Kamen aus Marokko ins Dorf Münsterland: Ayoub Lamsayeh, Mehdi Elayouti und Fahd Makhoukhi (v. l. n. r.). © Nils Dietrich
Arbeitsmarkt

Aus Marokko ins Dorf Münsterland: Azubis helfen gegen den Fachkräftemangel

Der Fachkräftemangel ist längst in der Gastronomie angekommen. Davon bleibt auch das Dorf Münsterland nicht verschont. Hier geht man das Problem kreativ an – mit Auszubildenden aus Marokko.

Petra Rüthemann hat ein Problem. Sie ist Personalleiterin im Dorf Münsterland. Und als solche hat sie mit den Herausforderungen zu kämpfen, die die gesamte Hotellerie- und Gastronomie plagen – nicht nur, aber besonders in den Zeiten der Corona-Pandemie. Personal ist immer schwieriger zu bekommen, das gilt für große Teile der Wirtschaft, besonders das Handwerk, aber auch für Betriebe wie das Dorf Münsterland.

„Wir hatten auch schon vor Corona einen extremen Rückgang der Bewerber für alle Ausbildungsberufe, der uns jedes Jahr vor große Probleme gehabt gestellt hat“, so Petra Rüthemann. Früher habe man immer insgesamt zehn bis 15 Azubis pro Ausbildungsjahr im Haus gehabt. Einzig: Diese Zeiten sind längst vorüber.

Seit rund 15 Jahren sinkt die Zahl der Auszubildenden im Hotel- und Gaststättengewerbe. 2007 zählte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) noch 107.041 Arbeitsverhältnisse. Im vergangenen Jahr hingegen waren es nur noch 45.507.

So kommt es, dass Petra Rüthemann sich nicht mehr ausschließlich auf den hiesigen Markt verlässt, auf dem es einfach zu wenige Menschen gibt, die ihr berufliches Glück als Servicekraft oder Koch suchen und nicht an die Universität streben, um BWL zu studieren. Eine Lösung musste her: „Während Corona haben wir überlegt, was wir als Arbeitgeber tun könnten.“

Aus Nordafrika nach Legden

Der entscheidende Hinweis kam schließlich aus einem anderen Hotel der Unternehmensgruppe. Hier arbeiten Auszubildende aus Marokko. Und jetzt gibt es auch marokkanische Auszubildende im Dorf Münsterland. Insgesamt vier junge Männer und eine Frau sind aus Nordafrika nach Legden gekommen, um sich als Hotelfachleute und als Koch ausbilden zu lassen.

„Ich habe das mit der Möglichkeit der Ausbildung in Deutschland im Internet gesehen und mich dann entschieden Deutsch zu lernen“, sagt Mehdi Elayouti, der aus der marokkanischen Millionenstadt Casablanca kommt. Er hat kürzlich seine Ausbildung zum Hotelfachmann in Legden begonnen.

Zuvor war er in Marokko auf seine Reise in die Bundesrepublik vorbereitet worden. Das trägt hörbare Früchte, denn sein Deutsch ist bereits auf einem sehr guten Niveau, wenn man sich vor Augen hält, dass er sich gerade im ersten Ausbildungsjahr befindet.

„Die Chancen hier sind größer als in Marokko“, ergänzt Ayoub Lamsayeh. „Dort ist es schwer, einen Job zu finden.“ Seine Schwester wohnt bereits in Deutschland und gab ihm den Hinweis, dass Fachkräfte hier händeringend gesucht werden. „Ich habe mich entschieden, dass Deutschland meine Zukunft wird“, fügt der 24-Jährige hinzu.

Die Zukunft ist in Deutschland

Eine Win-Win-Situation also? Für Petra Rüthemann ist das eine klare Sache. Sie ist begeistert von den jungen Menschen aus Marokko, die sich im Sehnsuchtsort Deutschland eine Zukunft aufbauen wollen – dort, wo sie gebraucht und gefördert werden.

In ihrer alten Heimat haben sie bereits Ausbildungen absolviert, doch die seien größtenteils theoretisch. Ganz anders als in Deutschland, das im Ausland für sein Ausbildungssystem beneidet wird, welches im eigenen Land hingegen einen schweren Stand hat.

Im Dorf Münsterland jedenfalls müssen die Auszubildenden direkt mit anpacken. In den ersten sechs Monaten werden sie im Service eingesetzt. „Sie müssen sich hier erstmal zurechtfinden“, sagt Petra Rüthemann. „Wo finde ich was? Wo ist die Festscheune, wo der Audimax?“ Mehdi Elayouti fügt hinzu: „Wir machen alles, morgens das Frühstücksbuffet, bedienen die Gäste, bereiten Tagungen vor.“

Fest steht: In den drei Jahren der Ausbildung erfolgt ein Durchlauf des gesamten Hauses. Für den Kontakt mit den Kunden, beispielsweise an der Rezeption, müssen die Lehrlinge noch an ihrem Deutsch feilen, so die Personalleiterin. Das passiert derzeit in der Berufsschule. Dreimal in zwei Wochen fahren sie dafür nach Ahaus. „Die Rückmeldungen sind sehr gut“, freut sich Petra Rüthemann.

Die Chance ihres Lebens

Auch ihre Schützlinge gehen gerne zur Berufsschule. Hier werde Rücksicht darauf genommen, dass sie keine Muttersprachler seien – aber das funktioniere alles. Nur Religion sei sprachlich anspruchsvoll wegen der vielen „Fachwörter“.

„Es gefällt uns hier sehr gut, die Leute sind nett und helfen uns“, berichtet Mehdi Elayouti, der mit seinen Mitstreitern derzeit in einigen Appartements im Dorf Münsterland untergebracht ist. Das aber soll nur eine Übergangslösung sein, Petra Rüthemann sucht händeringend nach Alternativen.

Dass die jungen Leute ihren Weg nach Deutschland gefunden haben und nun den Fachkräftemangel zu lindern helfen, bedarf einer komplexen Organisation. Die Heinrich-Heine-Akademie aus Düsseldorf hat sich auf die Vermittlung von marokkanischen Arbeitskräften nach Deutschland spezialisiert. Anwerbung, Auswahl, Visum, Akquise – das Unternehmen kümmert sich. Gegen eine Gebühr, die die Auszubildenden entrichten müssen.

Ayoub Lamsayeh bereitet einen Tisch für das Frühstück vor.
Ayoub Lamsayeh bereitet einen Tisch für das Frühstück vor. © Nils Dietrich © Nils Dietrich

Dafür werden sie in ihrem Heimatland nicht nur auf das Leben in Deutschland vorbereitet, sondern auch vor Ort betreut. „Da ist ein wahnsinniger Ballon dahinter“, gibt Petra Rüthemann zu bedenken. „Ohne die Vermittlung würde ich mich nicht an das Thema trauen.“

„Die Bewerber müssen wollen!“, betont die Personalchefin. Und das tun sie, denn für die jungen Frauen und Männer ist Deutschland die Chance ihres Lebens. Petra Rüthemann hat unterdessen grünes Licht gegeben für eine Fortsetzung der Personalakquise im kommenden Jahr.

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