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Is‘ was, Doc? BVB-Arzt Dirk Tintrup bezeichnet Verletztenmisere bei der Borussia als Pech

hzBVB-Arzt im Interview

Die BVB-Handballerinnen sind in dieser Saison vom Verletzungspech verfolgt. Die Gründe? „Pech“, sagt Teamarzt Dirk Tintrup. Ein Gespräch über Ursachen, Bodenbelege und übereifrige Sportler.

Dortmund

, 27.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Seit 2006 betreut Dr. Dirk Tintrup die Handballerinnen von Borussia Dortmund, seit 2007 auch die Amteurfußballer des Vereins. Eine Saison wie diese hat der Arzt in all den Jahren allerdings selten erlebt. Bis zu sieben Spielerinnen fielen beim Handball-Bundesligisten phasenweise gleichzeitig aus.

Woran das gelegen haben könnte, welche Rolle der Kopf in diesen Situationen spielt und welche Verletzung ihm nachhaltig in Erinnerung geblieben ist, darüber sprach Tintrup mit Oliver Brand.

Herr Tintrup, beim BVB waren in dieser Saison zwischenzeitlich sieben Spielerinnen gleichzeitig verletzt. Zuletzt erwischte es Alina Grijseels, die immer noch ausfällt. Einfach nur Pech, oder steckt mehr dahinter?

In diesem Fall würde ich tatsächlich von Pech sprechen.

Warum?

Man muss immer unterscheiden, um welche Art von Verletzung es sich handelt. Ist es eine Kontakt-Verletzung, die sich im Spiel ergeben hat, oder ist es das Resultat einer Überbelastungsreaktion? Wir haben zum Beispiel aktuell zwei Spielerinnen mit einem Kreuzbandriss. Beide haben sich diesen in Spielen zugezogen. So etwas kann man nicht vermeiden. Anfang der Saison hatten wir allerdings gleich drei Muskelverletzungen, das war ungewöhnlich.

Und die sich hätten vermeiden lassen können?

Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, was der Grund für das gehäufte Auftreten sein könnte.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Die Halle Wellinghofen, in der die Mannschaft sonst ihre Heimspiele austrägt, ist ja seit Anfang der Saison nicht mehr nutzbar. Wir mussten also immer in unterschiedlichen Hallen trainieren. Und dort waren die Bodenbeschaffenheiten nicht so optimal, wie man es eigentlich gewohnt ist. Die Spielerinnen sind ein bisschen mehr gerutscht, auch, weil die Boden-Vorbereitung vielleicht nicht ganz optimal war. Das ist zumindest unsere Erklärung für dieses gehäufte Auftreten, da wir Muskelverletzungen und Faserrisse so in den Vorjahren nicht hatten.

Was haben Sie verändert?

Wir haben mit der Stadt gesprochen, die eine Reinigung veranlasst hat. Seitdem waren Muskelverletzungen auch kein großes Thema mehr.

BVB-Trainer Gino Smits sagte kürzlich, eher hinterfrage sich selbst, warum es zu dieser hohen Anzahl an Verletzungen kommt. Holt er sich Ratschläge, was die die Trainingssteuerung betrifft?

Wir besprechen solche Sachen natürlich auch im Team. Dazu gehört nicht allein der Trainer, wir haben ja auch einen Athletik-Coach oder Physiotherapeuten. Wir tauschen uns darüber aus, wie belastet die Spielerinnen sind. Kommen sie gerade aus Verletzungen, muss man das Pensum natürlich individuell anpassen.

Sind die Verletzungen, die gerade beim BVB Sorgen bereiten, typische Handball-Verletzungen?

Größtenteils schon. Caroline Müller und Alina Grijseels hatten beziehungsweise haben Außenbandrisse. Beide sind umgeknickt, so etwas passiert im Handball. Eher untypisch waren die Verletzungen von Mira Emberovics und Saskia Weisheitel.

