad mit Aussichtsplattform durch das Gelände führen. Angeschlossen ist ein Dokumentationszentrum mit Gedenkstätte. Denn dieser Ort steht nicht nur für die Geschichte der Produktion von Wettersprengstoffen (für den Bergbau), sondern auch für schlimme Explosionsunglücke und Zwangsarbeit. Menschen, die auf dem Wasag-Gelände gearbeitet haben, so eine weitere Überlegung, sollen Führungen übernehmen. Die ökologisch hochwertigen Moore könnten über Stege in einem beschränkten Rahmen ebenfalls für die Besucher zugänglich gemacht werden. Fördermittel für die Umsetzung der IGA-Pläne stünden in Aussicht, erklärt Haumann.

Peter Haumann, Fachbereichsleiter der Kreisverwaltung Recklinghausen, und Projektleiterin Isabel Gryska studieren den Rahmenplan für die Neugestaltung des Wasag-Geländes. © Michael Wallkötter © Michael Wallkötter

Die Rahmenplanung, die in Abstimmung mit Kreis und Stadt Haltern von einem Fachbüro vorgenommen wurde, steht. In dieser Woche soll der Rat der Stadt Haltern das Bebauungsplanverfahren auf den Weg bringen. Bis das Gelände vermarktungsfähig ist, werden nach Einschätzung von Haumann und Gryska aber wenigstens noch fünf Jahre vergehen.

SEK-Einheit der Polizei trainiert den Häuserkampf

Zurzeit ist das Areal eingezäunt und wird streng bewacht. Denn ein unbefugtes Betreten birgt viele Gefahren. Gleichwohl erreichen den Kreis spektakuläre Anfragen. Neulich hat eine SEK-Einheit der Polizei auf dem Gelände den Häuserkampf trainiert, demnächst wird eine Rettungshunde-Staffel zum Üben erwartet.

Die Altlast Wasag

Das belastete Grundwasser fließt Richtung Stausee

  • Haltern-Sythen war mehr als 100 Jahre lang Standort der Sprengstoff-Produktion. Im Ersten Weltkrieg bereits ließ die Kaiserliche Armee in großem Umfang Granaten und Bomben herstellen. Weil Produktionsrückstände das Gelände nicht verlassen durften, hat man die schädlichen Stoffe einfach mit großen Spülwassermengen im Untergrund versickern lassen.
  • Spuren krebserregender Stoffe sind auch heute noch im Grundwasser nachweisbar und wandern Richtung Halterner Stausee, wo sie grob geschätzt im Jahr 2050 ankommen.
  • Sanierungs- und Sicherungsmaßnahmen sind eingeleitet. Der Verband für Flächenrecycling und Altlastensanierung in Hattingen (AAV) unterstützt den Kreis dabei. Bis 2024 soll eine Grundwassersanierungsanlage aufgebaut sein, die verhindert, das belastetes Grundwasser das Gelände verlässt. Die Kosten von 5,2 Mio. Euro werden zu 80 Prozent vom AAV getragen.
  • Die Bundesrepublik Deutschland kann als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches haftungsrechtlich nicht in Anspruch genommen werden. Die Sythengrund Wasagchemie hat 5,7 Mio. Euro – das entspricht dem Verkehrswert der Fläche – zur Schadensbeseitigung beigetragen. Zu mehr ist die bisherige Eigentümerin nicht verpflichtet.

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