Jens Spahn informiert sich bei Legdener Ärzten über die elektronische Fallakte

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Ärzte in Krankenhaus und Praxis, Pflegedienst und Therapeut – sie alle können gemeinsam von der elektronischen Fallakte profitieren. Jetzt hat sich Minister Jens Spahn das Projekt in Legden angesehen.

Legden

, 19.02.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In der Hausarztpraxis Münsterland in Legden wird die elektronische Fallakte (EFA) erprobt. Noch nicht mit echten Patienten und echten Fällen, aber das soll bald kommen. Am Dienstag hat sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn das Projekt erläutern lassen. Eine gewisse Skepsis war zu spüren.

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL) ist mit ihrem Vorstand Thomas Müller und dem IT-Chef Dr. Georg Diedrich nach Legden gekommen. Sie treiben die Entwicklung der Austauschplattform voran und sprechen von einem großen Interesse aus ganz Deutschland. Ihr Ziel: Nach einer gewissen Zeit soll die EFA zur Regelversorgung gehören. Dafür müsste sie in das Fünfte Buch Sozialgesetzbuch aufgenommen werden.

Spahn-Besuch ist ein großes Ereignis

Dr. Volker Schrage, seit knapp einem Jahr zweiter Vorsitzender der KVWL, betont: „Es ist ein großes Ereignis, dass wir Minister Spahn das Projekt vorstellen können.“ Der Legdener Hausarzt, der auch Vorsitzender des Gesundheitsnetzes Gemeinsam Westmünsterland ist, arbeitet seit Jahren an der professionsübergreifenden Vernetzung.

Für ihn ist die Fallakte ein großartiges Projekt. „Nur wenn alle miteingebunden sind, die Ärzte im Krankenhaus, der Haus- oder Facharzt, auch die Mitarbeiter in der Pflege und Therapeuten, gibt es Patientensicherheit“, sagt er. Das Prinzip ist einfach. Der erste Arzt, zu dem ein Patient kommt, legt die elektronische Akte speziell zu dem Fall an. Stimmt der Patient zu, können später andere Ärzte auf alle Informationen zugreifen. Das gilt auch für den Pflegedienst, der vielleicht anschließend an einen Krankenhausaufenthalt einbezogen wird.

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Jeder Beteiligte kann also sehen, welche Erkrankungen es gibt, welche Medikamente eingenommen werden, ob es Allergien gibt, wie der Pflegedienst den Zustand des Patienten im Alltag einschätzt. Informationen, die eine perfekte Behandlung ermöglichen. Auch wirtschaftlich rechne sich EVA, heißt es am Dienstag, da zum Beispiel Mehrfachuntersuchungen vermieden werden können.

Alles-oder-Nichts-Prinzip bei der Fallakte

„Es gilt das Prinzip: Alles oder Nichts“, sagt Georg Diedrich. Es können also nicht einzelne Informationen herausgenommen werden. Damit unterscheidet sich die Fallakte von der Elektronischen Patientenakte (EPA), die bald kommen wird. Denn hier kann der Patient entscheiden, welche Daten aufgenommen werden und das lebenslang. Die Fallakte wird allerdings nach einer gewissen Zeit komplett gelöscht.

Thomas Müller betont: „Erfahrungen aus allen Regionen zeigen, dass Patienten wie selbstverständlich davon ausgehen, dass sich behandelnde Ärzte austauschen.“ Das bestätigt Volker Schrage. Gerade am Dienstag habe ihm das so ein Patient gesagt: „Ihr schickt das ja zum Orthopäden weiter.“ Und dann musste er ihm erzählen, dass dies nicht so sei. Noch nicht.

Jens Spahn setzt sich in Hausarztpraxis an den Rechner

Kaum ist Jens Spahn in der Hausarztpraxis eingetroffen, bitten die Mitarbeiterinnen Martina Schmeddes und Annette Langenhorst den Minister hinter die Kundentheke. Am Rechner zeigen sie ihm, wie verschiedene Nutzer auf die Akte zugreifen können und was sie so alles sehen können.

Spahn fragt nach: „Die Pflege muss aber nicht alles sehen, was die Ärzte wissen.“ „Doch“, entgegnet Volker Schrage: „Alles ist relevant.“ Spahn ist skeptisch: „So kommst du beim Datenschutzbeauftragten nicht durch die Tür.“ Später werden Diedrich und Müller darauf verweisen, dass das Projekt datenschutzkonform ist.

Dr. Georg Diedrich (l.), Geschäftsbereichsleiter IT, und Thomas Müller, Vorstand Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe, kamen am Dienstag nach Legden.

Dr. Georg Diedrich (l.), Geschäftsbereichsleiter IT, und Thomas Müller, Vorstand Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe, kamen am Dienstag nach Legden. © Ronny von Wangenheim

Legden und die Region ist eine der vier Modellregionen, mit denen gestartet wird. Hier wird sich darauf vorbereitet, die Fallakte für an Demenz erkrankte Menschen einzuführen. Ganz vorne dabei ist die Hausarztpraxis Münsterland. Noch läuft in der Hausarztpraxis an der Königstraße die Pilotphase. Mitte des Jahres könnten dann echte Fallakten aufgebaut werden.

58 Ärzte des Gesundheitsnetzes Gemeinsam können mitmachen

„Dann können unsere 58 Ärzte und das Klinikum Westmünsterland mit den Standorten mitmachen“, sagt Martina Schrage, Geschäftsführerin des Gesundheitsnetzes Gemeinsam. Auch die Caritas, so berichtet deren Vorstand Matthias Wittland, wird dann mitmachen.

Auch Schulungen für Mitarbeiter in den Arztpraxen wird es geben. Ein dementsprechendes Projekt wird vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert. Das konnte Martina Schrage Jens Spahn allerdings nicht mehr erzählen. Der Minister reihte am Dienstag Termin an Termin und hatte weniger Zeit als geplant.

Volker Schrage und Jens Spahn im Gespräch

Volker Schrage und Jens Spahn im Gespräch © Ronny von Wangenheim

Dass Datensicherheit ihm ganz wichtig ist, machte er zum Schluss noch einmal deutlich. Da fragte er nicht nach der Sicherheit des EFA-Systems, sondern eher nach der Sicherheit in den einzelnen Arztpraxen. Spahn: „Ich sehe eher da das Problem. Dass der Cousin des Arztes nebenbei die IT der Praxis macht, geht nicht mehr.“

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