Erstes Geisterrennen in Wambel: Dortmunder Präsident hofft inständig auf Zuschauer

Galopp

Auf der Galopprennbahn in Wambel fand das erste Geisterrennen statt. Dortmunds Rennvereinspräsident Andreas Tiedtke war dabei mit der Politik alles andere als zufrieden.

Dortmund

, 02.06.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min
Auf der Galopprennbahn in Wambel fand am vergangenen Freitag ein Renntag statt – ohne Zuschauer.

Auf der Galopprennbahn in Wambel fand am vergangenen Freitag ein Renntag statt – ohne Zuschauer. © Stephan Schuetze

Andreas Tiedtke redet gern und viel. Er könnte auch einen Podcast betreiben, könnte im Radio von Song zu Song leiten oder durch ein Abendprogramm führen. Tiedtke, der Dortmunder Rennvereinspräsident, moderiert eher, wenn er spricht. Oft gelingt ihm das auffällig lässig. In seinem Wesen wirkt er ein wenig wie Jörg Thadeusz, der bekannte TV- und Hörfunk-Mann.

Es ist der vergangene Freitagnachmittag, als Tiedtke über die Galopprennbahn in Wambel spaziert. Nach der Corona-bedingten Zwangspause darf er endlich wieder die Tore öffnen, endlich sprinten die Pferde wieder über sein Geläuf, absolvieren die ersten Rennen.

Tiedtke plaudert mal mit dem einen Jockey, mal mit dem anderen, nimmt sich anschließend Zeit für Trainer x und Trainer y. Zwischendurch klingelt sein Telefon. Tiedtke geht ran. Am Tag des Neustarts ist er wohl der meistgefragte Mann.

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Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn
01.06.2020
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Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze
Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze
Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze
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Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze
Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze
Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze
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Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze
Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze
Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze
Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze
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Der Geisterrenntag auf der Galopprennbahn© Stephan Schuetze

Er muss den Überblick behalten, muss schauen, dass alles glatt läuft. Der Einlass wurde wegen des Coronavirus deutlich beschränkt. Es sind keine Zuschauer zugelassen, selbst die Besitzer der Pferde dürfen nicht live zusehen.

Wer über das erste Geisterrennen in Wambel berichten will, muss ebenso wie die Aktiven ein Formular ausfüllen. Mit dem will der Klub unter anderem bestätigt wissen, dass kein Krankheitssymptom vorliegt und der Mund-Nase-Schutz jederzeit getragen wird. Bei der Premiere klappt diese Prozedur ganz gut, Tiedtke hat nicht viel zu meckern. Nur einmal, da weicht er klar ab von seinem präsidialen Sprech.

Leistungsprüfung Anfang Mai wurde kurzfristig doch verboten

Als das Telefon mal wieder bimmelt, nimmt Tiedtke mal wieder ab. Er steckt zwar gerade mitten im Gespräch, in diesem Fall allerdings ist ihm das egal. Es geht ja um eine wichtige Sache. Zu seinem riesigen Areal hat sich jemand unbefugt Zutritt verschafft. Es gibt einen Eindringling – und Tiedtke verschärft sofort den Ton. „Die Suchmannschaften sind auf dem Weg“, raunt er in den Hörer. Die Truppe fahnde gerade noch.

Kurz wirkt es so, als würde Tiedtke nicht Präsident eines Rennvereins sein, sondern eine LKA-Einheit delegieren. Der Eindringling, ein Fotograf in illegaler Mission, muss wohl über die Gegengerade auf das Gelände gestiegen sein. Er soll den Rennsport-Begeisterten nicht den Start kaputt machen. Tiedtke wird deshalb etwas strenger. Als er auflegt, glaubt er das Problem so gut wie behoben zu haben. Es wird der einzig ernsthafte Störfall des Tages bleiben. Tiedtke stellt dieser verspätete Wiederauftakt zufrieden.

Rennvereinspräsident Andreas Tiedtke (l.) war ein gefragter Mann.

