Kolumne

Onlinedating: Verlockung mit Hindernissen

Christopher Filipecki berichtet in seiner Kolumne über Wohlbefinden und Psychologie. Heute geht es um die unerschöpflichen Möglichkeiten des Onlinedatings. Sind sie wirklich grenzenlos?
Heute Mittag online kennengelernt, nun schon zum gemeinsamen Wein verabredet - sind Datingapps wirklich so zielführend? © Pexels / Christopher Filipecki

Auch wenn Sie es selbst noch nicht ausprobiert haben, fallen Ihnen mit Sicherheit auf Anhieb mindestens zwei Plattformen ein, auf der Sie vermeintlich Ihre große Liebe finden können. Werbesprüche wie „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single“ tauchen im TV, Radio und auf Plakaten auf – und klingen auch einfach zu verlockend. Mittlerweile gibt es die ironische Antwort darauf: „Eben, nur einer!“. Anscheinend sind also Datingportale gar nicht das, was sie zu sein scheinen, oder?

Schneller jemanden kennenlernen: Bequem von daheim

Doch fangen wir mit den positiven Seiten an: Datingplattformen erleichtern einiges. Gerade zu Coronazeiten, in denen man große Menschenmassen meiden möchte, kann man innerhalb weniger Minuten mit vorher fremden Personen in Kontakt treten und mit ihnen ein wenig flirten. Zusätzlich können diejenigen, die nicht gut neue Menschen ansprechen können, wesentlich leichter und ohne eine mögliche direkte Ablehnung verspüren zu müssen, ihre Favoriten anschreiben.

Soweit die Theorie. In der Praxis sieht das jedoch etwas anders aus. Besonders auf den Portalen, bei denen es ein sogenanntes „Match“ braucht, um überhaupt miteinander schreiben zu können, werden die Möglichkeiten schnell kleiner. Man gibt denjenigen, die einem gefallen, ein Like und muss darauf hoffen, ebenfalls eins zu bekommen.

Sollte das passieren, wird ein Chat geöffnet und man kann schreiben. Allerdings benutzen äußerst viele Mitglieder der Portale die Plattform gar nicht, um wirklich jemanden kennenzulernen, sondern gegen Langeweile. Sie wollen schauen, mit wem ein Match entsteht und wie hoch ihr Marktwert ist. Das kann schnell frustrieren, wenn man zwar ein Match mit der Traumpartnerin oder dem Traumpartner hat, dann aber nichts mehr passiert.

Datingportale: Ein Katalog der oberflächlichen Liebe

Zusätzlich sehen Datingportale nicht nur aus wie ein Katalog – sie sind einer. Man beurteilt in erster Linie die Fotos, die selbstverständlich viel schneller konsumierbar sind als die Inhalte des Profils. Hat jemand neben seinen Fotos kaum oder nur sehr rudimentäre Infos im Profil hinterlegt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er oder sie das Portal nicht nutzt, um die große Liebe zu finden.

Attraktive Fotos entsprechen zusätzlich auch nicht oft der Realität. Es geht um Spaß. Immerhin ist es eine App, man hat das Handy in der Hand, an dem Tag wahrscheinlich schon acht Stunden gearbeitet und will sich nun zerstreuen.

Stichwort Spaß. Ist man statt auf der Suche nach der großen Liebe lediglich an einem aufregenden Date interessiert, bei dem es möglichst unkompliziert, locker und unverbindlich zugehen soll, kann man wiederum mit jenen Portalen den totalen Volltreffer landen.

Bei einigen Plattformen benötigt es nicht mal ein Match. Stattdessen werden die Profile angezeigt, die sich momentan in der Gegend aufhalten. Man schreibt kurz, trifft sich und schaut, wohin der Abend führt. Das ist aufregend und ein toller Ausgleich zum Berufsstress – aber eben auch eher ein Event.

Wollen wir eigentlich dasselbe von diesen Apps?

Spätestens hier wird es kompliziert. Überprüfen Sie vorher für sich, was Sie sich von dem Date erhoffen und fragen Sie nach, was die andere Person sich erhofft. Wenn es dem oder der Anderen nur um einen witzigen Abend geht, Sie aber sich nach einem tollen Treffen gerne regelmäßig sehen möchten, um sich richtig kennenzulernen, wird mindestens einer von Ihnen enttäuscht. Zusätzlich raubt es dem Ganzen den Spaß und die Leichtigkeit. Schauen Sie also, dass sie ähnliche Vorstellungen haben.

Das Wichtigste zum Schluss: Hinterfragen Sie die Ziele von den Firmen, die hinter diesen Plattformen stecken. Stellen Sie sich vor, jeder Single meldet sich auf den Portalen an, findet dort den Partner fürs Leben und meldet sich ab. Das würde bedeuten, dass in einigen Monaten niemand mehr die Apps benutzt. Kann das im Sinne der Institutionen sein? Wohl nicht.

Wir sollen diese Apps benutzen, und zwar möglichst lang und zeitintensiv, damit wir uns gekaufte Werbung anschauen, ohne die die Apps gar nicht finanziert werden könnten. Außerdem spielen die Algorithmen mit Erwartungen. Manchmal werden einem viele potenzielle Kandidaten vorgeschlagen, manchmal auch Personen, von denen die App bereits weiß, dass Sie gar kein Interesse haben. Das ist Absicht, damit Sie am Ball bleiben. Behalten Sie das im Hinterkopf.

Datingportale richtig nutzen

Überlegen Sie auch, ob es für Sie ok ist, oberflächlich beurteilt zu werden. Ein Profil kann auch bei vollständigem Ausfüllen keine Stimme, keine Gestik und Mimik transportieren. Es gibt Menschen, die im direkten Kontakt sehr gesprächig sind, aber einfach nicht gut schreiben können. Umgekehrt ist dies natürlich genauso möglich. Durch die Anzahl der Chats wird ein einzelner Chat weniger wert. Es ist eben immer noch ein Unterschied, ob ich eine Person in der Bar kennenlerne oder fünf Personen parallel auf dem Handy.

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