Spieler lässt sich auswechseln, um bei Ebay einen Grill zu ersteigern – Kollege schreibt es auf

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Wer den Liveticker der 11Freunde liebt, der sollte nun aufpassen. Denn was das Magazin kann, kann Christian Biehl vom TuS Freiheit Deusen schon lange – zur Not sogar aus dem Krankenhausbett.

von Patrick Radtke

Dortmund

, 22.02.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Kreisliga C, sechs Punkte in dreizehn Spielen, Tabellenplatz elf – und das wohl auch nur, weil alle vier Teams dahinter zurückgezogen haben. Es ist wahrlich kein traumhafter Kombinationsfußball, den die dritte Mannschaft des TuS Deusen Woche für Woche auf den Platz zaubert.

Es entspricht eher der Kategorie des ehrlichen C-Liga-Pöhlens, Maloche statt Hochglanz. Doch so ausbaufähig manchmal die sportlichen Darbietungen sind, so überragend ist die mediale Präsenz, die Deusen III konstant an den Tag legt und damit das Internet erheitert.

In der Tabelle vor dem BVB und S04

Ein Klick auf die eigene Homepage verrät erst einmal nichts Außergewöhnliches. „Wir sind eine Mannschaft aus Freunden“, steht da. Im Hintergrund ein normales Teamfoto, zumindest auf den ersten Blick. Nun gut, die Fußballhosen sitzen wie bei Thorsten Legat im Jahr 2000 etwas hoch, ein bisschen Spaß muss eben erlaubt sein, es geht hier immerhin um die Kreisliga C. Aber sonst scheint es eine ganz normale Amateurfußball-Mannschaft zu sein – bis man einen zweiten, einen genaueren Blick auf das Geschriebene wirft.

Ein etwas anderes Mannschaftsbild beim TuS Deusen III.

Ein etwas anderes Mannschaftsbild beim TuS Deusen III. © Facebook TuS Deusen III

Die Freundesbotschaft geht nämlich weiter: „Wir sind eine Mannschaft aus Freunden, die mit 23 neuen Spielern und etwas Geld durchaus auch in der Bundesliga mitspielen könnte“. Auch eine Tabelle ziert die Homepage, Deusen III führt diese nach fünf Spielen mit fünf Siegen an, direkt dahinter der BVB und der 1. FC Köln – und auf dem letzten Platz, wie es sich in Dortmund gehört, natürlich der FC Schalke 04.

Wie bitte? Plant da ein Klub tatsächlich einen Durchmarsch wie einst RB Leipzig oder die TSG Hoffenheim?

Nein, Deusens Dritte ist von solchen Visionen so weit entfernt, wie Lothar Matthäus von einem Job als Greenkeeper beim FC Bayern München und weiß das auch selbst ganz genau.

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Denn direkt neben dem Klassement steht das wahre Saisonziel der C-Liga-Truppe: Es geht um einen „Nichtabstiegsplatz aus der Kreisliga. Weiterhin werden wir alles geben, um nicht über unser Ziel hinauszuschießen.“ All das sorgt schon für den einen oder anderen Lacher, die wahre Schatztruhe der Comedy versteckt sich aber hinter dem Button „Spielberichte“.

„The day after Mannschaftsabend“

„Humorlos und wahrheitsgemäß“ werden hier angeblich die Partien der „geliebten Rumpeltruppe“ vom Wochenende zusammengefasst, egal ob es für die „bestausehendste Mannschaft der Kreisliga“ gegen die DJK RW Obereving, den FC Fortuna oder den FV Scharnhorst III ging.

Die eklatanten Fehler der Spieler wie zum Beispiel Alexandros Skroblinski, dem „alten Griechen“, dessen Geburtsjahr in den Berichten auf 28 vor Christus datiert und der gerne mal als „Erfinder des Feuers“ oder als „Urgroßvater des griechischen Mathematikers Pythagoras“ bezeichnet wird, werden schonungslos angeprangert. Die Laufwege von „Rheu-Ma-Kai Mestermann“ haargenau analysiert und die Qualitäten des Teams exakt beschrieben. Ein Beispiel: „Hier ein Schuss über den Zaun, da ein Pass ins Nirgendwo und beim zweiten Sprint ein Schnaufen wie von Thomas der Lokomotive.“

