BVB-U19-Co-Trainer Rios: "Hier ist alles intensiver"

Fußball

Viel mehr Emotionen passten nicht mehr in die abgelaufene Saison des Daniel Rios (37). Am Tag nach seiner Entlassung beim Oberligisten ASC 09 Dortmund erhielt er das Angebot, Co-Trainer der U19 des BVB zu werden. Die Saison endete mit der Deutschen Meisterschaft. Und es passierte noch mehr bei den Herzensvereinen des Spaniers. Ein Interview.

DORTMUND

, 08.06.2017, 15:34 Uhr / Lesedauer: 4 min
Daniel Rios (M.) besetzt seit seinem Aus beim ASC den Co-Trainer-Posten in der BVB-U19.

Daniel Rios (M.) besetzt seit seinem Aus beim ASC den Co-Trainer-Posten in der BVB-U19.

Momentan weilt Rios in seinem Heimatdorf Cueva del Becerro (1300 Einwohner) nahe Malaga und genießt einen weiteren Triumph. Alexander Nähle hat mit ihm gesprochen.

 

Welches Ereignis in diesem turbulenten Jahr bewegte Sie am meisten? Der Nichtabstieg ihres Ex-Klubs ASC 09 Dortmund, der Titel mit der U19, der DFB-Pokalsieg Ihres Arbeitgebers oder der Champions-League-Titel von Real Madrid, den Sie gerade in Spanien bejubelten?

Zunächst mal war das ein aufregendes Jahr. Ganz klar am stärksten bewegt hat mich die Geschichte, an der ich beteiligt war: Die Deutsche Meisterschaft, hinter der so viel Energie mit einer tollen Mannschaft steckt. Die Eindrücke aus dem Finale gegen Bayern München im Stadion mit so vielen Zuschauern sind noch völlig präsent. Es war einfach toll, das alles zu erleben. Als Hannes Wolf damals im September nach Stuttgart ging und Benjamin Hoffmann mich fragte, ob ich Co-Trainer werden möchte, waren wir Dritter. Trotz einer kurzen Schwächeperiode im Frühjahr haben wir uns mit einem beeindruckenden Sieg zurückgemeldet. Natürlich gehört auch Glück dazu, aber wir haben den Titel wegen der Qualität und dem Willen geholt.

 

Wie haben Sie die anderen Erfolge erlebt?

An zweiter Stelle kommt der Nichtabstieg des ASC, weil ich mit vielen Spielern, die es geschafft haben, zusammengearbeitet habe. Wir hatten ja drei schöne Jahre mit dem Aufstieg in die Oberliga. Ich hege da keinen Groll. Ich habe mich jetzt auch sehr gefreut, dass sich Torwart Dominik Altfeld öffentlich auch bei mir für meine Arbeit bedankt hat. Als langjähriger Spieler des BVB und Dortmunder Junge habe ich den Pokalsieg ebenfalls sehr genossen. Und auch Reals Erfolge feiere ich. Mein Vater und mein Opa haben mich früh zum Real-Fan gemacht. Wir waren hier nach dem Finale in einer Dorfkneipe und haben nach alter Tradition einen Whisky auf den Titel getrunken. Die Hälfte hier ist für Real, die andere für Barcelona. Die Sticheleien nach solch einem Spiel gehören dazu, selbst wenn wir gegen Juventus gewonnen haben.

 

Das sind nur positive Emotionen. Die Tage des Wechsels vom ASC zum BVB müssen da ein anderes Kopfkino verursacht haben. War es nicht wie ein Märchen für Sie?

Ja, das war schon verrückt. Als mich Michael Linke (der ASC-Vorsitzende; Anm. d. Red.) und Samir Habibovic (Sportlicher Leiter) damals nach einem nicht guten, aber auch nicht katastrophalen Start zum Gespräch baten, war ich von einer Bestandsaufnahme ausgegangen. Schnell merkte ich, dass sie mich entlassen wollten. Ich möchte dazu nur sagen: Ich hätte an deren Stelle anders entschieden.

