Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

"Der Verband hat ziemlich versagt": Frauen-Fußball ist auf dem absteigenden Ast

hzFrauen-Fußball

Die Zahlen sind seit mehr als zehn Jahren rückläufig. Die heimischen Funktionäre im Frauen-Fußball beklagen zu wenig Unterstützung vom Verband – und werfen ihm eine Art falsches Spiel vor.

von Niklas Berkel

Dorsten

, 21.05.2019 / Lesedauer: 5 min

"#NichtOhneMeineMädels." So wirbt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) für Frauen-Fußball. "Doch mit der Realität hat das wenig zu tun", sagt Dieter Müssner, Obmann für Frauen- und Mädchen-Fußball des SSV Rhade. Früher war es für Jugendspielerinnen möglich, bis zur C-Jugend bei den Jungs mitzuspielen. Mittlerweile bekommt jede junge Fußballerin bis zur B-Jugend die Genehmigung. Und weil es im Mädchen-Fußball keine A-Jugend gibt, geht es für die Fußballerinnen danach direkt zu den Seniorinnen. "Der Jugendspielbetrieb leidet dadurch", sagt Müssner. "Eigentlich muss die Basis bei den Mädchen viel größer sein." Aber dadurch schrumpft die eh schon kleine Basis noch weiter.

Zahlen im Mädchen-Fußball gehen drastisch zurück

Die Zahlen der Fußballerinnen in Deutschland sind seit 2008 rückläufig. Gaben vor zehn Jahren noch sieben Prozent der Befragten an, Fußball zu spielen, waren es fünf Jahre später im Jahr 2013 nur noch sechs Prozent. Und bei der nächsten Umfrage 2018 sanken die Zahlen gar auf fünf Prozent. Noch drastischer fällt der Rückgang im Jugendfußball bei den 14- bis 19-Jährigen auf. Von 33 Prozent fiel die Zahl auf nur noch 18 Prozent.

"Der Verband hat bei der WM total versagt." Mike Lerche, Trainer U17 des SSV Rhade

Einen Grund sieht Mike Lerche, Trainer der U17-Fußballerinnen des SSV Rhade, bei der Frauen-WM 2011 in Deutschland. "Der Verband hat bei der WM ziemlich versagt", schimpft er. "Alle haben nur auf die Frauen draufgehauen, weil die nicht Weltmeister geworden sind. Das hat viele abgeschreckt", sagt Lerche. Eigentlich sollte die Bühne dafür genutzt werden, um Werbung für den Sport zu machen; um mehr Mädchen und Frauen zu gewinnen. Stattdessen wendeten sich immer mehr vom Sport ab.

Was nun zu tun sei, um den Frauen-Fußball wieder salonfähiger zu machen? "Wir müssten viel mehr in die Schulen gehen, die Mädchen auf Fußball aufmerksam machen", sagt Lerche. "Aber als Trainer haben wir dafür zu wenig Zeit." Bedeutet: Auch da müsste der Verband mehr eingreifen und Hilfe leisten. Lerche selber hat das in seiner Zeit als Trainer in Coesfeld regelmäßig gemacht. "Dadurch, dass ich in die Schulen reinging und Probetrainings angeboten habe, kamen regelmäßig neue Spielerinnen dazu." Doch da steht viel Zeit hinter. Zeit, die ein normaler Trainer kaum aufbringen kann.

Als Belohnung gibt einen Ball für den größten Erfolg der Vereinsgeschichte

Der Staffelleiter des Kreises Recklinghausen, Ludwig Schulte-Huxel, sieht dazu noch ein weiteres hausgemachtes Problem des Verbandes. „Der Verband macht für die Attraktivität zu wenig“, sagt er. Als Beispiel nennt er die B-Jugend des SSV Rhade. Diese erreichte beim DFB Futsal-Cup für B-Juniorinnen vor einigen Wochen den sechsten Platz, war damit die erfolgreichste Mannschaft aus ganz Nordrhein-Westfalen – noch vor dem Titelverteidiger 1. FC Köln. "Der größte Erfolg der Vereinsgeschichte", sagt Schulte-Huxel.

Doch eine Belohnung gab es nicht – zumindest könne sie so nicht genannt werden. „Es gab eine Urkunde und einen Ball“, gibt er leicht spöttisch zu. „Das ist bestimmt nicht attraktiv. Da muss ein Umdenken gemäß des Aufwands und der Sportlichkeit her.“ Als weiteres Beispiel nennt er die fehlenden Aufwandsentschädigungen. Pro Saison könne es sein, dass die Mädchen über 1000 Kilometer an Fahrten hinlegen müssen, erklärt er mit Blick auf die Auswärtsspiele der Rhader B-Juniorinnen. Er fordert daher zumindest Zuschüsse vom Verband ab einer gewissen Kilometeranzahl.

Mit 17 geht es zu den Seniorinnen - ein viel zu früher Schritt

Das nächste Problem liegt in der Struktur, gerade in den Jugendligen. Weil die Vereine keine A-Jugend haben, müssen die Spielerinnen direkt aus der U17 zu den Seniorinnen. Ein Sprung, den viele nicht schaffen. "Da spielen sie gerade noch gegen Gegnerinnen ihres Alters und auf einmal stehen da erfahrene Recken vor einem", sagt Lerche. "Das ist ein Kulturschock." Viele bekommen zu Anfang nur wenig Spielzeit, weil sie nur schwer mithalten können. Die Folge: Sie verlieren die Lust und hören auf.