Rennvereinspräsident Andreas Tiedtke (l.) war ein gefragter Mann. © Stephan Schuetze

Schon am 4. Mai hatte es in Dortmund eigentlich so weit sein sollen, die Austragung der Leistungsüberprüfungen aber wurde dem Rennverein dann doch noch verboten. Kurz vor Beginn – und zu Tiedtkes Unverständnis. „Während nun Zoobesuche für zahlende Zuschauer und Museen geöffnet werden“, polterte er in einer Pressemitteilung, „bleibt es für unsere Zucht, die Berufstätigen und die Rennvereine bei den massiven Einschränkungen unserer Grundrechte.“

Dortmunder Rennverein plant nächstes Event am 20. Juni

Und Verbandspräsident Michael Vesper schob erbost hinterher: „Wir sind verpflichtet, nach dem Tierzuchtgesetz und den entsprechenden Verordnungen Leistungsprüfungen durchzuführen und diese Leistungsprüfungen sind jetzt seit erste Hälfte März nicht mehr möglich gewesen. Wir brauchen sie aber.“

Um die Rennleistung der Pferde zu ermitteln – und zu schauen, welcher Vollblüter guten, leistungsfähigen Nachwuchs produzieren könnte. Die Politik wertete die Leistungsüberprüfung allerdings zuvorderst als Sportveranstaltung – und schob dem Ganzen einen Riegel vor.

Tiedtke versteht das bis heute nicht. Er hätte lange sehr positive Signale erhalten, sagt er. Warum letztlich so entschieden worden sei, kapiere er keineswegs. „Unverständlich ist für mich außerdem, dass wir heute keine Zuschauer einlassen dürfen. Wenn wir ehrlich sind, hätten sich 1.000 Leute auf diesem Gelände doch nicht auf dem Schoß gesessen“, meint Tiedtke. Inständig hofft er, zumindest ein paar der Sportfans am 20. Juni beim nächsten Renntag wieder auf die Anlage bitten zu dürfen.

„Bis Mitte März war bei uns alles in Ordnung“, erinnert sich Tiedtke. „Dann kam Corona.“ Nicht nur der Rennsport musste deshalb pausieren, nicht nur die Zuschauer und Sponsoren blieben weg, auch Trödelmärkte oder Hochzeiten, die für gewöhnlich auf dem Grundstück des Rennvereins stattfinden, wurden abgesagt.

„Gut ist“, sagt Tiedtke, „dass mittlerweile die Gastronomie wieder geöffnet hat und der Golfplatz offen ist.“ Ein paar Bälle werden dort zeitgleich geschlagen, und im Restaurant „Zum Hufeisen“ gleich neben der Rennbahn trinken Leute ihr kaltes Pils. „Trotzdem“, so Tiedtke, „bricht bei uns finanziell natürlich wahnsinnig viel zusammen.“ Bis zum Jahresende rechne er mit einem Verlust von bis zu 150.000 Euro. Der könne nur schwerlich abgefedert werden.

Emotionen fehlen noch beim ersten Renntag nach Corona in Dortmund

Ein kleiner Trost seien die vielen Online-Wetten. Auch aus den USA schauen aktuell Interessierte zu. „Wir haben uns deshalb ein paar ganz witzige Renntitel ausgedacht“, sagt Tiedtke. ‚Thank you for wagering in Dortmund‘ zum Beispiel, oder ‚Stay safe and strong‘. Das ist nicht unbedingt „witzig“, wie Tiedtke meint, eine passable Idee aber ist ihm und seinen Kollegen damit durchaus gelungen. Es sind doch äußerst besondere Zeiten. „Surreal“ nennt der eigentlich so erfahrene Jockey Filip Minarik den Istzustand.

Als die Vollblüter nämlich aus der Startbox sprinten, als sie stampfend losrasen und die kleinen, dünnen Männer und Frauen auf den Pferderücken reichlich angestrengt auf- und abhüpfen, da befinden sich höchstens 60 Leute neben der Bahn. Auf ein paar sorgfältig im 1,50-Meter-Abstand platzierten Plastikstühlen haben sie sich fallen lassen, Fotografen stehen auf dem Rasen – und im Biergarten bei Sonnenschein schlürfen die Übrigen ihr Kaltgetränk.

