Frauenfußball: Wir haben auf Amateur-Ebene einigen Nachholbedarf

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Die goldenen Jahre des deutschen Frauenfußballs sind vorbei. Länder wie die USA, Frankreich und England haben Deutschland den Rang abgelaufen. Woran liegt das? Wir haben eine Frau gefragt, die es wissen muss.

19.08.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Achtmal Europameister, zweimal Weltmeister, dazu insgesamt neun Champions-League-Siege auf Vereinsebene - der deutsche Frauenfußball war jahrelang der unangefochtene internationale Maßstab. Der letzte Triumph liegt allerdings nun schon vier Jahre zurück. Im Jahr 2016 holte die deutsche Mannschaft Gold bei Olympia. Seither gingen die internationalen Trophäen nach Frankreich, in die USA oder die Niederlande.

Es scheint so, als hätte Deutschland den Zug in Richtung Weltspitze verpasst und das in dem Jahr, in dem der deutsche Frauenfußball sein offiziell 50-jähriges Jubiläum feiert. Im Interview spricht Marianne Finke-Holtz vom Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) daher nicht nur über das Verschwinden einstiger Top-Klubs, sondern auch den Nachholbedarf des deutschen Frauenfußballs und fehlende Strukturen im Nachwuchsbereich.

Frau Finke-Holtz, Sie setzen sich nicht nur beim FLVW für den Frauenfußball ein, sondern sind auch im zuständigen DFB-Ausschuss. Wie würden Sie die derzeitige Situation des deutschen Frauenfußballs bewerten?

In Zeiten der Corona-Krise fällt eine Beurteilung da natürlich momentan etwas schwer. Es war allerdings auch vorher schon so, dass wir sowohl im Profi-Bereich als auch auf der Amateur-Ebene einigen Nachholbedarf haben. Wir haben zwar nicht komplett den Anschluss an Länder wie Frankreich, England oder auch Spanien verloren, das würde ich nicht sagen, aber es ist vielleicht schon so, dass wir uns auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht haben.

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Ein Beispiel ist Borussia Dortmund: Als zweite Kraft in Deutschland gibt es erst jetzt Überlegungen, eine Frauenmannschaft anzumelden. Alle anderen Top-Vereine in Europa sind diesen Schritt schon gegangen. Ist das ein Sinnbild für den deutschen Frauenfußball?

Erst einmal würde ich es begrüßen, wenn auch Borussia Dortmund jetzt eine Frauenmannschaft etablieren würde. Der Verein hat natürlich eine gewisse Wirkung und Strahlkraft, deshalb kann das sicherlich große Auswirkungen auf den Frauenfußball haben. Solche Entscheidungen sollten aber generell nicht als Alibi-Maßnahmen verstanden werden, sondern man muss sich wirklich bewusst für diesen Schritt entscheiden. Deshalb will so etwas gut überlegt sein.

Marianne Finke-Holtz ist nicht nur im FLVW aktiv, sondern gehört auch zum DFB-Ausschuss für Frauen- und Mädchenfußball.

Marianne Finke-Holtz ist nicht nur im FLVW aktiv, sondern gehört auch zum DFB-Ausschuss für Frauen- und Mädchenfußball. © Privat

Was unterscheidet den Frauenfußball in Frankreich, Spanien und England von dem in Deutschland?

Ich glaube, dass man es in diesen Ländern insbesondere bei den bekannten Vereinen wie Olympique Lyon und dem FC Chelsea geschafft hat, einen engen Schulterschluss zwischen den Herren- und Frauenmannschaften hinzubekommen. Den gibt es zwar auch in Deutschland, in Frankreich und England ist er aber deutlich ausgeprägter. Man hat dort die Zeichen der Zeit erkannt und früh die richtigen Maßnahmen ergriffen, um den Frauenfußball weiter nach vorne zu bringen.

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Welche Maßnahmen meinen Sie?

Man hat es geschafft, das grundsätzliche Interesse am Frauenfußball deutlich zu steigern. Beispielsweise wurden Event-Spiele organisiert, um den Frauenfußball präsenter bei den Menschen werden zu lassen. Real Madrid hat seinen Dauerkarteninhabern vergünstigte Tickets für die Spiele der Frauenmannschaft angeboten, einfach um die anfängliche Attraktivität zu steigern. Solche Aktionen hatten wir jetzt auch schon geplant. Da kam uns jetzt allerdings Corona in die Quere.

Grundsätzlich müssen wir es hinbekommen, die TV-Präsenz des Frauenfußballs zu steigern. Man muss gesehen werden, nur auf diese Art und Weise kann man genügend Aufmerksamkeit erlangen und auch das Interesse bei den Menschen wecken.

Inwiefern kann Deutschland also von den Entwicklungen in den anderen Ländern lernen?

Wir schauen da natürlich schon genau hin. Früher waren wir eigentlich der Vorreiter im Frauenfußball - jetzt hat sich das etwas verändert. Wir hatten beispielsweise vor der Corona-Krise auch ein spezielles Event für Anfang September geplant, bei dem wir ein besonderes Spiel für die Zuschauer organisieren wollten.

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Außerdem hatten wir darauf gehofft, mal wieder ein ausverkauftes Länderspiel bestreiten zu können. Diese Pläne sind jetzt natürlich erst einmal über den Haufen geworden worden. Es wäre aber fahrlässig, die guten Entwicklungen in anderen Ländern völlig zu missachten.