Aber was kann dagegen getan werden? "Nicht viel", sagt Rhades Obmann Müssner. Vor einigen Jahren gab es die Überlegung, eine A-Jugend-Liga ins Leben zu rufen – aber ohne Chance. "Das Problem ist", sagt Müssner, "dass dann die Senioren-Teams zu wenige Spielerinnen haben. Einige Teams sind auf die U17-Spielerinnen angewiesen."

Beim SSV Rhade sind die Probleme nicht ganz so groß wie bei vielen anderen Vereinen in der Umgebung. Durch den Aufstieg der Seniorinnen in die Westfalenliga stellt der SSV die zweithöchste Mannschaft im Kreis Recklinghausen. Nur der 1. FFC Recklinghausen spielt durch den Aufstieg in die Regionalliga höher. In der Jugend hat Rhade gar das klassenhöchste Team. Die U17 spielt Regionalliga, eine Liga unter der Bundesliga. "Weil wir viel leistungsbezogener arbeiten, haben wir nicht das Problem, dass wir Mannschaften abmelden müssen", sagt Müssner.

Nachbarvereine haben es schwer

Das sieht bei den Nachbarvereinen des SSV da schon anders aus. RW Dorsten, TSV Raesfeld, BW Wulfen. Sie alle stellten Frauen-Fußball-Mannschaften. RW Dorstens Spielerinnen sind mittlerweile zum TuS Gahlen gewechselt, Wulfen und Raesfeld haben sich vom Spielbetrieb abgemeldet. Ein Schicksal, das viele Vereine teilen. Gab es 2017 noch 627 gemeldete Juniorinnen-Teams beim Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW), waren es im vergangenen Jahr nur noch 577. Da bleibt es nicht aus, dass auch die Zahlen der Senioren-Teams rückläufig sind.

Die Frauen-Fußball-Abteilung des SV Lembeck versucht derzeit, über ein kostenloses Schnuppertraining neue Spielerinnen in der Jugend zu finden. Auch am Hagen gingen die Zahlen zurück. "Wobei wir in der U15 zuletzt guten Zuwachs hatten", sagt SVL-Abteilungsleiter Christian Forsthövel. Über das Schnuppertraining sollen weitere Spielerinnen folgen, gerade für die noch jüngeren Jahrgänge. Insgesamt waren schon 20 Mädchen im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren da. "Da haben wir uns entschieden, das ab Mittwoch (22. Mai) regelmäßig zu machen", erklärt Forsthövel.

"Wir müssen die Basis stärken." Dieter Müssner, Obmann für Frauen- und Mädchenfußball beim SSV Rhade

Für Dieter Müssner vom SSV Rhade ist auch genau das der Weg, der weiter eingeschlagen werden muss. "Wir müssen die Basis stärken", sagt er. Denn wenn die Basis gerade bei Rhades Nachbarvereinen wächst, ist es für den SSV auch leichter, leistungsbezogen zu spielen. "Derzeit fahren einige unserer Spielerinnen 50, 60 Kilometer zu uns, weil in den Nachbarvereinen nicht mehr so viele Spielerinnen sind", erklärt er. "Dann wird es auch leichter, einer guten Spielerin von nebenan eine sportliche Perspektive zu bieten, ohne gleich den Nachbarverein personell zu schwächen."

"Der Verband hat ziemlich versagt": Frauen-Fußball ist auf dem absteigenden Ast

Der TSV Raesfeld geht in der kommenden Saison nach einigen Jahren wieder mit einer Frauen-Fußball-Mannschaft an den Start. Der Kader: Hintere Reihe von links:Christina Honvehlmann, Luisa Hölling, Leonie Kölking, Marie Bleker, Johanna Nießing, Inga Wansing, Carina Brömmel, Clara Timmermann, Michael Eilers (Trainer) Vordere Reihe von links:Franka Terhardt, Johanna Eilers, Rieke Bonhoff, Franka Brömmel, Lena Lagermann, Linda Sondermann, Eva Pennekamp, Marlen Nattefort, Greta Beckmann Es fehlen:Marie Sondermann, Nele Brüninghoff, Phoebe Weidner, Nina Bonhoff © Privat

Auch was das angeht, ist es da vielleicht gut, dass der TSV Raesfeld für die kommende Saison wieder eine Frauen-Fußball-Mannschaft gemeldet hat. Doch ohne Jugend kann auch die schnell Geschichte sein, wie BW Wulfen mit seinem Experiment einer Damen-Mannschaft in der Saison 2016/17 zeigte. Womit wir wieder bei der Basis in der Jugend wären, die wachsen muss.

Das Schnuppertraining des SV Lembeck für junge Fußballerinnen ist jeden Mittwoch zwischen 17 und 18 Uhr auf der Sportanlage des SV Lembeck (Am Hagen 29). Weitere Informationen erhalten Sie beim Geschäftsführer Michael Heller (01523/8264207) oder bei Abteilungsleiter Christian Forsthövel (0177/4214789).