Schalke-Legende Klaus Fichtel: „Einige Bundesliga-Vereine werden große Probleme bekommen“

hzEhemaliger Nationalspieler

Ex-Profi Klaus Fichtel aus Castrop-Rauxel spielte für Werder Bremen und Schalke 04. Im Interview spricht der 75-Jährige unter anderem über einen historischen Rekord und die WM 1970 in Mexiko.

Castrop-Rauxel

, 04.11.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gegen Werder Bremen endete am 21. Mai 1988 im Gelsenkirchener Parkstadion die Profi-Karriere des Defensivspielers Klaus („Tanne“) Fichtel – nach 552 Spielen und in einem Alter von 43 Jahren, sechs Monaten und zwei Tagen. Seit fast 33 Jahren hält sein Altersrekord wie in Stein gemeißelt. Zuletzt näherte sich Claudio Pizarro zwar, der Peruaner war bei bei seinem letzten Erstligaspiel allerdings erst 41 Jahre und 227 Tagen alt.

Den internationalen Altersrekord als Fußballprofi hält derweil der Ägypter Ezzeldin Bahader, der mit 74 Jahren aktuell noch für Drittligist „6. Oktober“ aufläuft. In Castrop-Rauxel am 19. November 1944 geboren, ging es für Klaus Fichtel unterdessen mit 14 Jahren als Berglehrling „auf Zeche“. Gekickt hat er bei Arminia Ickern in der Verbandsliga, damals die höchste Amateurklasse.

Trainer Fritz Langner holte ihn mit 20 Jahren als Vertragsspieler - so hießen Profis damals offiziell - zum FC Schalke 04. Daraus wurden 552 Erstligaspiele für Schalke und Werder Bremen. Fichtel ist bis heute der einzige Castrop-Rauxeler Fußballer, der jemals an einer Weltmeisterschaft teilgenommen hat.

Herr Fichtel, wie geht es Ihnen? Das muss in Zeiten von Corona einfach die erste Frage sein?
Mir geht es gesundheitlich gut - ich kann nicht klagen. Auch sportlich bin ich noch unterwegs als Trainer der Schalker Traditionsmannschaft.

Was sagen Sie nach über 20 Jahren Profifußball in vollen Stadien zur Corona-Situation ohne, oder mit nur wenigen Fans bei Bundesliga-Spielen?

Es muss weitergespielt werden. Die Profiklubs brauchen die Fernsehgelder um nicht in die Insolvenz zu rutschen. Dass bei Heimspielen die Fans gebraucht werden, zeigt schon jetzt die Statistik. Ohne Zuschauer gewinnen die Gäste viel öfter als sonst.

Der 75-jährige Klaus Fichtel trainiert nach wie vor die Traditionsmannschaft des FC Schalke 04.

Der 75-jährige Klaus Fichtel trainiert nach wie vor die Traditionsmannschaft des FC Schalke 04. © Marcel Witte

Ist die Bundesliga überhaupt noch interessant, da es Überraschungen wie einst Eintracht Braunschweig oder den 1. FC Kaiserslautern als Meister nicht mehr gibt, stattdessen Bayern München achtmal in Folge Deutscher Meister wurde und sich daher fast nur noch die Frage stellt, wer denn nun Zweiter wird?

So sehe ich das nicht. Auch Bayern München hat – wie alle anderen – nur elf Spieler auf dem Platz. Dortmund, Mönchengladbach, Leipzig und auch die anderen Klubs haben Chancen, die Bayern in der Saison-Frühphase zu packen.

Wenn es bei den Münchnern aber einmal läuft, sind sie kaum zu stoppen. Auch weil sie auf der Bank besser besetzt sind. Regelmäßige Millionen aus der Champions League ermöglichen den Bayern, Spieler zu kaufen, die verletzte Akteure zu 100 Prozent ersetzen können. Vereine, die nicht oder seltener in der Champions League spielen, können sich das nicht leisten.

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Wie sehen Sie die aktuelle Situation rund um ihren Ex-Verein FC Schalke 04?

Die Gesamtlage bei Schalke ist sehr, sehr schwierig. Dabei ist Fußball auf Schalke ganz einfach. Die Fans werden nie pfeifen, wenn auf dem Platz alle kämpfen. Die Schalke-Fans akzeptieren sogar, dass kein Spieler immer Weltklasse sein kann, aber kämpfen wollen sie ihn sehen.

Ein großes Problem ist das Management. Es kann nicht sein, dass zuletzt fünf Nationalspieler ohne Ablösesummen wechseln konnten. Dadurch sind 160 Millionen verloren gegangen. So etwas darf nicht passieren. Manager müssen wissen, wann Spieler-Verträge auslaufen und frühzeitig neu verhandeln. Diese verschenkten Millionen fehlen jetzt in der Kasse.

Haben Sie denn noch Kontakte zum FC Schalke und waren sie vor Corona möglicherweise sogar nochmal im Stadion?

Meine Schalke-Kontakte sind nie abgerissen. Die Traditionsmannschaft bekommt zu Heimspielen immer 25 Eintrittskarten, daher war ich vor Corona oft in der Arena, und werde dort sein, wenn Zuschauer wieder erlaubt sind.

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Ganz provokativ gefragt: Geht die Fußball-Bundesliga pleite, wenn Corona uns noch viel länger beschäftigt?

Ich denke, dass die Bundesliga Corona überleben wird. Einige Vereine, die nicht international spielen, werden große Probleme bekommen, vielleicht sogar pleite gehen – nur Bundesliga spielen reicht nicht zum Überleben.

Herr Fichtel, Sie wurden einmal Pokalsieger und zweimal Vizemeister mit Schalke, haben mit Deutschland Platz drei bei der WM 1970 in Mexiko belegt, sind mit Werder Bremen in die Bundesliga aufgestiegen, es gab aber auch den dunklen Fleck: Der Bundesliga-Skandal, womit die Nationalmannschafts-Karriere beendet war und sie 1972 nicht Europameister und 1974 kein Weltmeister werden konnten. Ist der Blick zurück auf die Karriere trotzdem nur positiv?

Ich stand in 23 Länderspielen auf dem Platz, habe 552 Mal in der Bundesliga gespielt, war Pokalsieger, da kann ich nur mit Stolz auf meine Karriere blicken. Als ich mit 20 Jahren zum FC Schalke kam, habe ich im Traum nicht daran gedacht, jemals Nationalspieler zu werden, was das Größte für einen Fußballer ist. Zum Bundesliga-Skandal sei gesagt, dass ich beim 0:1 gegen Arminia Bielefeld längst verletzt ausgewechselt war als das Tor fiel, später aber als Mitwisser trotzdem gesperrt wurde.

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Neben dem Fußball war der Trabrennsport eine große Leidenschaft. Wie sieht es damit heute aus?

Im November 2019 habe ich eine neue Hüfte bekommen und musste leider schweren Herzens meine beiden Pferde verkaufen.

Zum Abschluss: Was war ihr schönstes Erlebnis als Fußballprofi?

Das war nicht der Pokalsieg, auch nicht Platz drei bei der WM in Mexiko. Das war in der Saison 1965/66, als wir vier Spieltage vor Schluss Borussia Neunkirchen 2:0 besiegt haben und 32.000 Fans in der Glückauf-Kampfbahn mit uns nach dem Schlusspfiff noch stundenlang den Klassenerhalt gefeiert haben.

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