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The day after Mannschaftsabend Nachdem Deusens Dritte am Samstagabend erfolgreich ihren Mannschaftsabend zelebrierte, schlichen die Spieler am darauffolgenden Tag in Richtung Sportplatz. In der heimischen Kabine hätte aufgrund des Alkoholgehalts in der Luft kein Feuerzeug entzündet werden dürfen und selbst Philipp Albert, der am Abend nicht anwesend war, hatte nach einigen Atemzügen die ersten Promille. Nach der langen Winterpause ohne sportliche Betätigung hatten die Freundinnen einiger Spieler deren Trikots enger genäht, sodass es schon beim Umziehen Komplikationen gab. Neue Fußballschuhe glänzten im gedimmten Licht der Neonröhren und erste Musikwünsche nach Tim Toupet und den Backstreet Boys wurden laut. Dann die erste taktische Meisterleistung von Trainer und Bierkapitän Kai Mestermann: Deusens Dritte sollte heute mit Will und Albert den eigenen Rekord für die langsamste Innenverteidigung der Welt knacken nachdem Christoph Geilmann-Peveling sich in der Halle bei einem, wie sollte es anders sein, Eigentorversuch schwer am Fuß verletzt hatte. Missmutig stapfte die Stolpertruppe hinaus in die Kälte und begann den Platz kaputt zu treten. Während der ambitionierte Gegner aus Kley sich intensiv warmmachte gab es auf Seiten von Deusens Dritter erste Proteste und einen angekündigten Sitzstreik während der Laufeinheiten. Trotz aller Strapazen stand die bestaussehenste Mannschaft der Kreisliga pünktlich zum Anpfiff auf dem Platz und war heiß wie ein Rentner am Montag vor der Arztpraxis. Gedopt mit Ibuprofen und Döner vom Vorabend ließ die Rumpeltruppe aus Deusen den Ball durch die eigenen Reihen zirkulieren. Ganze zwei Minuten benötigte man diesmal bis zum ersten Fehlpass der selbstverständlich sofort zu einem Torschuss des Gegners führte. Doch die Antwort folgte prompt mit einer... Aufgrund der Zeichenbegrenzug auf Instagram gibt es den ganzen Beitrag auf unserer Internetseite deusens-dritte.jimdosite.com, auf Facebook unter Deusens Dritte oder in den Kommentaren. #kreisliga #deusen #alkohol #kegeln #mannschaft #diemannschaft #bier #rückrunde #instafit #instagramers #picoftheday #instalike #goodmorning #instatravel

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Wer sich also die Essays mit Titeln wie „Das Leben des Pii“, „The day after Mannschaftsabend“ oder „Partyhut und Nagelknipser“ etwas genauer anguckt, der sieht schnell, dass die sportliche Bewertung eher sekundär ist. Verantwortlich für dieses Lesegold ist Christian Biehl, seines Zeichens Abwehrspieler in Deusen.

Christian Biehl schreibt die Berichte zur Not auch aus dem Krankenhaus.

Christian Biehl schreibt die Berichte zur Not auch aus dem Krankenhaus. © privat

„Ich spiele alles, was hinten ist. Sobald es in die gegnerische Hälfte geht, bin ich hoffnungslos verloren. Hoch und weit bringt Sicherheit“, sagt der 27-Jährige im Gespräch mit dieser Redaktion.

Die Idee witzige Spielberichte zu verfassen, sei ihm vor zwei Jahren gekommen. „Ich habe mich nach einem Spiel zu Hause einfach mal hingesetzt und habe geschrieben.“ Zunächst wurden die Zeilen nur auf Facebook veröffentlicht, später folgte auch Instagram und somit eine ständig wachsende Reichweite. Die Ideen dazu kommen ihm in ruhigen Momenten, nach der Partie zu Hause oder auch unter der Dusche.

Ebay, der Grill und die Glitzerschuhe

Immerhin rund 700 Abonnenten kommen so Woche für Woche in den Genuss von Biehls Gehirnschmalz. Stets mit einem Augenzwinkern erzählt er die Geschichten. Zum Beispiel wie ein Mitspieler mit Partyhut und Glitzerschuhen direkt aus der Disco zum Treffpunkt erschien, wie die Freundinnen einiger Spieler die Trikots nach der Winterpause angeblich „enger genäht“ haben oder wie sich ein Mitspieler in der Pause auswechseln ließ, um in Hälfte zwei von der Bank aus einen Grill bei Ebay zu ersteigern.

„Das hat er wirklich gemacht“, so Biehl. Vor dem Spiel habe er den Trainer darum gebeten, nach der ersten Hälfte vom Platz gehen zu dürfen, weil in Abschnitt zwei eine wichtige Auktion endete. „Dann saß er mit dem Handy auf der Bank“, sagt Biehl und lacht herzlich. Man merkt: er fühlt sich wohl in der Mannschaft.

