Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender EGLV, Dr. Frank Dudda, Ratsvorsitzender der Emschergenossenschaft, Bodo Klimpel, Ratsvorsitzender des Lippeverbandes, sowie Dr. Emanuel Grün, Technischer Vorstand EGLV (v.l.n.r), zeigen, wie voll gelaufen die Rückhaltebecken im Juli waren und wie sie unter normalen Umständen aussehen. © IlIlias Abawi/EGLV
Starkregen

Kreis Recklinghausen soll besser vor Hochwasser geschützt werden

Nach der Unwetterkatastrophe im Juli planen Emschergenossenschaft und Lippeverband sicherere Deiche, mehr Rückhaltebecken und mehr Versickerungsfläche.

Im Sommer während der Flutkatastrophe waren die Systeme an Emscher und Lippe zwar gut aufgestellt und haben funktioniert, doch hatten wir auch ganz schön viel Glück“, sagt Dr. Frank Dudda als Vorsitzender des Emschergenossenschaftsrates und Oberbürgermeister der Stadt Herne. Denn mit den Wassermengen, die beispielsweise in Hagen heruntergekommen sind, hätte es auch rund um die Emscher große Probleme gegeben. „Hier wäre es in vielen Stadtteilen zu Überflutungen mit massiven Schäden gekommen“, sagt Dr. Emanuel Grün, Vorstandsmitglied von Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV).

Gebäudeschäden in Höhe von rund 600 Millionen Euro

Berechnungen haben ergeben, dass es allein im Teil der Emscher zwischen Holzwickede und Gelsenkirchen Gebäudeschäden in Höhe von rund 600 Millionen Euro gegeben hätte, so Dudda. Besser aufgestellt ist man an der Lippe, auch wenn es dort zahlreiche Nebengewässer wie Seseke in Lünen, Mühlenbach in Datteln oder Stever in Haltern gibt, die ebenfalls viel Wasser bei Starkregen mit sich bringen und jeweils auch zu einem reißenden Gewässer werden könnten: Doch selbst den Hagener Regenmengen hätten die Schutzvorkehrungen laut Berechnungen an der Lippe standgehalten.

Bodo Klimpel, Landrat des Kreises Recklinghausen und Vorsitzender des Lippeverbandsrates, hat zudem viele Anrufe von besorgten Bürgern im Kreis Recklinghausen bekommen, die wissen wollten, was solch ein Starkregen für sie bedeuten könnte: „Die Menschen in unserer Region machen sich Sorgen, das nehmen wir ernst und werden handeln.“ Und dabei würden Kosten erst einmal zweitrangig sein. „Es kostet, was es kostet“, sagt Bodo Klimpel auf Nachfrage. Am Ende müsse das umgesetzt werden, was technisch machbar ist und Sinn ergibt.

Not-Entlastung in den Rhein-Herne-Kanal

„Wir müssen Deichabschnitte überströmungssicher ausbauen und den Ausbaugrad der Deiche an einigen Stellen erhöhen – zum Beispiel auf ein Hochwasser, das statistisch gesehen alle 500 Jahre vorkommen kann“, so Emanuel Grün. Bisher sind die Deiche an der Emscher auf ein Hochwasser alle 200, an der Lippe alle 250 Jahre ausgelegt – was aber immer noch deutlich über dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestmaß liegt.

Deiche erhöhen und sicherer machen

Darüber hinaus müssen laut EGLV die 190 Kilometer Deiche teilweise sanfter abfallen, verstärkt und bruchsicherer gemacht, weitere Rückhaltebecken gebaut (aktuell gibt es ein Volumen von fünf Millionen Kubikmetern) und mehr Flächen für die Versickerung in den Städten geschaffen werden. Denn die Wasserwirtschaftsexperten sind sich einig darüber, dass in Zukunft solche schweren Naturereignisse wie im Juli noch öfter und vielleicht sogar schlimmer auftreten werden.

„Eine unserer Schlussfolgerungen muss sein, dass wir die Hochwasservorhersage weiterentwickeln“, so Emanuel Grün. Bedingt durch den Klimawandel entstehen mittlerweile kleinere, schwer zu prognostizierende Starkregenzellen. Deshalb, so Grün, wolle man die Hochwasserprognosen in deutlich kürzeren Zeitabständen berechnen. Waren es bisher 30 Minuten, so strebt der EGLV-Vorstand in den kommenden Wochen 15 Minuten an. In rund drei Monaten dürften die Rechnerkapazitäten sowie die vom Deutschen Wetterdienst übermittelten Daten dafür zur Verfügung stehen. Aktuell beträgt – auch wegen der zahlreichen Retentionsbecken, auch Rückhaltebecken genannt – die Vorlaufzeit an der Lippe sechs Stunden. An der Emscher hat man hingegen nur etwa die Hälfte der Zeit zur Reaktion.

Weniger versiegelte Flächen, mehr Grün

Aber auch die Kommunen seien gefordert. „Die Lage macht es erforderlich, dass unter anderem Gründächer, Entsiegelungen und Entflechtungen – ganz nach den Prinzipien der Schwammstadt – in den Flächennutzungs- und Bebauungsplänen der Kommunen festgeschrieben werden“, fordert EGLV-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Uli Paetzel. So werden noch im Herbst Hochwassertagungen stattfinden, um die Kommunikation mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kommunen, Landkreisen, Krisenstäben und Feuerwehren zu vertiefen. Die Stadt Herne und der Kreis Recklinghausen haben zudem für sich entschieden, dass sie gemeinsam über den kommunalen Krisenstab hinaus zusammenarbeiten wollen. Am 10. November findet in Essen eine Hochwassertagung für die Mitglieder der Emschergenossenschaft statt, am 18. November in Recklinghausen eine Tagung für die Mitgliedskommunen des Lippeverbandes.

Emschergenossenschaft und Lippeverband

  • Emschergenossenschaft und Lippeverband sind öffentlich-rechtliche Wasserwirtschaftsunternehmen, die als Leitidee des eigenen Handelns das Genossenschaftsprinzip leben. Die Aufgaben der 1899 gegründeten Emschergenossenschaft sind unter anderem die Unterhaltung der Emscher, die Abwasserentsorgung und -reinigung sowie der Hochwasserschutz. Der 1926 gegründete Lippeverband bewirtschaftet das Flusseinzugsgebiet der Lippe im nördlichen Ruhrgebiet und baute unter anderem den Lippe-Zufluss Seseke naturnah um.
  • Gemeinsam haben Emschergenossenschaft und Lippeverband rund 1.700 Beschäftigte und sind Deutschlands größter Abwasserentsorger und Betreiber von Kläranlagen (rund 740 Kilometer Wasserläufe, rund 1320 Kilometer Abwasserkanäle, rund 350 Pumpwerke und fast 60 Kläranlagen).
Über den Autor
Redaktionsleiter CvD/ Online

Der neue Lokalsport-Newsletter für Haltern

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Halterner Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.