Kritik vom Fußballkreis Dortmund: „Ich hätte die Plätze offen gelassen“

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Die Entscheidung der Politik, den Amateursport im November komplett lahm zu legen, hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Jetzt hat sich der Fußballkreis Dortmund geäußert.

Dortmund

, 30.10.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Auch der Sport muss seinen Beitrag zum Coronaschutz leisten. Da stimmt ein wichtiger Funktionär aus dem Dortmunder Amateurfußball uneingeschränkt zu. Doch bleiben nicht gerade Kinder und Jugendliche auf der Strecke? Hat selbst ein zeitlich begrenztes Sportverbot nicht sogar Langzeitfolgen für den Nachwuchs, den Sport und seine positive gesellschaftliche Rollen? Muss es nicht eine Differenzierung zwischen Senioren- und Juniorenfußball geben? Fragen, denen sich die Verantwortungsträger stellen.

Fragen, die wir Andreas Edelstein stellten. Er ist sowohl Vorsitzender des Jugendausschuss des Fußballkreises Dortmund, zeitgleich aber auch Vorsitzender des Vereins SC Husen-Kurl.

Andreas Edelstein, waren Sie überrascht, als die Beschlüsse bezüglich des Amateursports an die Öffentlichkeit kamen?

Nein, für mich war das so sicher wie das Amen in der Kirche, dass es zu einem Sportverbot kommen würde.

Tragen Sie die Entschlüsse generell mit?

Dass etwas getan werden musste, war klar. Und wenn es eine solche Struktur mit unterschiedlichen Ebenen und Gebieten wie in unserem Land gibt, kann ein grundsätzlicher Beschluss wie unter anderem die Aussetzung des Spielbetriebs nur von oben kommen. Wir als Fußballer sind uns dieser gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Und Flickenteppiche helfen gerade im Spielbetrieb gar nicht.

Glauben Sie, dass der Fußball als Breitensport im Freien in der Tat einen nennenswerten Beitrag durch den Verzicht erzielen kann?

Ja. Wir dürfen ja nicht nur das reine Fußballspiel sehen. Da denke ich, dass wir die Fallzahlen nicht groß senken können. Aber es geht ja jetzt offenbar darum, dass wir Kontakte und Bewegungen der Menschen einschränken müssen, um das Virus einzudämmen. Wir haben im Senioren- und Juniorenfußball in Dortmund geschätzt 400 Spiele pro Wochenende. Wenn es nur um die Mobilität geht, kommen wir so auf vielleicht 10.000 Bewegungen. Ja, da leistet der Fußball seinen Beitrag und hilft bestimmt.

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Aber der Fußball hilft, und das ist auch irgendwo die Krux, Menschen, besonders Kindern und Jugendlichen, gesund, aber auch sozial integriert zu bleiben. Wäre es wegen der gesellschaftlichen Funktion nicht sinnvoll, ähnlich wie im Frühjahr in den Niederlanden praktiziert, Senioren- und Juniorenfußball in der Betrachtung zu trennen?

Ich denke schon. Klar, jetzt musste vielleicht erstmal etwas passieren. Ich hätte mir da aber auch jetzt schon vielleicht eher die Lupe als das Brennglas gewünscht. Den Meisterschaftsbetrieb können wir ja vielleicht noch eine Zeit lang entbehren. Ich hätte aber die Plätze offengelassen. Hier in Husen oder im Dortmunder Süden können Eltern mit ihren Kindern in ihrer Freizeit vielleicht irgendwo im Grünen etwas kicken. In enger besiedelten Stadtbezirken aber ist der Sportplatz der Ort, um den Kindern etwas Raum für Bewegung zu geben.

Welche Folgen kann das für Kinder haben?

Wenn wir die Lupe nehmen, sehen wir, dass die C-Junioren, die gar nicht in der Kabine bleiben, oder die Minis mit ein paar Elternteilen am Rand bestimmt nicht das Problem sind. Und ich bitte die Entscheidungsträger in der Tat zu sehen, welche Langzeitkonsequenzen das für die Kinder, ihr Sozialverhalten und auch für die um Mitglieder kämpfenden Vereine hat. Erwachsene Sportler haben oft ihren Tagesablauf, ihr Einkommen und die Einsicht, dass sie pausieren müssen und auch können. Für Kinder ist das schwieriger.

Welche Konsequenzen drohen denn?

Wir treiben die Kinder in ihre Wohnungen, wo sie zu fünft an der Playstation sitzen. Und E-Sport kennt kein Corona. Ich fürchte auch, dass nicht alle Vereine die Krise überleben.