Der Einzige, der sich als Stimmungsmacher versucht, ist der tapfere Kommentator. Die Rennpferde biegen in die Schlussgerade ein, da ruft er begeistert ins Mikrofon: „ELLE MEMORY TRITT JETZT AN WIE EINE RAKETE!“

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Die Rennpferde, die einzig und allein gezüchtet wurden, um furchtbar schnell zu sein und ihren Besitzern damit reichlich Geld zu bringen, diese Rennpferde, die wohl nie gelernt haben, ganz normal zu laufen, sie donnern an der Haupttribüne vorbei. Erdbrocken fliegen durch die Luft, und die Jockeys hüpfen immer noch auf und ab. Man hört in diesem kurzen Moment das Schnaufen und das Trampeln und den Kommentator, sonst hört man nichts. Kurz nachdem die Pferde vorbei gerannt sind, kurz nachdem Elle Memory wirklich gewonnen hat, erheben sich die wenigen Zuschauer von ihren Plätzen, stapfen wieder davon. Das höchste der Gefühle ist ein zufriedenes Nicken.

Finanzielle Sorgen wegen Corona auch in der Galoppszene

„Es ist etwas Neues“, sagt Minarik, der Jockey auf Pferd Able Lips. „Auf der Bahn ist es sehr ruhig, man hört eigentlich nur die Konkurrenz. Das gewisse Etwas fehlt.“ Und Erfolgstrainer Peter Schiergen, ein eher nüchterner, wortkarger Typ, der sich unter anderem um Erfolgspferd Elle Memory kümmert, meint: „Der Wettbewerb stimmt, die Atmosphäre ist gewöhnungsbedürftig.“ Dass sie aber überhaupt wieder an den Start gehen dürften, bekräftigen beide, sei erfreulich.

Denn der Galopprennsport in Gänze ist dann doch eher wenig empathisch. Zu dieser Einschätzung kann der Zuschauer zum einen kommen, wenn er sieht, wie die herangezüchteten Pferde zu Höchstleistungen getrieben werden. Und zum anderen – allein darauf beziehen sich freilich die Protagonisten – ist offenbar, dass die finanzielle Situation der aktiven Sportler schnell prekär werden kann.

Minarik ist es wichtig zu betonen, „dass wir alle vom Erfolg abhängig sind. Der Sport ist nicht ganz gesund, du musst gewinnen, sonst hast du zu wenig auf der Bank.“ Er sei darum dankbar um jede Verdienstmöglichkeit. „Wir Jockeys müssen schließlich auch unsere Familien ernähren. Ich hab mit 15 Jahren angefangen, bin jetzt 30 Jahre im Geschäft. Mein Wert auf dem normalen Arbeitsmarkt ist gering.“

Bei einigen in der Galoppszene, das wird an diesem Tag gut deutlich, geht längst die Sorge um. „Hoffentlich kann es bald wieder normal weitergehen“, sagt Minarik. Von den Corona-Sicherheitsmaßnahmen hält er ohnehin nicht viel, findet sie übertrieben. „Wir Menschen werden sowieso mal alle sterben, doch wir haben Angst davor“, sagt er – und scheint die Welt nicht zu verstehen.

Andreas Tiedtke will wieder Zuschauer bei seinen Veranstaltungen haben

Andreas Tiedtke äußert sich in dieser Frage anders, diplomatischer. Mit der gesamten Welt hat er aktuell kein Problem, nur mit dem Land NRW und seinen Verantwortungsträgern. Er will Reitsportfans auf seinem Gelände in Wambel haben, das erwähnt er bei fast jeder Gelegenheit.

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Neben den damit verbundenen Mehreinnahmen wünscht sich der Rennvereinspräsident, dass „die Rennsport-Gemeinschaft bald wieder zusammenkommt.“ Dass „der Multimilliardär“ dann wieder neben dem „normalsterblichen Besitzer“ stehen könne – „und in den Sekunden des Rennens diese eigentlich völlig unterschiedlichen Leute zusammengeführt werden.“

Dann gelte nur das Rennen, nicht der Kontostand. Und dies sei doch „auch das Tolle am Galopprennen“, es sei „Klassen-egalisierend“. All das sprudelt nur so aus Tiedtke heraus. Er ist ganz offensichtlich auch ein Werbeprofi. Was Tiedtke nicht kann: der Politik Beine machen. Er hat auf das Okay der Behörden zu warten. Für einen umtriebigen Macher wie ihn muss das überaus nervig sein.

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