Federleichte Tokio-Träume: Die Dortmunderin Katrin Seibert will zu den Paralympics 2020

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Ein Tumor im Weichteilgewebe, eineinhalb Fäuste groß, reißt Katrin Seibert einst aus allen sportlichen Träumen. Doch die Dortmunderin kämpft und träumt nun vom Para-Badminton-Debut in Tokio.

Dortmund

, 06.09.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Katrin Seibert kehrte als Vize-Weltmeisterin im Mixed an der Seite von Jan-Niklas Pott von den Weltmeisterschaften im Para-Badminton aus dem schweizerischen Basel zurück nach Dortmund, und die Eindrücke wirken immer noch nach. „Silber ist Wahnsinn, damit haben wir nie gerechnet“, sagt die Frau, die bereits mit zwei WM-Titeln (2013, 2015) in Mixed und Doppel sowie vier EM-Goldmedaillen gesegnet ist, aber diesmal war es noch ein Stück anders.

„Wir waren die einzigen Europäer im Finale in unserer asiatisch dominierten Sportart, und Sportdeutschland-TV hat unser Spiel gegen das Weltklasse-Mixed aus Indonesien in der großen Halle der Stars live übertragen. Das war schon eine tolle Ehre. Nachher durften wir sogar zur Pressekonferenz“, erinnert sich die Brackelerin an Dinge, die für „normale“ WM-Finalisten zum Profigeschäft gehören, bei den Titelkämpfen für Behinderte aber doch eher außergewöhnlich sind.

Kindheit in der Sporthalle

Bis Anfang 2007 gehörte auch Katrin Seibert zu den „normalen Fußgängern“. Aufgewachsen in einer absolut Badminton-verrückten Familie, verbrachte sie ihre Kindheit quasi in der Sporthalle, entdeckte mit Sechs ihre Liebe zum Spiel mit leichtem Schläger und federleichtem Ball.

Erste Erfolge stellten sich ein bis hin zum deutschen Junioren-Titel und Nationalmannschafts-Einsätzen. Beruflich führte ihr Weg als Kommunalbeamtin zur Stadt Dortmund, privat lernte sie ihren Ehemann Willi kennen, natürlich über den Badmintonsport, und mit der Geburt von Tochter Lena (die natürlich auch äußerst erfolgreich Badminton spielt) ließ sich Seibert bei der Stadt beurlauben.

Im November 2006 spürte Katrin Seibert einen kleinen Knubbel am linken Oberschenkel. Nach einem Arztbesuch und der Überweisung zu einem Fachchirurgen nach Bochum stand fest: Es war ein Tumor im Weichteilgewebe, eineinhalb Fäuste groß.

Quälend lange Zeit mit niederschmetterndem Ergebnis

Die bange Frage, ob gut- oder bösartig, musste eine Gewebeprobe beantworten, und auf die musste die Dortmunderin bis zum 30. Dezember 2006 warten. Eine quälend lange Zeit mit dem niederschmetternden Ergebnis: Es war ein selten vorkommendes Sarkom, hochgradig bösartig.

„Was dann folgte, war extrem zermürbend. Ich kam wieder auf eine Warteliste, diesmal für einen OP-Termin. Bei jedem Telefonklingeln bin ich zu Hause zusammengeschreckt. Ich dachte, bei dieser Diagnose muss es ganz schnell gehen, aber erst am 8. Februar 2007 wurde ich dann operiert“, erinnert sich die heute 49-Jährige. Eines wusste sie vor der OP nicht: Darf das Bein dranbleiben?

Nach dem Aufwachen aus der Narkose ging der Blick nach unten: Das Bein war noch dran, dennoch mussten mehrere Muskeln entfernt werden. „Keiner hat mir damals gesagt, wie es danach weitergeht, ob eine Chemo- oder Strahlentherapie nötig ist. Ich hab versucht, mich selbst schlau zu machen, es war eine sehr zermürbende Zeit“.

Seibert entscheidet sich für Strahlentherapie

Am Ende entschied sich Katrin Seibert für eine Strahlentherapie, die wiederum „viel kaputtgemacht“ hat im Gewebe. Im Oktober 2007 infizierte sich die Narbe am Oberschenkel, die in der Zwischenzeit nie ganz zugewachsen war. Not-OP!

„Seitdem habe ich ein Lymphoedem, und die Auswirklungen spüre ich heute täglich beim Treppensteigen oder längeren Sitzen. Ohne Kompressionsstrumpfhose gehe ich nicht aus dem Haus, beim Sport habe ich sogar zwei übereinander an“.

Der Gedanke an ihren Sport hielt Katrin Seibert in allen schweren Stunden, und davon gab es viele, aufrecht. „Ich wollte wieder Badminton spielen, wenn nicht stehend, dann im Rollstuhl“. Große Stützen waren ihr Mann Willi und Tochter Lena, heute 21 Jahre jung. Seit 2009 ist Katrin Seibert krankheitsbedingt pensioniert.

Neben der Familie bleibt nur der Sport

Viele Freunde von früher sind ihr nicht geblieben, „viele kamen mit meiner Erkrankung offenbar nicht klar“, vermutet Katrin Seibert, will aber auch nicht ausschließen, „dass ich mich in dieser Zeit verändert habe“. Neben ihrer Familie sei ihr nur der Sport geblieben, der Para-Sport, der Sport für Menschen mit Behinderung.

In ihrer Heimatstadt Dortmund gewann die Geschäftsführerin des 1. BC Dortmund 2008 gleich ihren ersten Europameistertitel im Einzel. Seither reiht Seibert, die täglich trainiert, auf internationaler Bühne Erfolg an Erfolg, besonders im Doppel und Mixed.

Die Strukturen im Behindertensport seien seither viel professioneller geworden, und die Krönung dieser Entwicklung folgt nun 2020, wenn Badminton bei den Paralympics in Tokio debütiert. „Das ist mein größtes Ziel, da will ich dabei sein“, strahlt das Mitglied des „Top Teams Tokio 2020“, das mit der Vize-Weltmeisterschaft von Basel schon wertvolle Punkte gesammelt hat.

Punktesammeln führt Dortmunderin um die Welt

Das Punktesammeln führt die Dortmunderin rund um den Erdball, in diesem Jahr war sie bereits in der Türkei, in Dubai, Kanada, Irland und zur WM in der Schweiz, den Wettbewerb in Uganda musste sie wegen einer plötzlich auftretenden Wundrose ausfallen lassen. Weiter geht´s ab September mit den Stationen Thailand, China, Dänemark und Japan, genauer nach Tokio zu einem Turnier in der Paralympics-Halle.

Auch wenn Katrin Seibert dem mit monatlich 800 Euro geförderten A-Kader angehört, bleiben viele Kosten an der Athletin hängen. In Kanada hat sie die Verpflegung selbst bezahlt, auch der Flug aus der Türkei nach Dubai ging auf eigene Rechnung.

„Das geht schon ins Geld. Ich bin sehr dankbar, dass mein Mann Willi das alles mitmacht und immer an meiner Seite steht“, sagt Seibert, deren Stützpunkt-Trainingsgruppe in Dortmund in der Halle am Ostwall gerade aufgelöst wurde. Jetzt geht´s einmal wöchentlich zu NRW-Landestrainer Thies Wiedinger nach Mülheim.

Schwere Qualifikation

Zeit für Hobbys bleibt angesichts dieses Programms kaum, aber der Aufwand lohnt sich, da ist sich Seibert sicher. Sie will trotz der schweren Qualifikation („Da sind viele Jüngere, die haben schnellere Beine, aber ich habe meine Erfahrung und meine gute Technik“) im nächsten Jahr eine der 90 Paralympics-Badmintonstarter (in 14 Disziplinen) sein, im Mixed, am liebsten auch noch im Einzel, nachdem ihre Doppel-Partnerin urplötzlich vor der WM in Basel den Schläger an den Nagel gehängt hatte, „das war schon ein kleiner Schock, denn wir hätten gute Chancen gehabt.“

Vor kurzem übrigens hat Katrin Seibert zufällig zwei Ärzte von damals wiedergetroffen, „die haben mich irgendwie so komisch angesehen“. Der eine hatte zehn Jahre zuvor ihre Not-OP durchgeführt und gestand nun ehrlich ein, dass er nicht daran geglaubt hätte, sie heute noch lebend wiederzusehen.

„Da habe ich wohl viel Glück gehabt“, sagt Katrin Seibert mit einem Lächeln und drückt mir zum Abschied des Gesprächs fest die Hand. „Ich muss los, Kofferpacken für Thailand“. Die Paralympics rufen, „das ist mein größter Traum“.

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