Also droht, dass Sie die Kinder nicht nur als Vereinsmitglieder, sondern auch als soziale Wesen verlieren?

Definitiv! Aber wir können es zunächst mal positiv sehen. Wir Vereine sind in der Gesellschaft enorm wichtig. Wir haben das gespürt, wie dankbar die Menschen, besonders die Kinder und Jugendlichen waren, als sie nach den ersten strengen Beschränkungen im Frühjahr wieder zu uns kamen.

Was empfehlen Sie dann dem Vater oder der Mutter, die nun ihrem achtjährigen Sohn oder der Tochter erklären muss, dass sie das nicht tun dürfen, was eigentlich gut und wichtig für sie wäre?

Das ist nicht einfach. Ich rate, den Kontakt zum Verein zu halten. Wir wollen die Kinder nicht verlieren. Und für sie ist es auch nicht ratsam, wenn sie den Mannschaftssport mit allen Vorteilen aus ihren Augen verlieren. Aber genau das droht. Denn wenn der Kontakt abreißt, suchen sich die jungen Leute Ersatz und gehen vielleicht dahin, wo die Ansteckungsgefahr nicht so einfach zu kontrollieren ist. Wir Vereine müssen da allerdings auch überlegen, wie wir uns den Bedürfnissen anpassen, die sich nicht nur auf das reine Fußballspiel beschränken. Viele haben es ja mit Online-Trainingseinheiten vorgemacht. Ich wünsche mir auch für meinen Fußballverein, dass wir flexibler werden und mehr Angebote für den Nachwuchs schaffen. Nicht nur wegen Corona stehen wir Vereine und Verbände als Teil der Gesellschaft vor einer sehr großen Herausforderung.

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Was ist zu tun?

In Bezug auf Corona maße ich mich mir nicht das Urteil an, welches Gegenmittel richtig oder falsch ist. Wahrscheinlich gibt es auch nicht die richtige oder die falsche Maßnahme. Aber wir dürfen aus unserem Handlungs- und Gedankenprozess nicht die Kinder rauswerfen. Wir Erwachsenen kommen mit vier Wochen Einschränkungen noch klar. Ich habe meinen Beruf, komme abends nach Hause und gehe dann eben ein paar Mal abends nicht zum Platz. Dazu kommt, dass ich eine große Wohnung mit viel Raum für wenige Menschen habe. Selbst mit uns Erwachsenen mit täglichen Aufgaben macht Corona etwas. Auf Kinder hat das alles eine viel größere Wirkung. Und dann gibt es gerade hier im Ruhrgebiet auch Bezirke, in denen größere Familien auf engem Raum leben. Für sie müssen wir die Plätze schnell wieder öffnen. Kinder benötigen die Kontakte. Ob wir nun noch ein paar Meisterschaftsspiele in diesem Jahr schaffen, ist da völlig unerheblich.

Wenn Sie so sensibel über den Juniorensport reden, stellt sich die Frage, ob die Verantwortlichen in den Vereinen ähnlich denken. Wie ist da die Resonanz?

Völlig gemischt. Und das ist auch gut und wichtig. Die Vereine haben gerade in diesen Krisenzeiten Sensationelles geleistet. Die einen stehen mit 100 Prozent hinter den jüngsten Beschlüssen. Sie sehen das Risiko für alle Beteiligten. Andere Vertreter hinterfragen die Verbote und sagen „lasst sie spielen“. Wir als Verband haben die Aufgabe, uns dem Diskurs zu stellen und Lösungen für die jungen Menschen zu finden.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Ich denke, hilfreich und wichtig wird eine differenzierte Betrachtungsweise. Wir wussten ja schon, dass Corona-Fallzahlen im Herbst deutlich steigen würden. In zwei Wochen hoffe ich jedenfalls, dass unsere genauere Sicht auf die Dinge Berücksichtigung in den Beschlüssen findet. Auch die Politik hat Zeit, etwas genauer hinzusehen. Und wir haben den Vorteil, dass wir im Sport mit unseren Beschlüssen sofortige Effekte erreichen. Wenn wir den Betrieb einstellen, läuft sofort nichts oder es geht wieder los. In anderen Bereichen lässt sich das alles nicht sofort wieder stoppen oder dann wieder hochfahren. Wir wollen, dass sich Kinder und Jugendliche wieder in der Gemeinschaft bewegen. Aber ich denke, alle wollen das eine: dass wir gut durch diese Zeit kommen. Das sollten wir auch nicht vergessen.

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