Lebensgefahr für Rehe: Landwirte und Jäger sind vor der Mahd gefragt

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Der erste Grasschnitt bedeutet Lebensgefahr für Rehe. Landwirte wie Heinz-Bernd Saalmann wissen um die Verantwortung. Mit Hund, Blinklampen und Flatterband geht es vorher auf die Felder.

Legden

, 28.04.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der erste Grasschnitt des Jahres fällt in die Brut- und Setzzeit vieler Wildtiere. In Wiesen oder Grünroggenfeldern wähnen sie ihren Nachwuchs sicher. Damit die Kitze oder andere Wildtiere überleben, müssen Landwirte einiges beachten. Heinz-Bernd Saalmann ist als Landwirt und Jäger doppelt gefragt.

„Landwirte, die mähen wollen, melden sich bei mir und anderen Jagdkollegen“, sagt Heinz-Bernd Saalmann, in Legden auch im Vorstand des Landwirtschaftlichen Ortsvereins aktiv. Dann geht es kurzfristig hinaus zu den Feldern und Wiesen. Mit Blinklampen und Flatterband werden die Muttertiere gestört, damit sie ihren Nachwuchs an einen sicheren Platz bringen.

„Wir laufen auch mit Hunden kreuz und quer durch das Feld“, erzählt Saalmann. Auch der Geruch der Hunde kann die Rehe aufschrecken, damit sie nachts in die Felder reingehen und ihre Kitze holen. „Das klappt sehr gut“, so Saalmann, „in den letzten Jahren haben wir keine Kitze gefunden.“ Rund 500 Hektar ist das Revier im Wehr groß, in dem er mit dem Jagdpächter Hermann Heuser und anderen Jagdkollegen im Einsatz ist.

Ducken ist eine Instinktreaktion der Wildtiere

„Ducken und Tarnen“ ist eine Instinktreaktion der Wildtiere. Und das so gut, dass man Kitze kaum finden kann. Auch Saalmann hat irgendwann nur durch Zufall ein Kitz entdeckt, dass einen halben Meter neben seinem Traktor im Feld lag. Doch diese Reaktion schützt zwar vor dem Fuchs, nicht aber vor dem Kreiselmäher oder dem Mähbalken. Und so wird es lebensgefährlich, wenn landwirtschaftliche Betriebe die erste Erntephase starten, um Futter für ihre Tiere zu ernten.

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Hieraus folgt eine besondere Verantwortung für den Menschen. Darauf machen in diesen Tagen der Kreisverband Borken im Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV), die Regionalgruppe der Basisbewegung „Land schafft Verbindung Deutschland“ (LsV) und die Naturfördergesellschaft für den Kreis Borken (NFG) aufmerksam: „Wir setzen hier auf die bewährte Zusammenarbeit von Landwirten, Lohnunternehmern und Jägern, um die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu schützen und Rücksicht zu nehmen“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Jagdpächter und Landwirte besprechen präventive Maßnahmen

Nicht nur in Legden, sondern im gesamten Kreis Borken tauschen sich Jagdpächter und Landwirte vor Ort häufig im Vorfeld kurz dazu aus, wann die Mahd startet. Kurz vor dem Termin werden dann präventive Maßnahmen vor Ort vorgenommen, berichtet der stellvertretende Vorsitzende des WLV-Kreisverbandes, Heinz-Josef Elpers: „Die Jäger wissen von ihren regelmäßigen Rundgängen recht genau, wo die Tiere sich in der Regel aufhalten.“

Neben Blinklampen und Hunden werden auch Stangen mit flatternden Tüchern, Luftballons und Windrädern eingesetzt. Das alles müsse unmittelbar vor der Mahd passieren, empfiehlt der Vorsitzende der Naturfördergesellschaft für den Kreis Borken (NFG), Martin Hillenbrand: „Die Muttertiere müssen dies als Störung empfinden, um samt Jungtieren verscheucht zu werden. Wenn das zu langfristig im Vorfeld passiert, gewöhnen sich die Tiere an den Effekt und man hat sie wieder dort liegen.“

So passiert es auch in Legden. Oft kommt der Anruf ganz kurzfristig, erzählt Heinz-Bernd Saalmann. Abends vor der Ernte geht es dann los. Beim Grasschnitt selbst sind auch die Landwirte und Lohnunternehmer gefragt. „Sie mähen von innen nach außen oder von einer zur anderen Seite“, so Saalmann. So bleibe dem Wild noch ein Fluchtweg.

Drohnen mit Wärmebildkamera sind noch sehr teuer

Moderne Technik macht es inzwischen möglich, eine Fläche mit einer Drohne samt Wärmebildkamera abzufliegen. In Legden wisse er davon noch nicht, so Saalmann. Der WLV-Kreisverband berichtet, dass dies zum Beispiel in Reken in Vorbereitung sei. „Das ist aber sehr teuer und daher noch die Ausnahme“, so Heinz-Josef Elpers.

Längst Stand der Technik und noch zudem günstig sei hingegen der Einsatz sogenannter akustischer Wildretter. Diese werden beim Mähvorgang an den landwirtschaftlichen Maschinen angebracht und erzeugen einen hochfrequenten Signalton, der das Wild rechtzeitig aufscheucht.

Für Heinz-Bernd Saalmann ist der Artenschutz wichtig. Aber auch für ihn als Landwirt sei es wichtig, kein Tier bei der Mahd zu erwischen: „Wenn ein Tier unentdeckt bleibt und es mit ins Futterlager kommt, birgt das für den Bauern ein großes Risiko“, sagt der Legdener Landwirt. Durch die Kadaver besteht in der Silage- und Heuproduktion die Gefahr von Botulismus in der weiteren Fütterungskette, informiert auch der WLV.

Spaziergänger sollen keine Bodenbrüter aufscheuchen

Martin Hillenbrand von der NFG hat noch ein weiteres Anliegen. Jeder Einzelne sei jetzt im Frühling in der Pflicht, bei den gerade in Corona-Zeiten wertgeschätzten Spaziergängen an Wiesen und Weiden etwas für den Artenschutz zu tun. „Abseits von Waldwegen, auf Wiesen und Brachflächen kann es schnell passieren, dass Tiere nachhaltig gestört werden.“ Es bestehe die Gefahr, dass Bodenbrüter wie Rebhühner, Fasane oder Kiebitze aufgescheucht werden, wenn beispielsweise Hunde über die Äcker laufen. Gerade der Schutz des Kiebitzes genieße hohe Priorität.

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