Die erwähnte Frauen-Nationalmannschaft war jahrelang das Aushängeschild des Frauenfußballs in Deutschland. Zuletzt blieben die großen Erfolge allerdings aus. Wie hoch ist die Bedeutung der Nationalmannschaft auch im Hinblick auf die Nachwuchsförderung?

Die Nationalmannschaft ist immer noch das absolute Aushängeschild. Darin liegt möglicherweise auch einer der Vorteile, die die Frauen gegenüber den Herren haben. Ich glaube, dass die Frauen-Nationalmannschaft deutlich nahbarer ist. Ich habe das selber schon mit Mannschaften erlebt.

Du triffst die Spielerinnen mal im Stadion und kannst mit ihnen Fotos machen - der Kontakt zur Basis scheint einfach etwas enger zu sein. Das ist ein gutes Zeichen. Und das, obwohl der Frauenfußball auch in Deutschland immer professioneller wird.

Sie sprechen es an: Lange waren Vereine wie Turbine Potsdam und der 1. FFC Frankfurt das Maß der Dinge in Deutschland. Mittlerweile streiten sich vor allem finanzstarke Vereine wie der VfL Wolfsburg und Bayern München um die nationalen Titel. Wie professionell ist der deutsche Frauenfußball schon und was bedeutet das für kleine, eigenständige Klubs?

Wir sind grundsätzlich auf einem guten Weg. Wenn wir im internationalen Vergleich mithalten wollen, dann geht es nur mit großen Lizenzvereinen im Rücken wie eben dem VfL Wolfsburg und Bayern München. Das sind vor allem auch große Leuchttürme für die Region. Wir kommen an der zunehmenden Professionalisierung nicht vorbei. Deshalb hat der 1.FFC Frankfurt jetzt auch mit Eintracht Frankfurt fusioniert und Turbine Potsdam eine Kooperation mit Hertha BSC Berlin begonnen.

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Hinzu kommt, dass die Spielerinnen zumindest in der Frauen-Bundesliga mit dem Sport weitestgehend ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das ist ein Fortschritt. Es reicht aber auch nicht für die Zeit danach. Es darf nicht sein, dass starke deutsche Spielerinnen ihre Karriere im Ausland fortsetzen, weil sie hier keine ausreichende Perspektive sehen.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf diese Entwicklung? Teilweise wurde davon gesprochen, dass die aktuelle Situation für manche Vereine sogar existenzbedrohend werden könnte. Teilen Sie diese Auffassung?

Das Virus hat natürlich auch den Frauenfußball hart getroffen. Ehrlicherweise hätte ich es aber sogar noch schlimmer erwartet. Hätten Sie mich das vor acht Wochen gefragt, wäre meine Antwort vermutlich anders ausgefallen, aber jetzt bin ich positiv gestimmt. Wirklich existenzbedrohend ist die Krise für den Frauenfußball nicht. Ich glaube auch nicht, dass es einen großen Adlerass in den Verbänden geben wird. Deshalb bin ich jetzt vorsichtig optimistisch.

Die Zahl der Mädchen, die sich in jungen Jahren für den Fußball entscheiden, ist trotz der zunehmenden Professionalisierung seit Jahren rückläufig. Hat das auch damit zu tun, dass der Frauenfußball im Jahr 2020 immer noch mit alten Klischees zu kämpfen hat, oder was sind die Ursachen?

Die bestehenden Klischees sind nicht das größte Manko. Meines Erachtens nach liegt das vor allem daran, dass es im Nachwuchsbereich - ähnlich wie bei den Herren aber auch - einfach an ausreichend Mannschaften beziehungsweise Trainern mangelt. Da gibt es aber auch regionale Unterschiede.

Generell ist es so, dass es häufig nicht genügend Mannschaften in der unmittelbaren Nähe gibt, die interessierten Kinder also nicht ohne Weiteres zum Training fahren können und sich viele junge Mädchen deshalb gegen den Fußball entscheiden. Hier müssen wir ansetzen und die notwendigen Strukturen schaffen, um letztlich die Zahl der Mannschaften zu erhöhen.


Frau Finke-Holtz, zum Abschluss hätte ich noch eine etwas provokante Frage: Was kann der vielfach für unantastbar gehaltene Männerfußball denn von den Frauen lernen?

Ach, die Unterschiede sind dann doch noch etwas groß. Aber vielleicht ist beispielsweise gerade im Falle der Frauen-Nationalmannschaft dieser Kontakt zur Basis ein Punkt, der bei den Männern nicht in der Form gegeben ist. Die Verbindung zu den Fans ist im Profi-Bereich nicht so eng wie bei den Frauen. Das wäre vielleicht etwas, wo die Frauen schon besser aufgestellt sind.

Und es gibt noch einen Aspekt: Ich glaube sagen zu können, dass die Frauen sich nach einem Foul nicht so lange auf dem Platz rumrollen wie die Männer. Man kann allerdings beobachten, dass jetzt, wo in den Stadien keine Zuschauer sind, auch bei den Männern weniger auf dem Boden gelegen wird als vorher. Wenn die Corona-Krise da einen positiven Einfluss hätte, wäre das natürlich eine erfreuliche Sache.

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