 

Doch dann meldeten sich die Borussen …

Im Nachhinein muss ich sagen, dass es so am einfachsten war. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn der BVB angefragt hätte und ich in Aplerbeck im Amt gewesen wäre. Ich hätte den Klub wahrscheinlich nicht einfach mitten in der Saison verlassen, was ein Fehler gewesen wäre. Am Ende sollte es wohl so sein.

 

Wie kam der Kontakt zum BVB zustande?

Ich kenne Benjamin Hoffmann schon sehr lange, gemeinsam wurden wir als Junioren Deutscher Meister. Am besagten Montag, an dem ich auch gehen musste, wechselte Hannes Wolf zum VfB Stuttgart, Benni rückte auf zum U19-Trainer und fragte mich. Der BVB scoutet auch Trainer und hatte mich vorher zum engeren Kandidatenkreis gezählt. An diesem Tag erhielt ich ständig Anrufe. Den Satz „irgendwo öffnet sich schon wieder eine Tür“ konnte ich nicht mehr hören. Auch Benni, dessen Nummer ich gar nicht gespeichert hatte, stieg so ins Gespräch ein. Ich dachte aber: Nett, dass er anruft. Schnell erklärte er mir, was er wirklich von mir wollte. Dann habe ich auch mit Lars Ricken und Edwin Boekamp gesprochen. Innerhalb weniger Stunden trug ich Schwarzgelb.

 

Wie funktionierte die Umstellung hin zur neuen Rolle?

Zunächst zur Rolle: Mir macht es viel Spaß, da Benni mich voll einbezieht. Wir besprechen alles. Ich habe nie das Gefühl, nur Befehlsempfänger zu sein, selbst wenn Benni am Ende entscheidet. Wir beobachten das Training aus unterschiedlichen Blickwinkeln, sprechen zunächst untereinander, dann mit den Spielern. Ich rufe nicht mehr ‚Stop‘ und unterbreche, das macht Benni. Aber ich schildere nachher meine Eindrücke. Auch die Aufstellung und Taktiken während der Spiele besprechen wir gemeinsam.

 

Die Organisation im Juniorenbereich eines Profiteams ist aber auch eine andere …

Beim BVB ist alles intensiver. Die Jungs, die hier sind, wollen Profis werden, leben dafür. In Aplerbeck habe ich tagsüber als Vermögensberater gearbeitet. Das mache ich jetzt nur noch nebenher. Und im Umgang mit den Spielern habe ich gemerkt, dass ich in Aplerbeck vielleicht zu viel erwartet habe. Das ließ sich nicht so umsetzen wie es jetzt bei Jungs der Fall ist, die für ihren Traum leben. Ich beschäftige mich von morgens bis abends mit dem BVB. Selbst wenn alles eine Nummer aufwendiger ist: Am Ende ist es der gleiche Sport.

 

Sie hatten auch das Glück, einen Top-Jahrgang zu erwischen …

Dass wir gleich eine Siegesserie hinlegten, war gut. Und das ohne wichtige Spieler, die sich zuvor verletzt hatten. Der 98er-Jahrgang ist ein besonderer. Aber auch der jüngere hat Potenzial. Noch ein Wort zu den Verletzten: Sie haben durch ihre ständige Präsenz einen sehr guten Einfluss auf die spielenden Jungs ausgeübt und damit auch einen großen Anteil am Erfolg. Das war ein Super-Jahr.

 

Trainieren Sie künftige Profis?

Felix Passlack und Christian Pulisic haben es ja schon geschafft, was mich sehr beeindruckt. Dzenis Burnic und Jacob Bruun Larsen sind auf dem Sprung. Ich sage sogar, dass jeder es schaffen kann.

 

Wie geht es für Sie persönlich weiter?

Nun genieße ich noch ein paar Tage Urlaub. Am 3. Juli beginnt die Vorbereitung. Wir bleiben als Trainerteam zusammen und freuen uns auf ein ereignisreiches Jahr mit Meisterschaft, DFB-Pokal und Youth League. Wir haben viel Arbeit vor uns. Aber ich freue mich und bin momentan sehr glücklich.

Lesen Sie jetzt