Das kleine Versailles

Die Villa ist heute noch der Wohnsitz der Familie Bettoni. © von Braunschweig
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Von Alexandra von Braunschweig

Diese kleine Yacht erscheint als durchaus angemessenes Fortbewegungsmittel am Gardasee: Blankgewienertes Holz, das selbst an diesem mäßigen Sonnenscheintag zum Glänzen aufgelegt ist. Verdeck und Sitzbänke, die beweisen, dass Creme die Farbe der Eleganz ist. Und eine italienische Fahne am Heck, die weiß, was sich als Fotomotiv gehört.

Ausgangspunkt für die kleine Runde um den See ist der Hafen von Porto Sirene am westlichen Ufer. Und mit jedem Meter, mit dem das Boot auf seinem Weg nach Salò, vorbei an der Isola del Garda und der Halbinsel Sirmione, mehr Wasser zwischen sich und dem Land bringt, wird unübersehbarer, warum der Gardasee eine feste Größe bei Europas Urlaubszielen ist.

Berge und Wasser in ihrer vollen Pracht

Die Natur wartet an dieser Stelle nämlich mit ihren beiden Top-Protagonisten auf, deren Zusammenspiel nicht besonders häufig anzutreffen ist: Berge und Wasser. Die Berge gehen an manchen Stellen fast so nahtlos ins Wasser über, dass der Mensch sich schon mächtig anstrengen musste, um einen Platz für sich zu behaupten.

Die Kombination aus schön und selten ist wie gemacht, um diejenigen magisch anzuziehen, die beim Bau ihres Eigenheims nicht Größe und Kosten gegeneinander abwägen müssen. Und so säumen die Ufer des Sees wunderschöne Villen. Die Verbindung aus Schöner-Wohnen-Architektur und Wow-Landschaft ist aus der Wasserperspektive gleich noch einmal beeindruckender.

Gartenträume auf der Isola del Garda

Und wenn wir schon bei besonders beeindruckend sind: Die Villa, in der die Familie Borghese Cavazza mehr residiert als wohnt, beansprucht mit ihren Gärten die ganze Isola del Garda, die größte Insel auf dem Gardasee. Das ausufernde Gebäude mit seinem Turm und der lang gestreckten Fassade im neogotisch-venezianischen Stil zeigt aus der Distanz seinen ganzen Pomp. In den Sommermonaten öffnet die Familie Borghese Cavazza sogar ihre Flügeltüren für Führungen.

Im Sommer steht die Villa auf der Isola del Garda für Führungen offen. © von Braunschweig

Sommerresidenz am Gardasee

Um ähnliche Prachtbauten ist das Ufer in der Region Brescia ebenfalls nicht verlegen. Zu Zeiten als Gargnano vornehmlich Heimat von Bauern und Fischern war, haben zwei große Familien hier ihre monumentalen Zelte aufgeschlagen. Die Familie Feltrinelli und die Bettonis.

Ersterer hat Holz und Papierhandel so viel Geld eingebracht, dass eine Sommerresidenz am Gardasee durchaus drin war.

Und so bauten die Feltrinellis, die zu den reichsten Familien Italiens aufsteigen sollten, Ende des 19. Jahrhunderts ein Domizil, das ihrer würdig ist.

Ein Haus mit bewegter Geschichter

Und anscheinend nicht nur ihrer. Zur bewegenden Geschichte des Hauses gehört auch das Kapitel Benito Mussolini. Im Herbst 1943 ist die Villa am See für den „Duce“ mit seiner Familie zur Kurzzeitheimat geworden.

Mit dem Ende des Krieges erhalten die rechtmäßigen Eigentümer auch wieder die Hoheit über ihr herrschaftliches Anwesen zurück. Macht, Politik und Geld sollten aber weiterhin zu den Grundfesten des Gemäuers gehören.

