Die Geschwister Liv (Henriette Confurius), Elja (David Ali Rashed, m.) und Kiano (Emilio Sakraya, r.) gehören zu einem friedliebenden Stamm, müssen sich aber ihrer Haut wehren, als sie überfallen werden. © Netflix
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Neu bei Netflix: Krieger der Zukunft in „Tribes Of Europa“

Die deutsche Netflix-Serie „Tribes Of Europa“ mag in ihren Endzeit-Motiven nicht originell sein. Sie entwickelt aber einen Erzählsog und traut sich, großformatig zu denken - gelungenes SciFi!

Science Fiction und Endzeit-Fantasy im deutschen Film? Da gibt es fast nichts. Ein Roland Emmerich drehte „Moon 44“, wurde als schwäbisches „Spielbergle“ belächelt und ging nach Amerika. Wo er die Blockbuster drehen konnte, die ihm vorschwebten. Nein, das futuristische Genre um die Nachwehen der Apokalypse hat nach wie vor in Hollywood seine Heimat.

Jetzt aber hat Philip Koch seinen Traum einer düsteren Endzeit-Saga realisiert. Die Starthilfe für seinen Sechsteiler „Tribes Of Europa“ kam von Netflix, das mit „Dark“ und „Barbaren“ schon andere deutsche Serien ermöglicht hat. Seit einigen Tagen halten sich die „Stämme Europas“ beständig auf Spitzenplätzen der deutschen Netflix-Top-Ten.

Es sollte also etwas dran sein an Kochs Vision aus der Zukunft. Die spielt im Jahr 2074, nach einer Welt-Katastrophe, die den Überlebenden als „schwarzer Dezember“ in Erinnerung ist.

Hightech war gestern

Von Hightech-Geräten wie Laptops ist nichts mehr übrig. Ein dunkles Zeitalter dämmerte herauf. Nationalstaaten sind Geschichte, Europa ist in viele „Tribes“ zerfallen, die sich bekriegen. Die Geschwister Liv (Henriette Confurius), Kiano (Emilio Sakraya) und Elja (David Ali Rashed) gehören zu den Origins, einem Clan von Wald-Hippies, die Frieden und Natur in Ehren halten.

Gegen die Kriegerkaste der Crows (martialisch im Gothic-Look) hat der Stamm keine Chance, er wird massakriert. Die Crows suchen nach dem Cube, einem Zauberwürfel von überlegener Technologie, der an Bord eines havarierten Gleiters war. Alle gieren nach diesem Cube, er steht für große Macht und ist der klassische Handlungsmotor aus Hitchcocks Trickkiste.

Sprünge zwischen den Erzählsträngen

Sonderlich originell ist das nicht, immerhin wird die Geschichte gut befeuert durch den uralten Kniff. Liv bleibt verletzt im Wald zurück. Elja türmt mit dem Cube und schließt sich einem Schrotthändler an (Oliver Masucci). Kiano wird von den Crows verschleppt und landet als Sklave in ihrer Festung Brathov – vormals als Berlin bekannt. Wie in „Game Of Thrones“ springt die Geschichte zwischen den Erzählsträngen hin und her, oft mit Cliffhangern gekoppelt.

Wir sehen Zitate und Zutaten aus „Star Wars“ „The Walking Dead“, „Die Tribute von Panem“, auch die Donnerkuppel aus „Mad Max“ lässt grüßen. Die Crow-Krieger sehen aus wie SS-Schergen auf der Fetisch-Party, ihr „Kapitan“ (Sebastian Blomberg) erinnert optisch an den Hunnenkönig Etzel bei Fritz Lang.

Ruinen im Neonlicht

Die ganz großen Trick-Panoramen fährt die Serie nicht auf. Ihre Schauplätze sind Industrieruinen und Fabrikhallen im Neonlicht. Trotzdem sind die Effekte passabel, die Actionszenen okay, Ausstattung und Kostüm ansprechend.

Dass die Erzählung einen Sog entfaltet, ist auch Verdienst der Darsteller (vorweg Henriette Confurius), deren Odyssee man gespannt verfolgt. „Tribes Of Europa“ steht für großformatig gedachtes Genre-Handwerk aus deutschen Landen. Erfreulich, gerne mehr davon.

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