Edwin Boekamp, Sportlicher Leiter der Juniorenabteilung des BVB, hat im Interview verraten, wie hart der Kampf um die besten Nachwuchskicker der Welt wirklich ist...

Dortmund

, 20.06.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Das i-Tüpfelchen hat am Ende gefehlt. Die U17 des BVB verlor am vergangenen Wochenende das Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen den 1. FC Köln. Trotzdem ist die Nachwuchsarbeit von Borussia Dortmund aktuell die erfolgreichste in ganz Deutschland. Drei U19-Spieler haben gleich einen Profivertrag bekommen. Die nächsten werden folgen.

Ein Vater des Erfolgs ist Edwin Boekamp, Sportlicher Leiter der Juniorenabteilung des BVB. Für ihn war es am vergangenen Sonntag schon die 22. Endspielteilnahme als Trainer, Sportlicher Leiter oder Nachwuchskoordinator beim BVB. Als Trainer hat er sogar zweimal den U19-Titel gewonnen. 1994 und 1998. Aber amtsmüde ist der 60-Jährige noch lange nicht.

„Die Arbeit mit den Juniorenspielern hält mich jung. Es macht Spaß mit den Jungs zu arbeiten, weil sie noch dankbar und lernwillig sind“, sagt Boekamp. Wir haben mit ihm über die abgelaufene Saison, den überhitzten Transfermarkt und Supertalent Youssoufa Moukoko gesprochen.

Die U14, U15, U16 und U19 des BVB haben jeweils den Titel geholt. Zum Abschluss der Saison hat die U17 am vergangenen Sonntag das Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen den 1. FC Köln verloren. Wie fällt das Gesamtfazit aus?

Man darf natürlich nicht vergessen, dass die U17 ungeschlagen die Bundesliga West gewonnen hat. Leider hat es dann im Finale gegen den 1. FC Köln (2:3, Anm. d. Red.) nicht gereicht. Aber grundsätzlich war es eine erfolgreiche Saison.

Warum hat es für die U17 im Finale nicht gereicht?

Wir sind auf einen starken Gegner getroffen und haben uns zu viele individuelle Fehler geleistet. Außerdem hatten wir nicht das nötige Spielglück. Wir haben einen Elfmeter verschossen, hatten einen Latten- und einen Pfostenschuss. Wie gesagt, das Spielglück war nicht auf unserer Seite.


Hat Sie die U17-Niederlage gegen Köln überrascht?

Im Vorfeld habe ich gesagt, dass ein Finale immer ein 50:50-Spiel ist, weil einfach so viel passieren kann, vor allem im Jugendbereich. Und in diesem Endspiel ist wirklich viel passiert. Leider zu viel Negatives aus unserer Sicht. An der Niederlage knabbern wir natürlich heute noch, weil wir nah dran waren, die Doppelmeisterschaft mit der U19 und U17 zu holen.

Hätten Sie vor der Saison der U17 oder eher der U19 den Titel zugetraut?

Auch wenn das beides Super-Mannschaften sind: definitiv der U17. Das muss man so sehen. Wir sind auch enttäuscht, dass es mit der U17 nicht geklappt hat, weil wir immer nach dem maximal Möglichen streben.

Blicken wir auf die unteren Altersklassen. Wie viel Fantasie steckt in den Teams der U14 bis U16?

Auch hier finden sich eine Menge toller Spieler wieder. Vor allem im U15-Bereich. Etliche werden den direkten Sprung in die U17 schaffen. Aber eine Prognose abzugeben, wie weit es für einen Spieler gehen kann, ist frühestens ab der U17 möglich. Klar, bei Mario Götze wussten wir schon im D-Junioren-Bereich, dass er Bundesliga-Spieler werden wird, auch bei Nuri Sahin hat man das sehr früh gesehen. Es gibt aber auch die umgekehrten Fälle.

Ein Beispiel...

Marcel Schmelzer ist ein gutes Beispiel. Bei ihm war nicht so früh zu erkennen, dass er ein erfolgreicher Bundesliga-Spieler wird. Er ist später durchgestartet. Dann aber richtig.

Wie wichtig sind für den BVB Titelgewinne im Juniorenbereich?

Titel sind für uns und die Spieler wichtig. Wir wollen diese Endspiele, um die Spannung hochzuhalten und Siegertypen zu entwickeln. Sie sollen in den entscheidenden Momenten mutig sein. So bereiten wir die Spieler noch besser auf den Seniorenbereich vor.

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Wie wichtig ist es für den BVB, Spieler für das Bundesligateam zu entdecken und zu entwickeln?

Sehr wichtig. Das ist unsere Hauptaufgabe! Jeder Fan freut sich doch darüber, wenn in der Profimannschaft Spieler aus der eigenen Jugend dabei sind. Dortmunder Jungs. Wir wissen aber auch, dass es bei uns schwierig ist. Der Anspruch ist hoch, die Profis spielen in der Champions League. Wir brauchen Jungs, die diese Herausforderung annehmen.

Wie ist die Ausbeute diesmal im U19-Bereich?

Luca Unbehaun, Tobias Raschl und Patrick Osterhage haben einen Profivertrag bekommen. Wir sagen immer, dass es ein guter Schnitt ist, wenn ein Spieler das pro Jahr schafft. Diesmal haben gleich drei die Chance, sich bei den Profis zu beweisen.

Wie viele mögliche Bundesliga-Profis haben Sie in dieser Spielzeit in den BVB-Jugendteams gesehen?

Viele haben das Potenzial. Wir haben viele Topspieler. Deshalb haben wir ja den neuen Posten für Otto Addo geschaffen. Er wird sich intensiv um diese hochtalentierten Jungs kümmern.

Ist es ein harter Kampf um die besten Juniorenspieler der Welt?

