Pierre-Auguste Renoir (1841-1919) hätte den Dortmunder Westenhellweg vermutlich so gemalt – glaubt zumindest ein Computer, der dafür das Werk „Tanz im Garten der Moulin de la Galette“ (1876) als Grundlage nahm. © Schütze/Montage Görlich
Beethoven und Van Gogh

Künstliche Intelligenz: Wenn der Computer den Westenhellweg malt

Sie können komponieren, malen oder schreiben. Von Maschinen geschaffene Werke In Musik, Kunst und Literatur lassen sich oft kaum von denen von Menschen unterscheiden.

Im April 2020 wollte das Bonner Beethoven-Orchester zu Beethovens 250. Geburtstag ein ganz besonderes Stück präsentieren: die unvollendete zehnte Sinfonie, vollendet mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI). Ein Team aus Musikwissenschaftlern und KI-Experten fütterte ein Computersystem seit 2019 mit Beethovens letzten handschriftlichen Skizzen und Werken anderer Komponisten.

Das System stellte damit das fertig, was Beethoven zu Lebzeiten nicht mehr gelang. Die Premiere wurde wegen der Corona-Pandemie verschoben, nun ist sie im Herbst 2021 beim Beethovenfest geplant.

Menschen machen Fehler

Dabei wäre man technisch bereits in der Lage, auch die Darbietung den Maschinen zu überlassen, weil spezielle Computer-Programme für die Musikproduktion sämtliche Instrumente perfekt imitieren können.

Das Konzert wäre, zumindest handwerklich, sogar besser, weil die Programme keine Fehler machen.

Genau das wird aber zum Problem, weil diese Perfektion für das menschliche Ohr unnatürlich wirkt. Daher haben moderne Systeme einen „Vermenschlicher“ integriert, der per Zufall winzige Unregelmäßigkeiten in den Rhythmus einbaut. Und schöner sind Live-Konzerte mit Menschen ohnehin.

Gemälde, das am PC erstellt wurde, fast 400.000 Euro wert

Aber Künstliche Intelligenz ist auch in anderen Kultur-Bereichen keine Seltenheit mehr. 2018 sorgte eine Versteigerung im Londoner Auktionshaus Christie’s für Aufsehen. Das Porträt „Edmond de Belamy“ kam für mehr als 380.000 Euro unter den Hammer.

Das „Porträt von Edmond De Belamy“ hat ein Computer gemalt. Es wurde für 432.500 Dollar versteigert.
Das „Porträt von Edmond De Belamy“ hat ein Computer gemalt. Es wurde für 432.500 Dollar versteigert. © Christie’s © Christie’s

Das Kuriose: Es wurde nicht von einem Menschen gemalt, sondern von einem Computer-Algorithmus entworfen. Der wurde mit etwa 15.000 Porträt-Gemälden angelernt, die zwischen dem 14. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Das Ergebnis war ein 70 mal 70 Zentimeter großer Druck, auf dem „vielleicht Franzose und vielleicht ein Kleriker“ zu sehen ist, wie Christie’s vor der Auktion schrieb.

Fotos werden zu Comics

Auf zahlreichen Internetportalen kann heute jeder mit wenigen Mausklicks zum Künstler werden. Die einfachste Möglichkeit: Ein beliebiges Bild wird hochgeladen und der gewünschte Malstil ausgewählt. Nach kurzer Bearbeitungszeit präsentiert das System ein Werk, das auch von Renoir oder van Gogh inspiriert sein könnte.

Auf ähnliche Weise funktionieren die Filteroptionen in Smartphone-Apps, die eigene Fotos in Comics oder Bleistiftzeichnungen umwandeln.

Auch in der Literatur wird KI eingesetzt. So schreiben Computer bereits wissenschaftliche Zusammenfassungen, die auch von renommierten Verlagen veröffentlicht werden.

Kunst oder künstlich?

Kreativer wird es im Bereich der Lyrik. In seinem Buch „poesie.exe“ lädt Autor Fabian Navarro zu einem Experiment ein: Das Buch beinhaltet Texte von Menschen und Maschinen, der Leser erfährt allerdings erst später, wer die jeweiligen Texte verfasst hat. Die Theorie dahinter: Wenn Menschen wissen, dass ein Kunstwerk von einer Maschine erschaffen wurde, wird es als geistlos beurteilt. Ist der Urheber nicht bekannt, ist dagegen eine Unterscheidung häufig nicht möglich.

Navarro sieht die Aufgabe der Literatur darin, sich mit gesellschaftlichen Phänomenen wie den Einsatz von KI zu befassen. Er will mit seinem Buch die offene Auseinandersetzung mit digitaler Literatur und Technologie fördern.

Navarro selbst sieht den Einsatz von künstlicher Intelligenz als Werkzeug zur Erzeugung von Kunstwerken. Am Ende ist der Computer nicht mehr als ein moderner Pinsel, der die Farbe auf die Leinwand bringt. Die Gestaltung bleibt letztlich dem Menschen überlassen.

Über den Autor
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1989 im Ruhrgebiet geboren, dort aufgewachsen und immer wieder dahin zurückgekehrt. Studierte TV- und Radiojournalismus und ist seit 2019 in den Redaktionen von Lensing Media unterwegs.
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