Dortmunder Olympia-Sieger klagen an: „IOC-Chef Thomas Bach ging‘s ums Finanzielle“

Olympia

Sechs Dortmunder Olympioniken und Para-Athleten begrüßen die Verschiebung der Tokio-Spiele auf 2021 und üben Kritik am IOC. Nicht jedem ging e s mit der Verschiebung schnell genug.

Dortmund

, 03.04.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Dortmunderin Kerstin Holtmeyer (52/im Foto links) ist doppelte Ruder-Olympiasiegerin - 1992 in Barcelona im Zweier und 1996 in Atlanta im Vierer.

Die Dortmunderin Kerstin Holtmeyer (52/im Foto links) ist doppelte Ruder-Olympiasiegerin - 1992 in Barcelona im Zweier und 1996 in Atlanta im Vierer. © picture-alliance / dpa

Die Olympischen Spiele 2020 in Tokio sind Geschichte, ehe sie überhaupt begonnen haben. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir haben uns unter Dortmunds Olympioniken und Paralympikern umgehört und ein Stimmungsbild eingeholt.

Die frühere Weltrekord-Sprinterin Annegret Richter, die mit zwei olympischen Gold- und zwei Silber-Medaillen aus München und Montreal nach Dortmund zurückkehrte, hat eine ganz klare Meinung: „Natürlich mussten die Spiele verschoben werden. Für mich kam die Entscheidung sogar zu spät, denn die Entwicklung war absehbar. Ich hatte den Eindruck, IOC-Chef Bach ging‘s ums Finanzielle und weniger um das Wohl der Athleten“.

Leichtathletin Annegret Richter (69) holte Olympia-Gold und -Silber in München 1972 und in Montreal 1976, dazu einen Weltrekord über 100 Meter.

Leichtathletin Annegret Richter (69) holte Olympia-Gold und -Silber in München 1972 und in Montreal 1976, dazu einen Weltrekord über 100 Meter. © imago sportfotodienst

Der Druck aus den Sportlerkreisen sei dann aber zu groß geworden, und das sei gut so, denn, so Richter: „Richtige olympische Begeisterung wären unter diesen Umständen sicher nicht aufgekommen, ob in Tokio selbst oder zu Hause vor dem Fernseher“.

Kerstin Holtmeyer: „Das diskutierte Szenario ist für mich unvorstellbar“

Da pflichtet ihr Kerstin Holtmeyer, die unter ihrem Mädchennamen Köppen im Rudern zwei Mal Olympia-Gold aus dem Wasser fischte, hundertprozentig bei: „Das diskutierte Szenario, die Spiele vielleicht ohne Zuschauer auszutragen, ist für mich unvorstellbar. Die Atmosphäre, die Emotionen, das Gefühl, dass sich alle Anstrengungen der Vorbereitung gelohnt haben, das würde fehlen. Der Sportler macht das ja nicht für sich allein, da ginge der Sinn verloren“.

Die zögerliche Haltung des IOC-Präsidenten Thomas Bach kann die Lehrerin am Asselner Immanuel-Kant-Gymnasium sogar ein wenig verstehen: „Das Schiff Olympia und IOC ist schon ein großes, da hängt auch viel Außersportliches dran. Aber die Entscheidung der Verlegung ist total richtig“. Für die heute 52-Jährige sei es unvorstellbar, sich als Leistungssportler „mit Bauch-Beine-Po-Übungen im heimischen Garten auf Olympische Spiele vorzubereiten“.

Für Kristof Wilke, inzwischen Lehrer am Hörder Phoenix-Gymnasium, ist sein Olympiasieg 2012 in London mit dem Deutschland-Achter „inzwischen ganz weit weg“. Wilkes Bild mit der Usain-Bolt-Geste stehend nach der Zieldurchfahrt ging um die Welt. „Für mich war die Verschiebung der Tokio-Spiele klar. Thomas Bach hatte aber offenbar noch lange seine Zahlen im Kopf“, vermutet der 34-Jährige, der die Enttäuschung mancher Sportler gut nachvollziehen kann.

Kristof Wilke (34), Ruderer, Olympiasieger 2012 in London mit dem Deutschland-Achter, dreifacher Weltmeister

Kristof Wilke (34), Ruderer, Olympiasieger 2012 in London mit dem Deutschland-Achter, dreifacher Weltmeister © picture alliance / dpa

„Olympia ist halt ein Riesending, du arbeitest vier Jahre und länger auf diesen Höhepunkt hin. Die Verschiebung ist dann im ersten Augenblick eine echte Motivationsbremse. Und jetzt heißt es ein Jahr Training, Training, Training. Das ist hart, aber am Ende doch die beste Lösung“, sagt der zweifache Familienvater und erzählt noch zwei einzigartige Olympia-Erinnerungen: „Usain Bolt habe ich in London zwei Tage vor seinem Rennen nachts um 1.30 Uhr bei McDonalds getroffen. Und mit Basketball-Superstar Kobe Bryant habe ich ein Selfie gemacht, solche Sachen vergisst Du nicht“.

