Kolumne

Gender-Wahn: Bringt das Ganze überhaupt irgendetwas?

In seiner Kolumne berichtet Christopher Filipecki regelmäßig über Psychologie, Gesundheit & Lifestyle. Heute nimmt er das etwas komplizierte Gendern in der deutschen Sprache unter die Lupe.
Das Gendern kann ganz schön irritieren. Was bringt es eigentlich und welche Optionen gibt es? © Pexels / Christopher Filipecki

Seit guten zwei Jahren ist es in der deutschen Öffentlichkeitssprache angekommen. Mittlerweile sind wohl auch die Letzten darüber gestolpert: Das Gendern ist alltagspräsent und gleichzeitig eine hoch kontroverse Erscheinung. Doch ist es wirklich ein Trend oder eine logische Entwicklung?

Bisher war doch eigentlich alles so einfach

„Liebe Kollegen“ oder „Liebe Nachbarn“ – damit hat sich jeder angesprochen gefühlt. Warum muss daraus nun ein kompliziertes „Liebe Kolleg:innen“ und „Liebe Nachbar:innen“ werden, bei dem der Doppelpunkt oder alternativ ein Sternchen als Pause gesprochen wird? Das klingt fürchterlich und sieht scheußlich aus. Kann man die Sprache nicht einfach so lassen, wie sie ist?

Leider nicht. Denn Sprache ist ein Prozess. Die deutsche Sprache entwickelt sich jeden Tag. Ansonsten wäre eine Neuauflage des Dudens zum Ende des Jahres auch nicht vonnöten. Doch manche Wörter verschwinden, Grammatik passt sich an, neue Begriffe kommen dazu. Das ist seit Beginn an immer so gewesen oder nennen Sie eine Frau weiterhin nur „Weib“?

Neben der Sprache entwickeln sich aber auch Kultur und Lebensstile weiter. Frauen in Chefetagen, Männer mit langen Haaren und Zopf – was früher undenkbar war, fällt heute nicht mal mehr auf. Besonders in den letzten Jahren gehen diese Veränderungen jedoch mit großen Schritten voran. Im Kopf vieler Menschen hat es sich eingebürgert, sich selbst als „woke“ zu bezeichnen, das englische Wort für „aufgeweckt“ beziehungsweise „aufgewacht“. Darunter versteht man, sich selbst genauso hinterfragend wahrzunehmen wie das Umfeld und mehr Bewusstsein für die Natur und das Miteinander zu entwickeln.

Gendern schön und gut – aber wie?

Die meisten von Ihnen würden wohl sagen, dass sie eindeutig für Toleranz und Gleichberechtigung sind – dann ist es aber auch wichtig, diese zu zeigen und in der Gesellschaft voranzutreiben. Was die Sprache angeht, muss man sich zumindest gegenwärtig zwischen vier Optionen entscheiden:

Option 1: Das generische Maskulinum verwenden

Faktisch könnte man auch sagen: Nicht gendern. Sie benutzen ausschließlich im Plural die männliche Form, also „die Arbeiter“, und sprechen genauso im Singular nur von „der Arbeiter“. Das hat den Vorteil, dass Sie sich nicht umgewöhnen brauchen. Die maskuline Form ist so tief in unserem Kopf verankert, dass sie ohne Probleme von den Lippen geht und sich auch am einfachsten auf der Tastatur tippen lässt. Des Weiteren wird sie in sämtlichen Büchern verwendet, benötigt also keinerlei Korrekturen. Das Gleiche gilt auch für öffentliche Schilder.

Der Nachteil: Von Entwicklung kann man hier nicht sprechen. Warum ist es wichtig, dass Frauen genauso viel Geld verdienen wie Männer, aber in Texten nicht explizit angesprochen werden? Das ist inkonsequent und arg konservativ. Studien haben bewiesen, dass sich Frauen – oder Menschen, die sich weiblich definieren – weniger für neue Jobs bewerben, wenn ausdrücklich „Ingenieure“ gesucht werden. Ebenso zeigt eine Untersuchung, dass wenn man jemanden dazu auffordert, drei Lieblingssänger aufzuzählen, derjenige nur an Männer denkt. Sie vielleicht auch?