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Dieses Potpourri aus Aberwitzigkeiten führte das winzige Deusen sogar bis in die riesige Bundeshauptstadt: „Die lustigste Aktion war, dass uns jemand aus Berlin angeschrieben hat, ob er eine gebrauchte Hose von uns haben kann. Er sagte, er würde getragene Sportutensilien von ganz vielen Vereinen sammeln und wollte auch eine von uns“, so Biehl immer noch ungläubig. Doch nicht nur in Deutschlands größter Metropole ist Deusen ein Begriff, auch in der Ultra-Szene von Bayer Leverkusen sollen die Spielberichte mit Freude gelesen werden, wie Biehl zu Ohren kam.

Die Mannschaft besteht aus Freunden

Dabei hat Biehl mit dem Schreiben an sich gar nichts zu tun, ist von Beruf Vermessungstechniker. „Es ist mehr ein Hobby, eine Nebensache. Ich will damit kein Geld verdienen, es soll einfach Spaß machen“, sagt der 27-Jährige. Die Freude am Spiel stehe im Vordergrund, bei seinen Beiträgen, wie auch innerhalb der Gemeinschaft.

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Schon früh am Morgen wurde Trainer Kai Mestermann von durchgängigen Vibrationen seines Handys geweckt. Zahlreiche Anfragen seiner Spieler bezüglich eines Bankplatzes waren der Auslöser der Orgie auf dem Nachttisch. Bei regnerischem Wetter konnte der schönsten Mannschaft der Kreisliga dabei jedoch niemand Vorwürfe machen. Vor dem Spiel gegen den @fc_dortmund_18 FC versprach der Trainer der @tusdeusen_frauen unserer geliebten Rumpeltruppe bei einem Sieg eine eisgekühlte und nahrhafte Kiste edler Hopfensmoothies. Damit war klar, dass aufgrund der besonders abenteuerlichen Abwehrarbeit das Belohnungsgetränk wieder einmal selbst gekauft werden musste. Angesprochenen auf das Alter von Alexandros Skroblinikis antworte Aushilfsopa Mario Borowski erstaunliches. Er schätze das Geburtsjahr des Griechen auf 28 vor Christus und lag damit nur wenige Jahrhunderte daneben. Für den Erfinder des Feuers zählte dieser Tag damit bereits vor dem Spiel zu den glücklichsten seines Lebens. Schon vor dem Anstoß begann der Gast Beifall zu klatschen. Der Grund waren die weißen Deusener Trikots die bei starkem Regen begannen durchsichtig zu werden und dadurch eindrucksvoll jeden Muskel unter dem Trikot von Daniel Schulze zum Vorschein brachte. Stolz präsentierte unsere Nummer 33 daraufhin alle beiden Muskeln seines durchtrainierten Körpers. An dieser Stelle möchten wir auf die geplante Webcam in den Duschräumen hinweisen die in Zukunft für 5.99€ unter Deusenmakeyousexy.com einen Livestream der wilden Duschabenteuer anbieten wird. Doch zurück zum Spiel. Nach der herausragenden Leistung im letzten Spiel und gerade einmal drei Gegentoren wurde Philipp Albert mit einem Bankplatz belohnt. Die nun neu formierte Abwehr mit Will und Biehl, der als einziger die Deusener Jugendabteilung mehr oder weniger erfolgreich abgeschlossen hatte, in der Innenverteidigung sollte nun mit... Aufgrund der Zeichenbegrenzug auf Instagram gibt es den ganzen Beitrag auf Facebook unter Deusens Dritte oder in den Kommentaren #webcam #erotik #instafit #instagood #sportmotivation #sports #kreisliga #bier #wendler #instastyle #instamoment @wendler.michael @lauramuellerofficial

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„Das Schöne ist, dass wir eine Mannschaft sind, die aus Freunden hervorgegangen ist. Wir waren vorher schon 15 Leute, die in der Soccerhalle gekickt haben und wollten dann am Wettbewerb teilnehmen“, beschreibt Biehl den Weg zur Gründung der Equipe vor der Saison 2016/2017. Weil er selbst damals schon beim TuS aktiv war, fiel die Wahl des Klubs auf Deusen.

Und noch heute ist der „Großteil der Mannschaft immer noch der gleiche. Wir sind aber aktuell auch noch auf der Suche nach dem einen oder anderen Vernünftigen. Es muss einfach menschlich passen“, sagt Biehl und ergänzt, dass er und seine Freunde natürlich keine Clownsgruppe sind sondern auch den Anspruch haben, Spiele zu gewinnen, sich in der Tabelle nach oben zu robben.

