Das Koordinieren der Impftermine in den Arztpraxen verschlingt viel Zeit. © dpa (Symbolbild)
Corona-Schutzimpfung

Praxis-Personal im Dauerstress: Eine Arzthelferin packt aus!

Die frustrierten Impfwilligen sind die eine Seite der Medaille – auf der anderen arbeitet das Personal in Praxen am Limit. Eine medizinische Fachangestellte berichtet aus ihrem Alltag.

Sie ist medizinische Fachangestellte und schon mehr als 20 Jahre in einer Hausarztpraxis in Unna tätig: Andrea B. (Name von der Redaktion geändert) ärgert sich, wenn Medien berichten, mit dem Wegfallen der Impfpriorisierung könne jedermann Termine machen.

„Wenn ich sowas lese, bekomme ich einen dicken Hals. Es gibt zur Zeit keine Termine! Denn es gibt kaum Impfstoff! Herr Spahn teilt der Welt ja gern mal vor laufender Kamera mit, dass genug für alle da sei. Dem ist aber leider nicht so. Und wenn nun die Patienten reihenweise in den Arztpraxen anrufen bis sämtliche Leitungen zusammenbrechen um sich am Besten schon gestern einen Termin zu holen, sind diese natürlich erbost und lassen ihren Frust an uns Helferinnen aus, wenn wir ihnen mitteilen, dass das nicht möglich ist“, berichtet B.

„Wenn wir keinen Impfstoff bekommen, können wir eben auch nicht impfen! So ist das nun mal.“ Fest eingeplante Impfstoff-Lieferungen seien schon ausgeblieben.

„Normale“ Patienten kommen kaum noch durch

Wer nicht wegen eines Impftermins anrufe, sondern weil er oder sie Ärzte aus anderen gesundheitlichen Gründen brauche und einen „normalen Termin zur Sprechstunde“ vereinbaren wolle, erreiche die Praxen zum Teil gar nicht. „Die Telefone stehen ja nicht still und wir kommen kaum noch nach. Denn was man bitte nicht vergessen darf: Im Gegensatz zu den Impfzentren, die außer Impfen nichts anderes machen, läuft bei uns ja auch noch die tägliche Sprechstunde mit Blutentnahmen, Sonos und EKGs.“

Zum täglichen Praxisalltag kämen nun die Corona-Impfungen hinzu. Wovon viele Menschen nichts wüssten, sei der enorme Aufwand der dadurch auf die Praxis-Teams zukomme. So wurden Listen erstellt, welche Patienten am dringendsten geimpft werden sollten. Zwar sei die Priorisierung weggefallen, aber geimpft werde in den Praxen ja bereits seit April. Neben der Liste mit Menschen, die zuerst geimpft werden müssten, gebe eine Liste für die, die geimpft werden wollen aber leider noch warten müssen.

Erst bestellen, dann abwarten – und dann wird es stressig

B. beschreibt auch Probleme rund um die Bestellung und die Lieferung von Impfstoff: „Jeweils montags dürfen wir für die folgende Woche Impfstoff bestellen. Donnerstags erfahren wir dann, ob wir die bestellte Menge überhaupt erhalten oder wieviel es am Ende tatsächlich nur gibt. Dann erst können wir die Patienten abtelefonieren und ihnen einen festen Termin anbieten. Nächstes Problem: Eine Helferin hängt dann stundenlang am Telefon. Zum einen muss man Glück haben mal raustelefonieren zu können, weil der Apparat ja kaum still steht. Zum anderen muss man die Leute dann bitte auch telefonisch erreichen können.“

Seien dann alle Termine für die kommende Woche vergeben, komme der nächste Schritt. Fünf DIN-A4-Seiten an Aufklärungs-und Einwilligungsformularen müssten ausdruckt werden und den Impfwilligen ausgehändigt werden. Die müssen –gemeinsam mit dem Impfpass – ausgefüllt zum Termin mitgebracht werden.

„Klar, die Formulare gibt es für jeden zugänglich auch im Internet, aber ich arbeite in einer Hausarztpraxis mit vielen älteren Menschen und von denen sind kaum welche im Internet unterwegs und sie können sich die Seiten nicht ,mal eben‘ ausdrucken – zumal es für unterschiedliche Impfstoffe eben auch unterschiedliche Formulare gibt“, erklärt die medizinische Fachangestellte.

Procedere rund um Impfvorgang kostet viel Zeit

B. verweist darauf, dass auch das Impfen selbst aufwendig ist: „Patient(in) XY kommt zum Termin, wird ausgiebig aufgeklärt, Fieber messen, dann muss die Einwilligung unterschrieben werden, dann erst wird geimpft und dann muss er/sie noch 15 Minuten zur Nachbeobachtung in der Praxis bleiben. Viel Aufwand für einen kleinen Pieks!“ In den Medien werde leider nicht mitgeteilt, wieviel Zeit es in Anspruch nimmt, neben den täglichen Aufgaben das Impfen zu organisieren und dabei auch noch den Praxisablauf aufrecht zu erhalten. Das Impfen selbst geschehe dann nach der Sprechstunde in der „Mittagspause“ oder eben „nach Feierabend“.

Der Aufwand für das Impfen in den Arztpraxen ist groß und bringt das Personal dort an Belastungsgrenzen. © dpa (Symbolbild) © dpa (Symbolbild)

Wie es den Arzthelferinnen dabei gehe, dass interessiere niemanden: „Dass wir am Ende unserer Kräfte sind und auf dem Zahnfleisch kriechen, ist egal. (…) Ich will nicht wissen wie viele meiner Kolleginnen mittlerweile wegen psychischer Überbelastung ausgefallen sind. Bei mir fehlt nämlich nicht mehr viel und ich war bisher mental recht robust. Aber alles hat seine Grenzen.“

Ruf nach mehr Impfzentren

B. appelliert an die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), Impfzentren nicht zu verkleinern: „Es würde eher Sinn machen, mehr Impfzentren einzurichten. Nicht nur eins für den gesamten Kreis, sondern in jeder großen Stadt eins. (…) In einem Impfzentrum können – wenn die Regierung für genug Impfstoff gesorgt hätte – im Normalfall pro Tag ca. 1500 Menschen geimpft werden. Bei uns in der Praxis maximal 48 Personen pro Woche. Na, fällt was auf?“

Über den Autor
Redaktion Unna
Gebürtiger Mendener, inzwischen in Werne an der Lippe zuhause. Jahrgang 1975. Seit April 2010 im Zeitungsverlag Rubens. Liebt das Lokale und den Kontakt zu den Menschen. Privat Gladbach-Fan, Hühnerhalter und Vater einer Tochter.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für Haltern

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Halterner Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.