Option 2: Die maskuline und feminine Form gemeinsam verwenden

„Sehr geehrte Damen und Herren“ – das klingt geläufig, „Liebe Nachbarinnen und Nachbarn“ vielleicht auch noch. Macht man dies aber fortan mit jedem Substantiv, werden Texte schnell entschieden länger. Schülerinnen und Schüler, Bäckerinnen und Bäcker, Kolleginnen und Kollegen, … aber wäre damit nicht jedem geholfen? Fühlt sich nun nicht jeder inkludiert?

Der Nachteil: Leider nein, denn durch diese verwendete Form wird einerseits der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Personen betont – dabei wollen wir doch eigentlich erreichen, dass das Geschlecht unwichtiger wird und die Kluft nicht größer. Andererseits wird zusätzlich im binären System gedacht, also dass es eben nur Männer und Frauen gibt. Insbesondere Menschen, die sich mit ihrem biologisch angeborenen Geschlecht unwohl fühlen, werden dadurch permanent mit ihrer Problematik im Alltag konfrontiert – von Menschen, die sich weder eindeutig männlich noch weiblich fühlen, mal ganz abgesehen.

Option 3: Das Gendern mit Doppelpunkt oder Sternchen

Zugegeben: Es ist anstrengend, erfordert Konzentration und Bewusstsein für den so routinierten Sprachgebrauch. Allerdings zeigt ein „Kolleg:innen“ eben zumindest, dass man alle Geschlechter auf dem Schirm hat und sie willkommen heißt. Hat man sich einmal beim Schreiben und vielleicht auch beim Sprechen daran gewöhnt, wirkt es nicht mehr groß komisch oder übertrieben, sondern eben tolerant.

Achtung: Den Doppelpunkt oder das Sternchen wegzulassen, ist keine gute Idee. Zwar sieht „KollegInnen“ gut aus, wird jedoch aber dann meist ohne Pause gelesen. Diese Pause ist eben für jene Menschen, die sich nicht als eindeutig männlich beziehungsweise weiblich definieren, von Bedeutung. Personen mit Sehschwäche werden demnach von ihren Programmen, die ihnen Texte am Computer vorlesen können, nur die feminine Pluralform zu hören bekommen. Sinn vertan.

Der Nachteil: Gendern ist teilweise eine ganz schön verzwickte Sache. Wie geht man mit Worten wie „seinen“ und „ihren“ oder dem oft verwendeten „man“ um? Hier ist eindeutig noch Bedarf, das Ganze zu vereinheitlichen. Bisher herrscht noch ordentlich Chaos in der Umsetzung und Konsequenz.

Option 4: Geschlechtsneutrale Formen

Bei vielen Begriffen gibt es sogar geschlechtsneutrale Ausdrücke, die jedoch oft in Vergessenheit geraten. „Studierende“ ist ein perfektes Beispiel. Es heißt „Der Studierende“ und ebenso „Die Studierende“ im Singular – somit ist automatisch jeder gleichwertig angesprochen.

Der Nachteil: Bei vielen Worten wirkt es konstruiert. Sagen wir jetzt zum Beispiel besser „Liebe Kochende“ statt „Köchinnen“ und „Köche“? Bei dem Wort „Schüler“ gibt es bisher keine sinnige Lösung, weil es kein passendes Verb gibt wie „studieren“ bei den Studierenden.

Gendern: Eine Dynamik

Wie wir unschwer erkennen können: Richtig zu Ende gedacht, ist hier noch nichts. Muss es aber auch nicht, da es beim Gendern in erster Linie nicht darum geht, die Sprache final und für immer und ewig zu verändern, sondern ein Bewusstsein zu schaffen. Man (viele „woke“ Menschen benutzen mittlerweile übrigens statt „man“ das Wort „Mensch“) möchte Leute dafür täglich sensibilisieren, dass es veraltet und überholt wirkt, ein männerdominiertes System so bestehen zu lassen und Personen, die sich im Geschlecht nicht entscheiden können oder wollen, zu ignorieren.

Es geht also schlichtweg um Toleranz und Inklusion. Mit Recht gelten Begriffe wie das N-Wort als Beleidigung, mit Recht werden Schnitzel mit Paprikasoße nicht mehr regelmäßig nach einer gewissen Bevölkerungsgruppe betitelt und Frauen in Jeanshosen nicht schief angeguckt. Das Argument „Wir haben weitaus größere Probleme“ stimmt übrigens. Krieg und Corona sind schlimmer, aber gleichzeitig sind andere Schwierigkeiten dadurch nicht unwichtig. Vermeintliche Gleichberechtigung gehört dazu. Wie genau kann man dagegen sein, dafür einzutreten?

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