„Saskia Weisheitel hat sich immer ein wenig dagegen gesträubt und wollte es ohne Eingriff versuchen. Aber am Ende ging es nicht mehr.“
Dr. Dirk Tintrup

Inwiefern?

Beide laborierten an Achillessehnen-Verletzungen, die aus Überbelastung resultierten. Das eine war ein Teilriss, das andere, bei Saskia Weisheitel, eine chronisch entzündete Achillessehne. Sie hat sich schon ein Jahr lang damit herumgeplagt, sodass wir wussten, dass eine Operation irgendwann unumgänglich sein würde. Sie hat sich immer ein wenig dagegen gesträubt und wollte es ohne Eingriff versuchen. Aber am Ende ging es nicht mehr.

Kann man solche Verletzungen überhaupt vermeiden?

Kontakt-Verletzungen eigentlich nicht. Wenn jemand einem anderen auf den Fuß tritt und umknickt – was soll man da machen. Man kann nur präventiv trainieren, zum Beispiel durch Stabilisationsübungen.

Macht es Sinn, die Fußgelenke mit einem Tape-Verband zu stabilisieren?

Gerade Spielerinnen oder Spieler, die aus einer Sprunggelenks-Verletzung zurückkommen, spielen relativ lange mit so einem Tape-Verband. Das sieht man häufig beim Basketball, Tennis oder auch im Fußball. Handballer neigen eher dazu, Orthesen zu tragen.

Und das hilft?

Wenn man ehrlich ist, eigentlich auch nicht. Es bietet vielleicht einen kleinen, aber keinen Komplettschutz vor einer Verletzung.

Ist es also letztlich mehr eine Unterstützung auf mentaler Ebene?

Sicherlich auch.

„Hat man Spieler, bei denen der Kopf in solchen Situationen vielleicht nicht mitspielt, helfen einem Mentaltrainer oder Sportpsychologen.“
Dr. Dirk Tintrup

Welche Rolle spielt denn der Kopf überhaupt bei Verletzungen?

Wenn ein Sportler eine Verletzung gehabt hat, ist es schon so, dass er in bestimmten Zweikämpfen womöglich schon die Gedanken haben kann: Hoffentlich knickst du jetzt nicht wieder um. So etwas nennt man Memory Pain, damit ist das Schmerzgedächtnis gemeint. Hat man Spieler, bei denen der Kopf in solchen Situationen vielleicht nicht mitspielt, helfen einem Mentaltrainer oder Sportpsychologen.

Beim BVB stehen Spielerinnen im Kader, die bereits mehrfach Kreuzbandrisse erleiden mussten …

Kreuzbandrisse sind wohl häufigste Verletzung im Handball. Wenn man sich die Mannschaft anschaut, hat wohl fast jede Zweite in ihrer Handballer-Karriere bereits einen Kreuzbandriss gehabt.

Würden Sie vor diesem Hintergrunde überhaupt empfehlen, Handball zu spielen?

Das überlasse ich jedem selbst (lacht). Handball ist nunmal ein sehr verletzungsanfälliger Sport. Das muss man ehrlich sagen. Und je höher die Liga ist, desto mehr Athletik ist dabei und so höher ist auch die Intensität. Aber ich würde niemandem davon abraten, Handball zu spielen.

Muss man Sportler manchmal bremsen, damit sie nicht zu früh wieder anfangen?

Das ist individuell unterschiedlich. Es gibt Spielerinnen, die sind ein bisschen ängstlicher, die brauchen etwas länger. Und es gibt auch Spielerinnen, die muss man tatsächlich bremsen, weil sie den Ehrgeiz haben, schnell, vielleicht manchmal zu schnell, wieder zurückzukommen und zu trainieren. Dafür haben wir ja auch entsprechende Belastungstest, anhand derer wir den Sportlerinnen zeigen können, ob sie schon wieder einsatzfähig sind, oder eben noch nicht.

