Kabinenpartys, Kreise, volle Autos - Fußballer packt aus: So ist Sport in der Corona-Zeit

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Der Amateur-Fußball pausiert. Zumindest bis Ende November. Aber ist der Fußball für die Sportler in der Corona-Zeit überhaupt gefährlich? Ein Fußballer erzählt Details.

Dortmund

, 05.11.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen hat bis zum Lockdown immer wieder gebetsmühlenartig erklärt, dass die Ansteckungsgefahr beim Fußball gegen Null tendiert. Das war mit ein Grund, warum der FLVW nicht vorzeitig den Ligenbetrieb eingestellt hat. Und das trotz der alarmierenden Zahlen von mehr als täglich 11.000 Neu-Infizierten deutschlandweit.

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Erst als die Politik den Sport-Lockdown zum 2. November beschloss, agierte der FLVW und zog den Fußball-Lockdown vier Tage vor. Viel zu spät, wie immer wieder von Entscheidern aus den Fußballklubs zu hören ist. Denn die Gefahr, sich beim Trainings- oder beim Spieltag anzustecken, lauerte allgegenwärtig.

Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht während des Spiels, aber davor und vor allem im Anschluss. Denn nicht immer halten sich alle Vereine und Fußballer an die vorgegebenen Hygieneregeln. Das bestätigte jetzt ein Fußballer aus Westfalen unserer Redaktion. Der Mitte-Zwanzig-Jährige redet offen über die Dinge, die er auf den Fußballplätzen erlebt hat – und an denen er auch beteiligt war.

Seinen Namen und den seines Klubs möchte er nicht preisgeben, damit er und sein Verein nicht an den Pranger gestellt werden. Denn die Geschehnisse, die er erlebt habe und die er schildert, seien keine Einzelfälle. Er berichtet über seinen eigenen Verein, aber auch über andere, auf deren Plätze er war. Er spricht darüber, was seine Freunde aus anderen Klubs so erzählen.

In der Regel halten sich sich an die Verordnungen

Für ihn ist es wichtig zu betonen, dass er kein Corona-Leugner ist. Er und sein Team halten sich in der Regel an die Verordnungen. „Das ist auch extrem wichtig, denn die Zahlen sind extrem alarmierend“, sagt er. Er betont, dass seine Generation sich jetzt am Riemen reißen muss und ihren Teil dazu beiträgt, die Infektionszahlen einzudämmen.

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Denn ihm sei bewusst, dass die Ansteckungsgefahr auch beim Fußball gegeben sei. Nur bei 25 Prozent aller infizierten Menschen in Deutschland ist nachzuvollziehen, wo und bei wem sie sich angesteckt haben. Deshalb wäre es fatal zu sagen, dass es beim Fußball nicht passieren könnte.

Mannschaften machen vor den Spielen einen Kreis

„Das fängt doch schon vor dem Spiel an“, sagt er, „da machen die meisten Klubs doch einen Kreis, motivieren sich kurz vor dem Anpfiff und schreien auch laut. Dabei fassen sich alle an“, sagt er. Während des Spiels trinke man auch aus denselben Flaschen. „Wenn das Spiel läuft, geht alles ganz schnell. Beim Training hat jeder seine Flasche, wenn die Partie läuft, muss alles schnell gehen. Da nimmst du irgendeine Flasche. Ich versuche aber immer, die Flasche nicht in den Mund zu nehmen.“ Er möchte nicht als Moralapostel daherkommen, denn er ist auch schon Teil eines Kreises gewesen. Er möchte nur auf die Realität hinweisen und welche Gefahren beim Fußball lauern.

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Die An- und Abreise sei schon ein Gefahrenherd. Die Spieler bilden Fahrgemeinschaften, sitzen mit bis zu fünf Leuten in einem Auto und sind zu langen Auswärtsfahrten unterwegs. Von Masken sei hier selten etwas zu sehen. „Es ist doch normal, dass diese Fahrgemeinschaften entstehen. Welche Klubs können sich schon einen Bus leisten? Es gibt auch genügend Spieler, die gar kein Auto haben und mitgenommen werden müssen“, sagt er.

Die größte Ansteckungsgefahr herrscht beim Fußball wohl nach der Partie, wenn die Spieler in der Kabine oder im Vereinsheim sitzen. Nicht immer lautete das Credo: Ausziehen, duschen, umziehen, ab nach Hause. „Ja, es gibt sie, die Kabinenpartys nach den Begegnungen. Sie sind auch keine Seltenheit“, sagt der Fußballer.

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Bei seinem Klub finden sie auch statt, seine Kollegen erzählen dieselben Storys aus anderen Vereinen. „Ich möchte jetzt hier nicht pauschalieren und allen Klubs unterstellen, dass sie die Partys auf ihren Plätzen zulassen.“ Er möchte nur darauf hinweisen, dass sie keine Seltenheit sind. Auch bei seinem Verein wurde schon zu heftig gefeiert.

Niemand hat auf den Abstand geachtet

„Wir hatten eine harte Trainingswoche hinter uns. Wir haben gerade ein schweres Spiel gehabt und gewonnen. Da geriet alles ins Rollen. Die Musik ging an, das Bier floss und die Stimmung war ausgelassen. Da hat niemand mehr auf den Abstand geachtet. Da trug auch niemand eine Maske“, sagt er. Er versucht erst gar nicht für Verständnis zu werben. „Das war ein Fehler. Ganz klar. Auf dem Nachhauseweg hat man sich auch nichts besonders gut gefühlt. Aber ausschließen, dass es wieder passiert, kann er nicht.

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Er gehört zu einer Generation, die schon unter dem ersten Lockdown sehr gelitten hat. Keine Partys, keine Disko, keine neuen Bekanntschaften. Für Erwachsene mit eigenen Familien hört sich das Verhalten dieser Fußballer verantwortungslos an. Ist es vielleicht auch. Aber niemand darf vergessen, dass dieser Generation ein extrem großer Teil des Soziallebens genommen wurde. Und das mitten in der Sturm- und Drang-Phase. In der Zeit, in der das Feiern mit im Mittelpunkt steht. In der Zeit, in der man sich frisch verliebt und Beziehungen knüpft. Sie wieder beendet und schnell raus möchte, um sich neu zu orientieren. „Für Singles war diese Zeit echt nicht leicht“, sagt er.

Heimliche Hausparty

Auch während des ersten Lockdowns hat er schon von heimlichen Hauspartys mitbekommen. Mit den Lockerungen seien die Heranwachsenden aber wieder leichtsinniger geworden, hätten sich sicherer gefühlt. Das habe sich auch auf den Fußballplätzen widergespiegelt. Das war aber ein Trugschluss. Das legen die heutigen Infektionszahlen drastisch offen. „Deshalb sage ich ja, dass wir uns wieder mehr am Riemen reißen müssen. Ich schließe mich da nicht aus, auch wenn ich jetzt nicht das große Feierbiest bin. Wir tragen auch eine Verantwortung. Und die müssen wir leisten.“

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Er möchte natürlich so schnell wie möglich wieder auf den Platz. Er kann es sich aber nicht vorstellen, dass in diesem Jahr noch einmal gespielt wird. Wenn aber wieder gekickt wird, nimmt er sich in die Pflicht. Aber ausschließen möchte er nichts.

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