Pfarrer als „Model“

Ein Freund des zeitgemäßen Auftritts

Pfarrer Christian Siebold legt Wert auf sein Äußeres, hat Spaß an schicker Kleidung, stellt sich auch schon mal für Mode-Fotos zur Verfügung. Kirche und Mode: Passt das zusammen? Sehr gut sogar, findet der 57-Jährige.
Der Pfarrer als Model: Christian Siebold präsentiert im Hohenhorster Stadion Sportswear des Recklinghäuser Herrenausstatters Prange. © Achim Prange

Den Talar trägt Christian Siebold nicht besonders gerne. „Es gibt Situationen, in denen mir meine Amtstracht die Arbeit erleichtert“, sagt der 57 Jahre alte Pfarrer. Dabei denkt er zum Beispiel an Beerdigungen: Wenn ihn der Tod eines Menschen auch persönlich trifft, hilft ihm das Kleidungsstück dabei, in seine Rolle als Pfarrer zu schlüpfen. „Aber ansonsten fühle ich mich im Talar nicht wohl, ich kann mich darin irgendwie nicht richtig bewegen“, sagt der Vater von fünf Kindern.

Durch den LitDOM etwa, den Literaturgottesdienst im Recklinghäuser Gemeindezentrum Arche, führt er deshalb lieber im Anzug: „Mit dem Talar setzt man sich heute ab. Aber ich möchte nicht, dass mich die Kleidung von der Gemeinde trennt.“

Woran man merkt: Der Pfarrer macht sich Gedanken über sein Äußeres. Und nicht nur das: Er legt Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild. Ein gutes Aussehen. Und hat Spaß an schicker Kleidung. So hat er sich gerade erst für Mode-Fotos des Recklinghäuser Herrenausstatters und Damen-Stylisten Prange zur Verfügung gestellt – und in Sportswear im Hohenhorster Stadion in Szene setzen lassen. „Sehr glaubwürdig“, hat Achim Prange in den sozialen Netzwerken zu den Bildern geschrieben, auf denen der ehemalige Sport-, Philosophie- und Theologie-Student Siebold passend zur EM mit einem schwarzen Ball am Fuß gut gelaunt über die Laufbahn tänzelt.

Das Innere und das Äußere gehören für ihn zusammen

Aber passt das wirklich? Hier die Kirche, die sich um die großen Fragen des Lebens kümmert – und dort die Mode, für viele der Inbegriff der flüchtigen Oberflächlichkeit. „Auf diesen Gegensatz würden meine Kinder nie kommen“, sagt Siebold – und meint damit wohl: Das sind überholte Klischees. Er selbst fühlt sich jedenfalls in beiden Welten wohl, zumal für ihn das Innere und das Äußere zusammengehören.

Seit 2009 arbeitet Siebold als Pfarrer auf dem Quellberg. Zuvor war er in Suderwich tätig. Als Verbandsvorsitzender der Gemeinden in Süd, Altstadt und Ost moderiert er die Pfarrkonferenz, ist der Repräsentant der Protestanten in Recklinghausen – und dort außerdem Vorsitzender der von Zukunftssorgen geplagten Evangelischen Akademie. Zudem hat er mit seiner Frau Maike auf der Suche nach zeitgemäßen Gottesdienstformen den LitDOM etabliert.

Darf ein Pfarrer gut aussehen?

Mit der Mode kam Siebold erstmals im vergangenen Jahrtausend intensiver in Kontakt: Als Pfarrer in Blankenstein wurde er gefragt, ob er als sportlicher Typ nicht an einer Modenschau teilnehmen wolle – und traute sich dann in Witten „in einem kleinen Rahmen, so vor 1000, vielleicht 1500 Leuten“ auf den Laufsteg.

Darf ein Pfarrer gut aussehen? Sich schick kleiden? Für Mode Geld ausgeben? Solche Fragen habe er sich damals gestellt, sagt Siebold. Und dann überlegt: „Wieso eigentlich nicht?“

Auf dem Laufsteg war der Pfarrer aber nur einmal. Vor ein paar Jahren hat er dann erstmals Mode-Fotos für Prange gemacht. Und jetzt wieder. „Dafür ziehen wir unsere Kunden so an, wie es zu ihnen passt“, sagt Prange. „Hochwertige, gute Kleidung ist nachhaltig und unterstreicht die Persönlichkeit. Sie ist Kultur. Und Christian Siebold lebt diese Bekleidungskultur.“

Pfarrer Siebold im Talar hinter dem Altar in der Recklinghäuser Arche. © Meike Holz © Meike Holz

Siebold ist die Einheit von Körper, Geist und Seele wichtig. Und das heißt für ihn: Nicht nur theologisch und seelsorgerisch auf dem neuesten Stand zu bleiben, täglich zu beten und zu meditieren, sondern eben auch auf sich zu achten, viel Sport zu treiben. „Mens sana in corpore sano“, zitiert der 57-Jährige die bekannte lateinische Redewendung: ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. „Sonst könnte ich all das, was von mir erwartet wird, gar nicht leisten“, sagt Siebold. Und er glaubt auch: Sich in seiner Haut wohl zu fühlen, sich selbst zu mögen, dankbar zu sein, erleichtert es, sich eben nicht mit sich selbst zu beschäftigen – sondern zu hundert Prozent auf seinen Nächsten einzulassen.

„Schönheit entsteht durch den liebevollen Blick“

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters, sie entsteht erst durch den liebevollen Blick“, sagt der Theologe Siebold. Voraussetzung für diesen liebevollen Blick auf den guten Kern des Menschen sei die Begegnung, das Gespräch, die Interaktion. „Ich hoffe, dass mein Gegenüber durch meine Nähe den sensiblen Seelsorger in mir erkennt, der selbst schon viele Niederlagen und Abschiede erlebt hat.“ Den Gedanken, dass ein gepflegtes Äußeres von diesem Kern ablenken könnte, findet er selbst wiederum: sehr oberflächlich.

Siebold ist es wichtig, zeitgemäß aufzutreten. Und genau hier sieht er bei der Kirche insgesamt Nachholbedarf. Das habe auch die Corona-Krise gezeigt. Einzelne diakonische Angebote oder die Telefonseelsorge seien in dieser Zeit sehr gefragt gewesen. „Aber ich persönlich habe in meiner kleinen Gemeinde schon gemerkt, dass wir weder als system- noch als existenzrelevant wahrgenommen wurden. Wir konnten nicht viel geben.“ Das alles hat für ihn auch mit dem Auftritt zu tun. „Wir leben in einer Welt der Bilder. Aber bei den Bildern, die wir von uns geben, sind wir noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen.“

Form und Inhalt: Das gehört für Siebold absolut zusammen. Und so würde er gerne über ein attraktiveres Äußeres wieder verstärkt mit den Menschen ins Gespräch kommen – um so ins Innere vordringen zu können: „Denn der christliche Glaube ist eine großartige Lebensalternative. Er ist keine verstaubte Sache von vor 2000 Jahren, sondern hat den Menschen auch heute noch viel zu sagen.“

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