„Trainer haben natürlich immer den Druck, Spiele gewinnen zu müssen. Da muss man die Trainer manchmal schon bremsen.“
Dr. Dirk Tintrup

Haben Sie es in all den Jahren schon einmal erlebt, dass Trainer zu früh auf einen Einsatz gedrängt haben?

Das gibt es sogar sehr häufig. Trainer haben natürlich immer den Druck, Spiele gewinnen zu müssen. Dafür brauchen sie ihre besten Spieler. Da muss man die Trainer manchmal schon bremsen. Und in den meisten Fällen sind sie dann auch einsichtig.

Was halten Sie von der Methode, Spielerinnen oder Spieler fit zu spritzen?

Eigentlich muss man davon abraten. Wenn man einem Sportler, der verletzt ist, am betroffenen Gelenk eine schmerzstillende Spritze verpasst, fehlt das Gefühl dafür, wann es brenzlig werden kann für das Gelenk. Dann wird überzogen und der Sportler riskiert eine erneute Verletzung.

Sind Sie in ihrer Zeit im Sportbereich mit besonders außergewöhnlichen Verletzungen in Berührung gekommen?

Ja. Das war allerdings nicht beim Handball, sondern beim Fußball. Ich war damals als betreuender Mannschaftsarzt bei der schweren Verletzung von Dario Scuderi beim U19-Champions-League-Spiel des BVB in Warschau dabei. So eine Kniegelenks-Luxation, also ein ausgekugeltes Kniegelenk, das ist schon eine extrem schwere Verletzung und sieht man wirklich nicht allzu häufig.

„Das ist schlimm für Dario Scuderi, aber in dieser Situation ist man in erster Linie Mediziner.“
Dr. Dirk Tintrup

Betrachtet man eine solche Verletzung als Arzt vor allem aus medizinischer Sicht oder überwiegt die persönliche Betroffenheit?

Ich komme ursprünglich aus der Unfallchirurgie, bin viele Jahre als Notarzt gefahren – da sieht man viele schwere Verletzungen. Da bleibt man bei so etwas ruhiger, als wenn man vielleicht reiner Sportmediziner ist, der vielleicht mit Unfällen noch nicht so viel zu tun hat. Wobei es bei Dario schon sehr schlimm auf dem Platz ausgesehen hat. Aber ich wusste genau, was ich zu tun habe. Das ist schlimm für den verletzten Fußballer, aber in dieser Situation ist man in erster Linie Mediziner.

Der BVB will sich mehr und mehr professionalisieren. Wie gut sehen Sie die medizinische Abteilung beim Verein aufgestellt?

Natürlich ist man immer in einem Lernprozess, und es gibt immer neuere Behandlungsmethoden oder Therapien. Aber wir sind da bei Borussia Dortmund aus meiner Sicht relativ gut aufgestellt. Das hört man auch oft von Spielerinnen oder Spielern, die aus anderen Vereinen neu zum BVB kommen.

Gerade im Handballsport werden die Knie belastet, müssen Sportler darauf achtgeben, dass sie die Nachwirkungen später im Alltag nicht ausbaden müssen?

Vorbeugen kann man wenig. Aber es ist wichtig, dass man vernünftig abtrainiert. Dass man nicht von heute auf morgen mit dem Sport aufhört, sondern den Trainingsumfang nach und nach herunterschraubt – vielleicht über ein, zwei Jahre.

Mannschaftsarzt beim BVB

Dirk Tintrup ist Facharzt für Chirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie, Zusatzbezeichnung Akupunktur und D-Arzt im Auftrag der Berufsgenossenschaften.
Zu seinen Tätigkeiten gehört auch die Betreuung von Leistungssportlern. Seit 2002 ist er Mannschaftsarzt der Nachwuchsteams von Borussia Dortmund. Zudem betreut er seit 2006 die Handballerinnen des BVB und seit 2007 auch die BVB-Amateurfußballer.
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