Landwirte wollen Verbraucher aufrütteln und mit ihnen reden

hzProtest der Landwirte

Es kann so einfach sein: Landwirte haben am Freitag das direkte Gespräch mit Verbrauchern vor Supermärkten gesucht. Die Aktion verbuchen sie als Erfolg, auch wenn es viel Arbeit war.

Legden

, 18.01.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit dem Traktor zum Supermarkt? Zum Start der Grünen Woche in Berlin sind deutschlandweit wieder Landwirte mit ihren Traktoren auf die Straße gegangen. Im Kreis Borken ging die Initiative „Land schafft Verbindung“ am Freitag einen anderen Weg. So auch in Legden:

„Wir wollen den Leuten nicht ständig mit einem Traktorkorso auf der Straße auf die Nerven gehen“, sagt Christian Bomberg, Vorsitzender vom Landwirtschaftlichen Ortsverein. Mit einigen Kollegen und einem großen Schlepper hat er sich vor dem Edeka-Markt am Fliegenmarkt aufgestellt. Sie wollen mit Verbrauchern ins Gespräch kommen und mit ihnen über ihre Sorgen reden. Als kleinen Gesprächsöffner verteilen sie Tütchen mit Blumensamen. Die wurden am Abend vorher noch bis in die späte Nacht verpackt. Über 2000 kleine Tüten waren es allein in Legden.

Landwirte wollen Verbraucher aufrütteln und mit ihnen reden

Initiiert von der Bewegung "Land schafft Verbindung" haben sich am Freitag bundesweit Landwirte zum Start der Grünen Woche in Berlin vor Supermärkten aufgestellt, um für ihre Ziele zu werben und mit Verbrauchern ins Gespräch zu kommen. © Stephan Teine

Grund zum Gespräch gibt es aus Sicht der Landwirte dringend: „Auch in einem eher ländlich geprägten Ort wie Legden ist viel Halbwissen bei den Leuten unterwegs“, erklärt auch Christian Roye. Sei es bei der Land- oder der Forstwirtschaft. Beispiel? „Wenn wir im Forst Bäume roden, damit junge Bäume nachwachsen können, heißt es, wir betreiben Umweltfrevel“, sagt er.

Bezug zur Landwirtschaft ist auch auf dem Dorf verloren gegangen

Der Bezug der Menschen zur Landwirtschaft sei eben oft einfach verloren gegangen. Genau deswegen wollen die Landwirte mit den Verbrauchern sprechen und über ihre Ziele informieren. „Wenn das bei uns auf dem Dorf schon so ist, kann man sich ja denken, wie es in den großen Städten aussieht“, fügt Christian Bomberg hinzu.

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Müsste der Protest dann aber nicht eigentlich genau dorthin getragen werden? Eigentlich schon. Aber: „Es ist ja schon schwer genug, neben der normalen Arbeit im Betrieb die Leute zu so einer Aktion zu bewegen“, hält Tobias Harpert dagegen. Zusammen mit Maik Brügging und Josef Bücker hat er einen kleinen Stand vor dem K+K-Markt an der Friedrich-Castelle-Straße aufgebaut. Jetzt noch mit dem Schlepper beispielsweise bis ins Ruhrgebiet zu fahren, würde jeden Rahmen sprengen.

Protest und normaler Betrieb unter einen Hut bekommen

„Auch so haben wir ohne Probleme regelmäßig eine 80-Stunden-Woche“, sagt auch Maik Brügging. Sein Tag hat am Freitag noch vor 5 Uhr angefangen. „Bei uns hat heute eine Kuh gekalbt und Zwillinge bekommen“, erzählt er. Die Veranstaltungen der Bewegung „Land schafft Verbindung“ müsse eben so gut es geht in den Hofalltag integriert werden.

Landwirte wollen Verbraucher aufrütteln und mit ihnen reden

Traktoren auf Supermarktparkplätzen: Wie hier in Legden haben am Freitag in vielen Orten Landwirte das Gespräch mit den Verbrauchern gesucht. © Stephan Teine

Egal wo – die Legdener Landwirte sind an diesem Vormittag froh, dass sich ihr Protest überhaupt formiert. Lange Jahre habe jeder nur für sich gewirtschaftet, dabei aber völlig vergessen, auch öffentlich Werbung für die Landwirtschaft zu machen. „Dabei macht das jeder kleine Handwerker“, erklärt Christian Roye. Woran das letztlich liege, sei nun egal. „Wir wollen niemandem die Schuld zuweisen“, erklärt auch Christian Bomberg. Klar sei nur, dass sich die Landwirte jetzt mit aller Kraft in die Öffentlichkeit und gegen geplante Gesetze stemmen.

Landwirte fühlen sich zum Buhmann gemacht

Ihre Kritikpunkte: das Agrarpaket, die Düngemittelreform, Insektensterben und Pflanzenschutz – und die Rolle, die die Landwirtschaft in diesem Netz spielt. Verschärfungen, die ihnen große Sorgen vor der Zukunft bereiten. „Wir werden zum Buhmann gemacht, das wollen wir nicht mehr auf uns sitzen lassen“, so Christian Roye weiter. Dabei könne der Wandel hin zu mehr Umweltschutz nur durch die gesamte Gesellschaft erreicht werden.

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Auch sei die Vorstellung von landwirtschaftlichen Betrieben in vielen Köpfen einfach nur antiquiert. „Wir können nicht mehr so wirtschaften, wie es unsere Großeltern vielleicht noch in den 1950er-Jahren gemacht haben“, erklärt Christian Bomberg. Einen kleinen Stall mit acht Kühen, die noch von Hand gemolken werden, gebe es heute ganz einfach nicht mehr. Und ob das mit Blick auf den Tierschutz unbedingt besser gewesen sei, stehe auf einem ganz anderen Blatt.

Mehr Öffentlichkeit soll Fragen aus der Welt schaffen

Dass der Schritt zu mehr Öffentlichkeit in die richtige Richtung führt, zeigt sich für die Landwirte im Umgang beispielsweise mit Fahrradtouristen: „Wenn die uns bei der Feldarbeit sehen, halten sie an und stellen Fragen“, erzählt Maik Brügging. Diese Fragen zu beantworten, koste zwar Zeit, sorge gleichzeitig aber für viel Verständnis. „Auch dabei merkt man aber immer wieder, wie wenig die Menschen tatsächlich von der Landwirtschaft wissen“, fügt er hinzu.

Alle Landwirte so unter einen Hut zu bekommen, hätte ein Verband seiner Ansicht nie leisten können. „Das musste von ganz unten kommen. Als Bewegung von den Landwirten selbst“, sagt er.

Resonanz bei den Verbrauchern ist fast ausschließlich positiv

Die Resonanz auf die Aktion ist fast ausschließlich positiv: Kunden der Supermärkte lassen sich strahlend die Samentüten in die Hand drücken, grüßen freundlich, einige finden noch Zeit für ein kürzeres oder auch längeres Gespräch.

Gegen Mittag reagiert ein älterer Mann dann aber doch gereizt auf die Landwirte: „Nee, lasst mich in Ruhe. Ich hatte 25 Jahre mit euch beruflich zu tun“, brummt er und geht schnell weiter Richtung Auto. Christian Roye zieht die Augenbrauen hoch und zuckt irritiert mit den Schultern. „Das war jetzt aber auch der Erste, der so reagiert hat“, sagt er. Manche werden die Landwirte eben auch mit dieser Aktion nicht erreichen.

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