Es ist ein sehr harter Kampf. Deshalb müssen wir rechtzeitig da sein. Wir müssen früher an Talenten dran sein als andere europäische Top-Klubs, sonst wird es schwierig für uns. Sonst kommt das ganz große Geld ins Spiel.

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Die Fifa hat gerade erst das Transferverbot von Chelsea bestätigt, weil der Klub gegen die Regeln zur Verpflichtung Minderjähriger verstoßen hat. Manchester City finanziert eine Jugendakademie in Ghana, um frühzeitig an die besten Nachwuchsspieler des Landes zu kommen. Kommt aus England die größte Konkurrenz?

Das würde ich nicht sagen. Es ist insgesamt ein aggressiver Markt, nicht nur wegen England. Ähnlich aggressiv wird in Spanien, Portugal oder Frankreich agiert.

Wie schafft es der BVB bei all der Konkurrenz, Spieler wie Youssoufa Moukoko oder Immanuel Pherai zu verpflichten?

Wir haben ein gutes Scouting. Wir haben ja auch früh Christian Pulisic oder Jacob Bruun Larsen entdeckt. Wir schauen uns viele Auswahlspiele an. Spielt im Juniorenbereich die Niederlande gegen Kroatien, dann sind wir da. So haben wir zum Beispiel Immanuel Pherai entdeckt.

Wie groß ist das Scouting-Team im BVB-Juniorenbereich?

Über Zahlen möchte ich nicht sprechen. Das sind Betriebsinterna. Aber wir wachsen…

Bei den Profis steht der Champions League-Titel über allem. Greift der BVB mit der U19 in der kommenden Saison auch mal in der Youth League an, um international für Furore zu sorgen?

Wir haben die Youth League immer als Nebenschauplatz gesehen. Wir haben viele Nationalspieler und Auswahlspieler, die dadurch schon häufig in der Schule fehlen. Durch die Youth League kommen mindestens neun Fehltage hinzu. Und wir legen beim BVB großen Wert auf die schulische Ausbildung unserer Jungs.

Findet beim BVB gerade ein Umdenken bezüglich der Youth League statt?

Mittlerweile ist unser Ehrgeiz größer geworden. Wir wollen endlich mal die Gruppenphase überstehen. Unsere Gegner bereiten sich ja speziell auf diesen Wettbewerb vor. Es dürfen drei Spieler dabei sein, die ein Jahr älter sind. Zuletzt sind wir mit einem zusammengewürfelten Haufen angetreten. Aus U19-Spielern und Akteuren, die in der U23 wenig gespielt haben und Spielpraxis benötigen. Das wird sich ändern. Wir wollen die bestmöglichen Spieler in der Youth League aufbieten.

Rückt die Bundesliga dann in den Hintergrund?

Wir haben einen so hochwertigen U19-Kader, um in beiden Wettbewerben erfolgreich zu sein.

Titel, Kampf um Talente und aggressive Konkurrenten - so funktioniert die Talentschmiede des BVB

Edwin Boekamp (r.) mit dem neuen U19-Trainer Michael Skibbe. © Ludewig

Benjamin Hoffmann stand mit seinen Teams in den vergangenen vier Jahren dreimal im Finale bei den Deutschen Meisterschaften. Warum gibt es den Trainerwechsel hin zu Michael Skibbe auf der U19-Bank?

Es besteht einfach Bedarf, den Trainern in den jüngeren Jahrgängen mehr Hilfestellung zu bieten. Lars Ricken und ich können nicht bei jedem Spiel und bei jeder Trainingseinheit unserer Teams sein. Durch Benjamin Hoffmann haben wir uns hier bestens erweitert. Deshalb übernimmt er die sportliche Leitung von der U12 bis zur U16.

Michael Skibbe hat dreimal in Serie mit der U19 des BVB die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Seit 2000 ist er aber im Seniorenbereich unterwegs. Wie viel Jugendtrainer steckt noch in ihm?

Michael hat Riesenlust auf den Job. Er wird sich schnell einfinden.

Wie empfinden Sie eigentlich den Hype um Juniorenspieler wie Youssoufa Moukoko?

Die Aufmerksamkeit ist auch im Jugendbereich viel größer geworden. Als wir 1994 Deutscher Meister mit Lars Ricken geworden sind, gab es eine Schlagzeile und eine Meldung im WDR-Videotext. Das war es. Heute bekommen unsere Spieler von unserer pädagogischen Leitung Hilfestellungen im Umgang mit den sozialen Medien. Bei Youssoufa Moukoko ist es ja so, dass er für sein Alter schon Außergewöhnliches leistet. Das verbreitet sich schnell in den sozialen Medien. Deshalb entsteht der Hype.

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Er zählt mit seinen 14 Jahren als Wunderkind. Wie geht er mit dem Druck um?

Er geht gut mit dem Druck um. Trotzdem helfen wir ihm in vielen Bereichen weiter, sprechen mit ihm, durchaus auch darüber, was man posten kann und was besser nicht.

Werden Sie weiter versuchen, ihn vor der Öffentlichkeit abzuschotten?

Werden wir.

Im Bundesliga-Geschäft wird bei den Spielern viel über Ich-AGs gesprochen. Gibt es die im Juniorenbereich auch?

Ab der U19 müssen wir ganz besonders aufpassen, dass der Teamspirit stimmt und keine Ich-AGs innerhalb der Mannschaft entstehen. Vor allem im Januar, wenn es für die Endjahrgänge darum geht, wie es im Seniorenbereich für sie weiterläuft. Da fangen die Spieler schon an zu schauen, wie häufig über sie geschrieben wird und wo sie in der Torjägerliste stehen. Uns ist das in der Vergangenheit aber wirklich gut gelungen. Der Teamspirit stimmt beim BVB!

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