Doppelter Vize-Weltmeister Christopher Weber: Ein wenig crazy muss man auf jeden Fall sein

Wintersport

Der Dortmunder Christopher Weber eilt von Erfolg zu Erfolg. Im Interview spricht er über die Rennen, mulmige Gefühle, das Coronavius und fragt sich: „Wieso mache ich das hier eigentlich?“

Dortmund

, 05.03.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Christopher Weber (2. v. l.) ist seit kurzem doppelter Vize-Weltmeister.

Christopher Weber (2. v. l.) ist seit kurzem doppelter Vize-Weltmeister. © picture alliance/dpa

Christopher Weber ist gebürtiger Dortmunder und seit diesem Wochenende doppelter Vize-Weltmeister im Bob. Mit seinem Piloten Johannes Lochner wurde Weber sowohl im Zweier- als auch im Viererbob Zweiter bei der WM im sächsischen Altenberg.

Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt der 28 Jahre alte Anschieber, warum es nicht zu Gold reichte, wie die Zeit eines Bobfahrers nach der Saison aussieht und warum dieser Sport ihn immer wieder aufs Neue fasziniert.

Herr Weber, nach der Silbermedaille im Zweierbob haben Sie sich mit dem Feiern noch zurückgehalten, schließlich standen die Rennen im Viererbob noch aus. Wie sah das nach dem zweiten Platz im Vierer aus?

Da wurde dann schon mehr gefeiert. Wir waren alle zusammen – also unser Team, das Team vom Franz (Francesco Friedrich, Anm. d. R.) und die Familien – in der Hotelbar, das war sehr schön.

Im Viererbob war die Entscheidung letztlich hauchzart. Überwiegt trotzdem die Freude über das Geleistete oder sind Sie geknickt, weil Gold zum Greifen nahe war?

Nach dem Rennen war ich schon erstmal etwas enttäuscht. Im Rückblick auf die gesamte Saison bin ich aber sehr zufrieden. Hätte mir jemand vorher gesagt, dass wir zweimal Vize-Weltmeister werden, ich hätte sofort unterschrieben.

Fünf Hundertstelsekunden haben am Ende den Unterschied zwischen Gold und Silber ausgemacht – nach vier Durchgängen wohlgemerkt. Ist so ein minimaler Abstand überhaupt greifbar?

Über die vier Läufe hat Hansi (Johannes Lochner, Anm. d. Red.) die beste fahrerische Leistung gebracht. Franz hatte da schon ein paar Wackler drin. Sind wir also nur ein Hundertstel pro Durchgang am Start schneller, holen wir dadurch nochmal ein Hundertstel im Rennen raus und gewinnen. Deswegen ärgert es mich schon, weil ich weiß, dass es am Start gelegen hat. Andererseits verlief unsere Saison nicht optimal, weil wir mehrere Selektionen hatten und das einige Körner gekostet hat.

Die Bob-Saison ist nun offiziell vorbei. Wie sehen die nächsten Tage und Wochen aus?

In der nächsten Woche fliegen wir nach Lake Placid, um dort schon die Strecke der kommenden WM 2021 zu testen. Gerade im Viererbob haben wir materialtechnisch noch Potenzial. Da hat die Konkurrenz zuletzt aufgeholt.

Wie kann man sich solche Testfahrten vorstellen?

Wir machen täglich mehrere Fahrten und testen das Material gegeneinander. Wir probieren zum Beispiel verschiedene Bobs oder unterschiedliche Kufen aus.

Danach ist dann aber Ruhe angesagt, oder?

Ja, die letzten Jahre habe ich immer schnell wieder viel trainiert, aber in diesem Jahr werde ich mir auch mal ein paar freie Tage gönnen. Vielleicht trainiere ich dann anfangs nur drei oder vier Tage, statt sechs oder sieben und mache mal Urlaub. Das entscheide ich aber alles erst nach Lake Placid.

Wie intensiv ist so eine Saison, die im Wintersport ja nur wenige Monate dauert?

Extrem. Man ist durchgehend auf Tour, immer unterwegs und immer woanders und überall ist es kalt.

Ursprünglich kommen Sie aus der Leichtathletik, was war dort Ihre Paradedisziplin?

Der 100-Meter Sprint.

Ihre Bestzeit?

10,76 Sekunden.

Wie hat sich das Training verändert, nachdem Sie Anschieber im Bobsport wurden?

Vor allem der Kraftanteil ist größer geworden. Ich habe zehn Kilogramm Körpergewicht zusätzlich aufgebaut, weil man das Gewicht im Schlitten auch für die Geschwindigkeit braucht. Auch die Belastungssteuerung ist anders, weil man – anders als in der Leichtathletik – nicht mehrere Höhepunkte auf das ganze Jahr verteilt hat.

Nach der WM 2021 in Lake Placid stehen die Olympischen Spiele 2022 in Peking an. Für Sie wäre es die zweite Teilnahme nach den Spielen in Pyeongchang, bei denen Sie Fünfter und Achter wurden…

Nach 2018 war für mich klar, dass ich auf jeden Fall bis zu den nächsten Spielen weitermachen werde. Darauf liegt mein ganzer Fokus, darauf arbeiten wir schon jetzt hin. Deswegen ist die nächste Saison auch so wichtig. Dann muss das Material schon stimmen, das Team für 2022 muss stehen, damit wir uns optimal vorbereiten können. Es sind zwar noch zwei Jahre, aber die Zeit vergeht verdammt schnell.

Vor einem Jahr sind Sie auf der Strecke in Altenberg übel gestürzt, hatten teils schwere Verbrennungen. Muss man als Bob-Profi also ein bisschen verrückt sein, um sich danach wieder in den Schlitten zu setzen und mit 130 Stundenkilometern durch den Eiskanal zu jagen?

Ein wenig crazy muss man auf jeden Fall sein, ich glaube, das sind wohl alle Bobfahrer. Die Bahn in Altenberg sowie die WM-Strecke davor in Whistler und die kommende WM-Strecke in Lake Placid – das sind die drei heftigsten Bahnen, die es gibt. Das ist schon echt krass.

Was ist Ihnen unmittelbar vor den Rennen in Altenberg durch den Kopf gegangen?

Wenn man da oben am Balken steht und runterschaut, denkt man schon manchmal ‚Boah fuck, wieso mache ich das hier eigentlich?‘. Aber wenn man die letzten Kurven zum Ziel fährt und alles voller Adrenalin ist – dann ist es doch eigentlich immer ganz geil.

Eine aktuelle Frage noch: Haben Sie im Hinblick auf das Coronavirus in den letzten Wochen ein mulmiges Gefühl bei all den Reisen zwischen den verschiedenen Wettkampf-Orten?

Ein mulmiges Gefühl eher nicht, aber wir im Team haben schon darüber gesprochen und uns anders verhalten.

Was zum Beispiel?

Jetzt bei der WM in Altenberg war wirklich viel los. Es waren jede Menge Leute an der Strecke, die sich für unseren Sport interessieren. Wir haben uns dann zurückgehalten, sind nach dem Rennen nicht unbedingt durch die Zuschauer gegangen und haben Autogramme geben und Fotos gemacht. Da muss man vielleicht nicht jedem die Hand schütteln. Man kann sich ja auch einen anderen Virus einfangen und schon wäre die WM gelaufen.

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