Dieses Trikot von Bar Kochba Frankfurt trug Max Girgulski bei der Makkabi-Meisterschaft im Jahr 1936. © Deutsches Fußballmuseum
Ausstellung

Deutsches Fußballmuseum holt Jüdische Kicker aus dem Abseits

In einer gelungenen multimedialen Ausstellung zeigt das Deutsche Fußballmuseum das Schicksal von jüdischen Kickern zu Zeiten der NS-Diktatur - erschütternd und faszinierend zugleich.

Es ist vermutlich ein ewiger Rekord, den Gottfried Fuchs hält. Dem ehemaligen Fußballer des Karlsruher FV gelangen beim 16:0-Sieg der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm zehn Tore im Spiel gegen Russland. Doch seine Leistung ist fast in Vergessenheit geraten.

Gottfried Fuchs war Jude und musste 1937 vor der NS-Diktatur fliehen. Ihm und zehn weiteren jüdischen Fußballern während der Nazi-Zeit ist die Ausstellung „Im Abseits. Jüdische Schicksale im deutschen Fußball“ im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund gewidmet. Corona-bedingt lässt sich die Schau aktuell nur online sehen – aber das lohnt sich.

Trikot „berichtet“ selbst

Auf der Internetseite präsentiert das Museum die Lebenswege von sechs der elf Fußballer mit Texten, Fotos, Audios, Videos näher. Unter anderem ist die Geschichte des Trikots von Max Girgulski zu hören. Der ehemalige Spieler von Eintracht Frankfurt trug es in den Jahren 1936 und 1937, als er mit Bar Kochba Frankfurt Makkabi-Meister wurde.

In einem Audio-Beitrag erzählt das Shirt aus der Ich-Perspektive von seinem Weg in das Museum. Unter anderem wird die feierliche Übergabe an Girgulski beschrieben und die verschiedenen Aufnäher werden näher erklärt.

„Es bewegt mich besonders“

Zudem fragt sich das Trikot selbst, warum sein Besitzer es überhaupt bei der Flucht nach Argentinien mitgenommen hat. Später spielte der gebürtige Frankfurter Max Girgulski noch in seiner neuen Heimat weiter.

Über seine Tochter Susanna Baron gelangt das Originaltrikot über Umwege zum Deutschen Fußballmuseum, dem es 2019 feierlich übergeben wurde. „Dass wir dieses Trikot nun zeigen dürfen, bewegt mich besonders“, sagt Museumsdirektor Manuel Neukirchner: „Es ist ein Exponat mit großer zeitgeschichtlicher Bedeutung.“

Brieffreund von Sepp Herberger

Mit dem Trikot wolle man vor allem die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen erreichen und Zeitgeschichte erlebbar machen, erklärt der Museumsdirektor. „Wir wollen die jungen Leute durch die Strahlkraft des Fußballs abholen und sie damit für die Geschichte sensibilisieren.“

Über eingangs erwähnten Gottfried Fuchs berichtet dessen Nichte Soni Mulheron, die mittlerweile in Neuseeland lebt. Im Video erzählt sie von ihrem Onkel und dessen Bruder Richard. Gottfried Fuchs war ein früherer Brieffreund von Nationaltrainer Sepp Herberger.

Zusammen mit Ernst Kuzorra und Fritz Szepan

Dieser wollte als „Akt der Versöhnung“ Fuchs zur Einweihung des Münchener Olympiastadions einladen. Doch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wollte keinen „Präzedenzfall“ schaffen und ließ einen Besuch des Fußballers nicht zu.

Mit den Vereinslegenden Ernst Kuzorra und Fritz Szepan spielte Ernst Alexander beim FC Schalke 04 zusammen.

1933 wurde er aus seinem Verein ausgeschlossen und von der Gestapo verhaftet. Er stirbt später im Konzentrationslager Auschwitz. Seit 2018 ehrt Schalke mit der Ernst-Alexander-Auszeichnung Menschen, die sich für Integration, Vielfalt und Toleranz einsetzen.

Ehemaliger Präsident des FC Bayern München wird porträtiert

Erste Preisträger waren die Schüler der Ernst-Grille-Gymnasiums Gelsenkirchen, die sich auf seine Spurensuche zum ehemaligen Durchgangslager Westerbork in den Niederlanden begaben, in dem der ehemalige Fußballer eine Zeitlang festgehalten wurde. 2020 wurde zudem der Ernst-Alexander-Weg auf dem Vereinsgelände eingeweiht.

Zudem wird Kurt Landauer, ehemaliger Präsident des FC Bayern München, in der digitalen Schau porträtiert.

Der ehemalige Reisepass des früheren Präsidenten des FC Bayern München, Kurt Landauer. © Deutsches Fußballmuseum © Deutsches Fußballmuseum

Die Sonderausstellung, die als eine Wanderausstellung an Schulen und Vereine verliehen werden soll, wird nicht das einzige Andenken an jüdische Kicker in Deutschland bleiben. „Wir planen auch unsere Dauerausstellung umzubauen, damit die Erinnerung an dieses Kapitel nicht zum Schweigen gebracht wird“, sagt Manuel Neukirchner.

Info

  • Die Ausstellung „Im Abseits. Jüdische Schicksale im deutschen Fußball“ ist nur digital zu sehen.
  • www.fussballmuseum.de
Über den Autor
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Gebürtiger Brandenburger. Hat Evangelische Theologie studiert. Wollte aber schon von klein auf Journalist werden, weil er stets neugierig war und nervige Fragen stellte. Arbeitet gern an verbrauchernahen Themen, damit die Leute da draußen besser informiert sind.
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Maximilian Konrad

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