Olympia-Verschiebung nimmt Dortmunderin die Chance auf Premiere

Eine, die „solche Sachen“ gern zum ersten Mal erleben möchte, spielt seit Jahrzehnten sehr erfolgreich Badminton: Katrin Seibert, dreifache Weltmeisterin, Europameisterin und „eigentlich“ qualifiziert für die Paralympics in Tokio. Zurzeit sitzt die 49-Jährige, die mit ihrem Mixed-Partner Jan-Niklas Pott nicht weniger als elf Qualifikations-Turniere rund um den Erdball und mit hohem finanziellen Eigenanteil erfolgreich bestritten hat, etwas zwischen den Stühlen, denn: „Das letzte, entscheidende Quali-Turnier Anfang März in Spanien wurde abgesagt. Jetzt wissen wir gerade nicht, wie es weitergeht.

Mit unseren bisherigen Ergebnissen wären wir qualifiziert, aber wer weiß“. Badminton sollte in diesem Jahr bei den Paralympics debütieren, und für die Dortmunderin wäre es „eine besondere Ehre, da dabei zu sein. Ich hoffe, das es 2021 klappt.“ Die Verschiebung sei am Ende „die richtige Entscheidung“ gewesen, um „Ruhe reinzubringen“.

Das Team Deutschland trifft sich zurzeit täglich am Bildschirm zum einstündigen, gemeinsamen Skype-Training, ansonsten schießt Katrin Seibert, solange die Sporthallen geschlossen sind, daheim einen kleinen Ball vor die Wand, „irgendwie muss ich den Schläger bewegen“.

Nach Olympia-Verschiebung: „Der hat drei Jahre lang umsonst geplant“

Wie es so ist bei den Paralympics, davon kann der zweifache Goldgewinner Hans-Peter Durst abendfüllend erzählen. Im Sommer wollte der 61-Jährige seine dritten Spiele bestreiten, sein Auto war entsprechend mit ,Konnichiwa Tokyo 2020 – Machikirenai!!!´ (deutsch: Hallo Tokyo 2020 - Kann es kaum erwarten) beklebt. Ob er jetzt die Zahl aktualisiert, wollte er nicht direkt beantworten: „Erst einmal bin ich erleichtert und dankbar. Fröhliche Weltspiele in dieser schwierigen Zeit sind undenkbar. Die Kraft der Sportler-Argumente hat am Ende auch die Verantwortlichen überzeugt.“ Ob er den Spannungsbogen bis ins nächste Jahr hochhalten kann, das hat der achtfache Paracycling-Weltmeister noch nicht entschieden, derweil hält er sich mit dem Dreirad auf seiner Terrasse fit.

Hans-Peter Durst (61), Radsportler, zweifacher Paralympics-Sieger 2016 in Rio de Janeiro im Einzelzeitfahren und Straßenrennen

Hans-Peter Durst (61), Radsportler, zweifacher Paralympics-Sieger 2016 in Rio de Janeiro im Einzelzeitfahren und Straßenrennen © dpa

Als Diplom-Betriebswirt und einstmals Manager einer Privatbrauerei hatte Durst durchaus Verständnis, dass die Entscheidung der Verlegung wohlüberlegt wurde. „Da hängt einfach eine Menge dran. Ich bin mit dem Macher des Deutschen Hauses (Begegnungszentrum für Athleten und Gäste in der Olympiastadt/die Red.) befreundet, der hat jetzt drei Jahre lang umsonst geplant und fängt beinahe wieder bei Null an. Auch das ist hart“.

Das große Ganze im Blick hat auch Werner Kaessmann, der mit der deutschen Hockey-Nationalmannschaft 1972 in München die Goldmedaille gewann. „Eine Absage der Spiele wäre in meinen Augen nicht akzeptabel gewesen. Olympia muss einfach stattfinden, es ist das einzige Sportereignis, wo die ganze Welt friedlich zusammenkommt, mit Zuversicht und Freude“, sagt der Rechtsanwalt, und verrät, dass er nach dem Gold-Coup von München heute noch Fan-Post beantwortet.

Werner Kaessmann (72/ im Foto links), Hockeyspieler, Olympiasieger von München 1972, Olympia-Fünfter 1976, drei Mal WM-Bronze, Hallen-Europameister 1974.

Werner Kaessmann (72/ im Foto links), Hockeyspieler, Olympiasieger von München 1972, Olympia-Fünfter 1976, drei Mal WM-Bronze, Hallen-Europameister 1974. © Privat

Die aktuelle Corona-Situation sei eine besondere und ernste, sagt der 72-Jährige, „das hätten wir uns vor drei Wochen noch nicht vorstellen können. Deshalb war die Verschiebung auf 2021 vollkommen richtig. Die Chancengleichheit der Athleten wäre in diesem Jahr nicht gegeben gewesen, und wir wollen doch alle, dass der Beste gewinnt, oder?“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt