Internet-Virus grassiert in der Idylle

DORTMUND Der Blick schweift durch den winterlichen Garten. Raureif hat die Zweige der Obstbäume frostig überzuckert, Kinderrutsche, Schaukel und Sandkasten schlummern dem fernen Frühjahr entgegen. Pure vorweihnachtliche Postkarten-Idylle zu Füßen der Hohensyburg, von dort grüßt Kaiser Wilhelm hoch zu Ross unter einem stahlblauen Revier-Himmel.

von Von Harald Gehring

, 23.12.2007, 13:55 Uhr / Lesedauer: 3 min
Internet-Virus grassiert in der Idylle

Bei der Arbeit für rad-net: Viola und Ulrich Müller.

„Solch einen Ausblick vom Arbeitsplatz hinterm Schreibtisch wünschen sich wohl alle“, sagt Ulrich Müller, der gemeinsam mit Ehefrau Viola gerade seinen Job macht – sie aktualisieren Ergebnisse und Nachrichten für rad-net, das offizielle Radsport-Portal des Bundes Deutscher Radfahrer im Internet. Müller ist Gründer, Betreiber und natürlich Miteigentümer von rad-net. „Am 25. Januar 2008 feiert das Portal seinen zehnten Geburtstag, das dürfen wir feiern“, sagt Müller und blickt auf die Anfänge zurück.

Mit Haut und Haar dem Radsport verschrieben

Mit Haut und Haar hatten sich Uli und Viola, die damals noch Paulitz hieß, dem Radsport verschrieben. Zugegeben, Viola war deutlich erfolgreicher. Während Müller beim RC Olympia Dortmund von 1991 bis 95 den kontinuierlichen Aufstieg seines Teamgefährten Erik Zabel verfolgen durfte, hatte Viola bereits einen Koffer voller Meriten eingeheimst – fünf Deutsche Straßenmeisterschaften, neun Weltmeisterschafts-Teilnahmen, Starts bei den Olympischen Spielen in Seoul (1988) und Barcelona (1992).

Zaghafte Kontakte

„Aber wir haben oft in einer Trainingsgruppe gemeinsam viele hundert Kilometer abgeradelt. Und Uli hat mich hin und wieder etwas geschoben, wenn die Jungs das Tempo zu sehr angezogen hatten“, erinnert sich Viola an erste noch zaghafte Kontakte – die wirklichen Funken sprühten erste etwas später.

„Und dann sollte ein Fahrer-Porträt von Viola erstellt werden, ich hab‘ im Internet nach Infos und Fakten gesucht und absolut nichts gefunden. Das musste sich ändern, die Idee, dem Radsport eine Plattform im Internet zu verschaffen, war damit 1996 geboren“, sagt Müller, gelernter Maschinenbau-Ingenieur mit Hochschulabschluss.

„Aber nach dem Studium verspürte er keine große Lust, in diesem Berufsfeld zu arbeiten. Er war schon vom Internet-Virus befallen“, berichtet Viola, die ihrem Uli in harten und langen Anfangsmonaten zur Seite stand – durchaus auch finanziell. Nach der Hochzeit – gefeiert wurde in Ernst Claußmeyers Radsportzentrum auf dem Höchsten – fuhr die frühere Hildesheimerin nämlich weiter Rennen und trug mit einer Vollzeitstelle als kaufmännische Angestellte dazu bei, dass bei Müllers die Frühstücksbrötchen nicht ausgingen.

Schritt in die Selbstständigkeit

„Der Schritt in die Selbstständigkeit war sicherlich schwierig. Du musst an hundert Dinge gleichzeitig denken, nur von einer guten Idee lebt niemand. Also waren jede Menge Initiative, Ehrgeiz und Arbeitseinsatz gefragt, um die Sache nach vorn zu bringen“, sagt der mittlerweile 41-jährige Müller, schmunzelt, als er an den Unternehmensstart im kleinen Zimmer der eigenen Wohnung denkt.

„Da floss noch keine müde Mark, erst musste ‘mal der damalige BDR-Präsident Manfred Böhmer überzeugt werden. Und der war zunächst nur an einer Schirmherrschaft durch den Verband interessiert. Aber das Logo des BDR durften wir schon benutzen“, Müller lacht, gibt auch gerne zu: „Die Technik spielte noch keine große Rolle, ich besaß einen einfachen PC, wir machten damals im Grunde nur Internet-Radsport für Radsportler.“

Aber Müller ließ nicht locker, baute das Portal zielstrebig aus, gewann erste Mitstreiter für sein Projekt, darunter auch Viola. „Ich hatte einen guten Grund, 1999 die aktive Rennszene zu verlassen, ich war schwanger“, sagt sie und war fortan beides – Mutter von Tochter Katharina und Arbeitskollegin ihres Mannes.

Arbeitsalltag von früh bis spät

Längst haben sich Katharina (7) und Tobias (3) an den Arbeitsalltag der Eltern von früh bis spät gewöhnt. „Da ist es schon ideal, wenn man im Büro werkelt, aber vom eigenen Wohnzimmer im Grunde nur durch eine Tür getrennt ist. So kommen unsere Kinder nicht zu kurz. Einer von uns beiden hat immer etwas Zeit oder muss sie sich eben nehmen“, sagt Müller, der in seiner aktiven Zeit beim RC Olympia als harter Tempobolzer bekannt war. Von dieser Ausdauer hat er nichts eingebüßt.

„Es musste immer große Überzeugungsarbeit geleistet werden. Die BDR-Präsidentin Sylvia Schenk war beispielsweise am Internet fast gar nicht interessiert. Erst 2005, als Rudolf Scharping zum BDR-Chef gewählt wurde, nahm die ganze Sache Fahrt auf. Scharping erkannte sofort die fast unbegrenzten Möglichkeiten im Internet. Er hat sich hier bei uns im Büro von unserer Arbeit überzeugen lassen“, berichtet der rad-net Macher, der 2006 mit dem BDR eine gemeinsame Gesellschaft gründete, Ulrich Müller ist der Geschäftsführer.

72 Millionen Seitenabrufe

Und er schaut auf eine positive Unternehmensentwicklung. In diesem Jahr stehen bislang 72 Millionen Seitenabrufe von 8,5 Mio. Besuchern zu Buche. Und die Müllers haben große Ambitionen.

„rad-net wird Schritt für Schritt weiter ausgebaut, da gibt es noch viel zu tun, an unserer 70 Stunden-Woche wird sich bestimmt nichts ändern. Und an Urlaub ist auch noch nicht zu denken. Aber wir bauen etwas auf. Wir sind gemeinsam da reingerutscht, für uns gibt es kein Zurück. Die Idee haben wir nie bereut, weil uns unsere gemeinsame Arbeit immer noch begeistert“, sagt Uli Müller und widmet sich wieder seinem Computer.

Derweil holt Viola den kleinen Tobias aus dem Kindergarten ab – im Hause Müller gibt es eben immer etwas zu tun. Und alle packen an.

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