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Aber: „Der Großteil kann ja sowieso nicht mal ohne Ball geradeaus laufen.“ Biehls Spielberichte sind da bei der Suche nach neuen Akteuren sicherlich ein Bewerbungsschreiben für interessierte Möchtegern-Ronaldinhos.

Zur Not schreibt Biehl die Spielberichte auch aus dem Krankenhaus

Die Storys schreibt Biehl wenn nötig sogar aus dem Krankenhausbett, wie am vergangenen Sonntag. „Ich hatte im August einen Bandscheibenvorfall“, sagt er. Lange fiel er aus, wollte zum Rückrundenstart aber unbedingt wieder im Kreise seiner Freunde auf dem Feld stehen, lief dafür an Weihnachten und an Silvester den Deusenberg hoch. „Es war alles ausgeheilt, ich war topfit“, so Biehl.

Doch dann wurde er mit starken Schmerzen und Taubheitsgefühlen im Fuß ins Krankenhaus eingeliefert. Sogar eine Not-OP stand im Raum. Die konnte gerade noch abgewendet werden. „Ich bekam Schmerzmittel ohne Ende, es ist wieder die Bandscheibe, die auf einen Nerv drückt. Aktuell habe ich eine Lähmung im Fuß“, so Biehl, der aber optimistisch ist, dass die Heilung schnell wieder eintritt.

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Liebe Leser, seit knapp zwei Jahren schreibe ich nun jede Woche einen Beitrag über die Spiele von Deusens Dritter. Dabei sind viele Erinnerungen zusammen gekommen aus denen dann die vollkommen wahrheitsgemäßen Berichte entstanden. Oft gingen mir die Superlative aus, wenn die talentierteste und bestaussehenste Mannschaft der Kreisliga mal wieder mehr Gegentore bekam als Deusen Einwohner hat. Und dennoch war mir immer klar: Diese Mannschaft ist etwas Besonderes. Mehr als nur ein bunter Haufen völlig verrückter Typen. Mal erschien der eine mit Partyhut und Glitzerschuhen direkt aus der Disco während der nächste zur Halbzeit ausgewechselt werden musste um einen Grill bei Ebay zu ersteigern. Ein anderes Mal verloren wir auf dem Weg zum Bungalow auf Mannschaftsfahrt die Hälfte der Spieler im falschen Park oder an falschen Haltestellen. Gerade deshalb fühlte ich mich in diesem Stolperhaufen unheimlich wohl. Nach der Vorbereitung im Sommer fiel ich jedoch mit einem Bandscheibenvorfall aus und setzte mir als Ziel in der Rückrunde wieder auf dem Platz zu stehen. Viele sagten mir das sei nicht möglich doch ich schuftete und lief selbst an Heiligabend in aller Früh den Deusenberg hoch und schaute mir den Sonnenaufgang an. Alles mit dem Ziel das erste Meisterschaftsspiel gegen Wambel bestreiten zu können. In der Vorbereitung zur Rückrunde spielte ich alle Spiele über 90 Minuten und fühlte mich Topfit. Doch dann wurde ich Freitag Morgen vor dem Start der Rückrunde mit starken Schmerzen und Taubheitsgefühlen im Fuß mit Notarzt und Rettungswagen ins Krankenhaus eingeliefert. Die Rückrunde war damit gegessen. Zahlreiche Nachrichten meiner Mitspieler erreichten mich und ich wollte... Aufgrund der Zeichenbegrenzug auf Instagram gibt es den ganzen Beitrag auf Facebook unter Deusens Dritte oder in den Kommentaren #team #kreisliga #comebackstronger #thankful #sports #fitness #instafit #instago #hurt #emotions @wsv1920 #dortmund #instaart #picstitch #pics

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Von seinem Hobby hielten ihn die Probleme ohnehin nicht ab. „Wir haben ja eine Kamera in Deusen“, sagt er. Also schaltete er sich am vergangenen Wochenende aus dem Krankenbett zu, schrieb WhatsApp-Nachrichten mit den Kollegen an der Seitenlinie, streamte den 5:2-Erfolg über den Wambeler SV III, den Biehl mit den Worten „manchmal passieren eben auch Wunder“ kommentiert. „Die erste Hälfte habe ich mit einem Hotspot geguckt. Doch dann wurde das Datenvolumen zu sehr strapaziert, also bin ich mit meiner Freundin ins Krankenhauscafé gegangen und habe da das WLAN genutzt.“

Und danach die Tastatur zum Glühen gebracht - wie an jedem (nicht) ganz normalen Kreisliga-Sonntag. Liebe kennt eben keine Grenzen.

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