Vor die Fassade blicken

Ausstellungen im Dormitorium

ASBECK Kein Auto, das vor der Haustür parkt, kein Mensch, der aus dem Fenster schaut, keine Taube, die auf dem First sitzt: Roman Staißs Zeichnungen von Münsteraner und Asbecker Häusern sind seltsam leb- und zeitlos - und deshalb so faszinierend. Sie erlauben den Besuchern der aktuellen Ausstellung im Dormitorium zwar nicht den Blick hinter die altbekannten Fassaden, dafür aber einen ganz neuen darauf.

von von Sylvia Lüttich-Gür

, 10.07.2009, 19:46 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im vornehmen Hellgrau streckt sich die klar strukturierte Außenwand der Stadtvilla über zwei Vollgeschosse mächtig in die Höhe und mündet in eine verspielte Giebelrosette: Stein und Putz gewordener Ausdruck von Selbstbewusstsein und Geschmack. Nein, dieses repräsentative Gebäude befindet sich nicht in Münster, wie Volkskundler Bernhard Laukötter vom Heimatverein Asbeck kopfschüttelnd mitteilt, "obwohl es dem Pfarrer von St. Lamberti auch alle Ehre gemacht hätte". Tatsächlich haben Handwerker um 1910 dieses Wohn- und Amtshaus für die Asbecker Geistlichkeit errichtet.

Vorbild Münster

Roman Staiß erzählt von dem Wunsch der Dorfbevölkerung, den reichen Städtern nacheifern zu können - in der klaren, präzisen Sprache, die nur einem Architekten zu eigen ist. Er konzentriert den Blick auf Fenstereinfassungen und Schmuckgiebel, ländliche Holzläden und städtische Rundbögen - erst beim Betrachten der maßstäblichen Zeichnungen und später auch der Häuser draußen. Erklären, Einordnen - das will der Billerbecker Diplom-Ingenieur nicht: "Die Architektur spricht für sich" - in diesen so radikal vom allen "Nebengeräuschen" befreiten Ansichten auch für Laien unüberhörbar. Volkskundler Bernhard Laukötter, der die Ausstellung zusammen mit Staiß für den Asbecker Heimatverein konzipiert hat, findet da mehr Worte: "Wir finden bei einigen Asbecker Fassaden wie die des Pfarrhauses klassisches Beispiel für absteigendes Kulturgut", so der Wissenschaftler. Die Landbevölkerung habe gerne die städtischem Wohn- und Lebensformen übernommen - vorausgesetzt, sie konnte sich das leisten.

Doch selbst die gut situierten Bürger des Stiftsdorfes haben es nie zu den vorgebauten Säulengängen der Vorbilder vom Prinzipal markt gebracht. Das zeigt der Vergleich der zwölf Asbecker 20 Münsteraner Ansichten, die leider voneinander getrennt hängen. Anderfalls wäre noch deutlicher geworden, dass eine Zuordnung der Fassaden zu den Bereichen Land und Stadt gar nicht so einfach ist.

Vorbild Asbeck

In einem Fall auch gar nicht eindeutig: Die weit und breit einzigartige Säulengalerie, die jetzt das Dormitorium schmückt - ebenfalls ein Motiv der Ausstellung - , war zwischenzeitlich auch in Münster zu finden. Nach dem Abbruch in Asbeck fand der Säulengang Verwendung im ersten und zweiten Obergeschoss des 1864 fertiggestellten Diözesanmuseums - ein seltenes Beispiel für aufsteigendes Kulturgut.

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