Corona-Kündigung: Arbeitgeber entlässt Amateurfußballer nach freiwilliger Quarantäne

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Corona-Fälle im Sport können sich auch auf den Alltag übertragen. Nach Fällen im Team musste ein Fußball-Spieler in Quarantäne. Der Arbeitgeber hat ihm dann gekündigt.

Dortmund

, 28.10.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) hat am Freitag die Vereine darüber informiert, dass es keine verbandsweite Saisonunterbrechung geben werde. Ein Verein kritisierte die Entscheidung des Verbandes danach in einer E-Mail an Pressesprecher Christian Schubert scharf.

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Absender ist Felix Hiege, Geschäftsführer des Bezirksligisten VfB Schwelm (Gruppe 6), der seine E-Mail mit den Worten beginnt: „Der VfB Schwelm hat wenig Verständnis für die Entscheidung und noch weniger Verständnis für die Argumentation des FLVW, aus welchen Gründen jetzt keine Notwendigkeit bestehe, die Saison mindestens flächendeckend zu unterbrechen.“

Auf Anfrage unserer Redaktion sagt Hiege: „So ein Schreiben hätte ich niemals herausgegeben. Ich hätte mir ein klareres Zeichen gewünscht. Weiterzuspielen ist Wahnsinn.“

Bei Schwelm sei zunächst ein Spieler positiv auf das Coronavirus getestet worden, daraufhin habe sich die Mannschaft freiwillig in Quarantäne begeben, erzählt Hiege. Drei weitere Spieler wurden positiv getestet. Wegen der Quarantäne habe es „eine Menge Stress mit den Arbeitgebern“ gegeben für „nahezu die halbe Mannschaft“, schreibt der Geschäftsführer in der E-Mail.

Felix Hiege, Geschäftsführer des VfB Schwelm.

Felix Hiege, Geschäftsführer des VfB Schwelm. © privat

Ein Spieler muss in Quarantäne und verliert seinen Job

„Ein Spieler befand sich in der Probezeit und wurde prompt entlassen.“ Er habe sich in Quarantäne begeben, habe sein Gesundheitsamt aber nicht erreichen können, weshalb er seinem Arbeitgeber nichts vorlegen konnte, erzählt Hiege. Die Arbeitgeber vieler Spieler würden diese dazu anhalten, das Fußballspielen zu unterlassen, da sie sich den Ausfall der Arbeitskraft durch eine Quarantäne nicht leisten könnten.

„Und es kann ja sein, dass schon beim nächsten Spiel wieder Kontakt zu einem positiven Spieler besteht und dadurch erneut eine zweiwöchige Quarantäne nötig wird“, schreibt Hiege. „Am Ende ist sowohl das Unternehmen, der Arbeitgeber wie auch die persönliche Existenz unserer Spieler als deren Arbeitnehmer betroffen.“

Hiege fragt sich: „Wie soll der Verein oder ich als Vereinsverantwortlicher diese Verantwortung, die sowohl durch eine mögliche Infektion als viel mehr noch durch die Folgen auf das persönliche und Arbeitsleben eines jeden Spielers tragen?“ und gibt sich selbst die Antwort: „Das können wir als Ehrenamtliche überhaupt nicht.“ Von den Verbänden und von den Kommunen würde den Vereinen allein die Verantwortung zugesprochen.

Die vom Verband zur Argumentation einer Fortführung häufig herangezogene Zahl von 98,2 Prozent planmäßig durchgeführten Spielen (Stand 22.10.20), sage überhaupt nichts über die aktuelle Situation aus, kritisiert Hiege und fragt: „Oder würden Sie die Situation mit 800 Neuinfektionen pro Tag mit der von 11.000 gleichsetzen?“

„Diese Statistik ist ein Witz“

Der Verband hätte vor allem ein starkes Augenmerk auf die Entwicklung der Corona-Situation in den letzten sieben bis vierzehn Tagen legen müssen, schrieb Hiege am Montag (26.10.) an den Verband. „Diese Statistik ist ein Witz. Das ist doch kein Argument.“

Eine anderes Argument für die Fortführung der Saison, die vom Verband immer wieder kommuniziert wird, ist die, dass das Ansteckungsrisiko auf dem Fußballplatz gering sei. Der FLVW bezieht sich dabei auf eine Studie des niederländischen Fußballverbandes KNVB.

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In den Niederlanden ist die Spielzeit der Amateurfußball allerdings seit dem 14. Oktober wieder komplett unterbrochen. Der KNBV folgt damit einer Maßnahme des niederländischen Kabinetts.

Auch in NRW könnte die Politik dem FLVW bald die Entscheidung abnehmen. Aus einem Thesenpapier des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums geht hervor, dass das Land erwäge, ein Verbot von Kontaktsport vorzuschlagen. Der Nachrichtensender ntv hatte darüber vor der Debatte zwischen Bund und Ländern am Mittwoch zuerst berichtet.

„Der Verband muss sich seiner Verantwortung doch bewusst sein“

Dass der FLVW aber vorher nicht von sich aus gehandelt hat, sorgt bei Felix Hiege vom VfB Schwelm für Unverständnis. „Der Verband muss sich seiner Verantwortung doch bewusst sein“, findet er.

„Den Amateurfußball macht nicht nur das Geschehen auf dem Feld, sondern auch vor allem das Drumherum aus. Das Einschwören vor dem Spiel in der Kabine, das gemütliche Beisammensitzen oder sogar Feiern nach Abpfiff. Beides ist unter Corona-Bedingungen ausgeschlossen, da sich (verständlicherweise) nur noch fünf Personen gleichzeitig in der Kabine aufhalten dürfen.“

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Auch der Verkauf von Getränken und Würstchen an die Zuschauer sowie der Ordnungsdienst am Platz seien für den Verein fast unmöglich zu leisten, ohne auf Vereinsmitglieder zurückzugreifen, die zur Hochrisikogruppe zählen würden, führt Hiege weiter aus.

„Würden sich diese ehrenamtlichen Helfer nicht so reinknien und noch Unterstützung aus unserer Zweiten Mannschaft erhalten, wäre die Durchführung von Heimspielen mit einem adäquaten Hygienekonzept unmöglich.“ Da für all diese Dinge die Vereine Sorge tragen müssen, könne er über die Aussage von FLVW-Vizepräsident Manfred Schnieders, der Verband wolle weiter den Spielbetrieb anbieten, wo es denn gehe, nur zynisch schmunzeln, schreibt Hiege.

„Die Vereine, die Spieler und insbesondere die Helfer müssen sich den Erhalt des Spielbetriebs jedes Wochenende erarbeiten.“

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