So macht sich der Spross der Familie, Giangiacomo Feltrinelli, als Verleger einen Namen, nicht zuletzt durch eine wagemutige Entscheidung: Ende der 1950er-Jahre, inmitten des Kalten Krieges, liegt auf seinem Schreibtisch „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak. Alle großen Verlagshäuser hatten zuvor eine Veröffentlichung rundweg abgelehnt, weil Russland das Werk nicht nur im eigenen Land verboten hatte, sondern alles dran setzte, dass Doktor Schiwago auch auf der restlichen Welt ein Schubladen-Dasein beschienen werden sollte.

Giangiacomo Feltrinelli hat den Doktor vor diesem Schicksal bewahrt und den Weg zu seinem Weltruhm geebnet.

Auch wenn die Familie Feltrinelli heute nicht mehr Eigentümer der Villa ist, hat das Anwesen nichts von seiner Schönheit und Imposanz verloren, jeder Stein, jeder Lüster und jeder dicke Teppich verströmt Geschichte. Spüren können das allerdings nur die, die bei der Begleichung der Rechnung nicht knausrig sein müssen – die Villa ist heute ein Grandhotel.

Palazzo am Ufer

Während die Feltrinellis erst in den vergangenen 200 Jahren zu Geld gekommen sind, haben die Bettonis einen gewissen Vorsprung. Auch sie hatten ein Händchen für den Handel. Sie haben Zitronen mit Lorbeeren haltbar gemacht und fleißig Europa damit versorgt.

Spätestens mit der Verleihung des Grafentitels hatten die Bettonis das Bedürfnis, ihren Erfolg in Stein zu meißeln und haben sich einen Palazzo am Ufer des Gardasees gegönnt. Mitte des 18. Jahrhunderts nimmt das Mammutprojekte Formen an.

In dem Garten der Villa Bettoni gibt es sogar eine künstliche Grotte. © von Braunschweig

Beeindruckende Formen

Der Architekt Adriano Cristofori hatte von den 16 Bettoni-Brüdern den Auftrag erhalten, einen Bau zu entwerfen, der die Brüder in der Welt sichtbar machen sollte. Schon die Fassade sollte von solcher Imposanz sein, dass die Garda-Seefahrer nicht den leisten Zweifel haben konnten, dass hier das Geld zu Hause ist.

Allerdings soll der Architekt nicht häufig auf der Baustelle gesichtet worden sein. Auf jeden Fall kam es zum Zerwürfnis und der aus Brescia stammende Antonio Marchetti hat schließlich das Werk vollendet.

Wer heute während einer Führung in den Genuss kommt, den Palazzo von innen zu sehen, tritt durch eine der drei großen Flügeltüren in eine durchaus repräsentative Eingangshalle, die den Blick auf den Gardasee freigibt. Als Mittelpunkt teilt sie das Gebäude in den linken und den rechten Flügel.

Die Treppe, die von hier aus nach oben führt, ist nicht für Leisetreter gedacht. Über drei Etagen erstreckt sich das Treppenhaus. Die großen Statuen, die dabei den Auf- und auch den Abstieg der Gäste säumen, wirken fast zwergig im Anbetracht der Raumhöhe. Dazu zieren Fresken der Galliari-Brüder die Wände.

Auch heute noch lebt die Familie Bettoni an diesem schönen Fleckchen. Deshalb bleiben manche Türen für die Besucher verschlossen. Die, die sich für Öffentlichkeit öffnen, geben aber wunderbare Einblicke in Räume, die mit so viel Fein- und Kunstsinn und dem Hang zum Großdenken entstanden sind.

Dieser Hang beeinflusste natürlich auch maßgeblich die Gestaltung des Gartens. Die Symmetrie, die Statuen, die Zitronenbäume, die Brunnen, das Zusammenspiel mit dem Palazzo – nicht umsonst trägt die Villa den Beinamen „Das kleine Versailles“.

Weitere Infos:

www.visitbrescia.it

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