Während seine Kollegen Weihnachten gefeiert haben, hat er für sein Comeback geschuftet. Dennoch bewertet er sein erstes Halbjahr beim BVB positiv. Schließlich war er im Sommer noch arbeitslos.

von Leon Elspaß

Dortmund

, 26.12.2019, 14:33 Uhr / Lesedauer: 5 min

Wer diesen neben dem Platz häufig freundlich lächelnden jungen Mann, zum ersten Mal sieht, wird wahrscheinlich nicht vollkommen richtig vermuten, was er mit seinen 1,70 Metern Größe zu leisten imstande ist. Im Hauptberuf ist der 22-Jährige Balldieb, aggressiv und durchsetzungsstark im zentralen Mittelfeld, dazu flink auf den Beinen und zuweilen sogar erfolgreich im Kopfballspiel – trotz der begrenzten Körpermaße.

Überraschende Fähigkeiten

Es sind Fähigkeiten, die einige im BVB-Umfeld überrascht haben. Ebenso wie sein Wechsel nach Dortmund als solcher. Denn als Steve Tunga Malanda Anfang August zur Borussia stieß, fragte sich selbst mancher BVB-Mitarbeiter, wer dieser Spieler sei, der da beim Wuppertaler SV erstmals im Pflichtspielkader auftauchte.

Seither sind 13 Einsätze bei möglichen 17 Liga-Terminen vermerkt. Nur zum Jahreskehraus bei den Sportfreunden Lotte (1:1) fehlte er im Kader. Aus unerfreulichem Grund. Eine Woche zuvor nämlich beim letzten Heimspiel des Jahres gegen Rot-Weiss Essen (0:1) musste Tunga mit stechenden Schmerzen im rechten Oberschenkel ausgewechselt werden, wenige Tage später wurde ihm ein Faserriss diagnostiziert – und von der Ärzteabteilung vier bis sechs Wochen Pause auferlegt.

„Günstige“ Verletzungspause

Während die meisten seiner Kollegen die Weihnachtsfeiertage mit der Familie verbrachten, schuftete Tunga jetzt für das Comeback. Den turnusmäßigen Weihnachtsausflug zu seinem in Stuttgart wohnenden Bruder musste er streichen, „der fällt jetzt leider aus“, sagt er, fügt allerdings an: „Günstiger kann eine Verletzung gar nicht liegen.“

Denn in der fußballfreien Zeit kann er nun gesunden, vor einer Woche saß er zum ersten Mal wieder auf dem Rad. Der Genesungsprozess soll nun stetig voranschreiten, sodass „ich hoffentlich mit ins Trainingslager fahren kann.“ Anfang Januar steht das an.

Mal rechts hinten, mal vor der Abwehr

Jetzt sei er zwar verletzt, sagt Tunga, „die Hinrunde ist für mich persönlich dennoch gut verlaufen.“ Er habe häufig spielen dürfen, oft zudem „von Anfang an“, rekapituliert er. Mal half Tunga rechts hinten aus („Zuvor hatte ich da noch nie gespielt“), mal durfte er sein liebstes Gebiet vor der Abwehr beackern. Und erntete viel Lob für seine beherzte Arbeit gegen den Ball.

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Steve Tunga und Mike Tullberg vom BVB II. © Bieelfeld

Denn Tunga, der zwar kleingewachsene, aber dennoch widerstandsfähige, zweikampfstarke Mittelfeldmann, zeigte exakt jene Tugenden, die dem übrigen Mittelfeldpersonal der Borussia in dieser Ausprägung nicht gegeben sind. Die Marco Hobers, Taylan Dumans oder Magnus Kaastrups sind Akteure mit gutem Rundumblick, feingliedrigen Bewegungen, technisch allesamt besser.

Kraft und Durchsetzungsstärke

In den unmittelbaren Duellen mit dem Gegenspieler allerdings besitzt keiner die Kraft und Durchsetzungsstärke von Tunga, der im Sommer noch ohne Verein und damit arbeitslos da stand.

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Bei der SG Wattenscheid war sein Vertrag ausgelaufen. Er wollte ihn nicht mehr verlängern, sah sich bereit, „den nächsten Schritt zu machen. Dann bin ich ins Risiko gegangen – und habe gesagt, dass ich gehen will“, erzählt er. Doch einige Wechsel zerschlugen sich. Und während viele seiner ehemaligen Kollegen mit ihren Arbeitgebern ins Trainingslager aufbrachen, hielt Tunga zunächst Einzelschichten ab. Letztlich heuerte er sogar beim VDV-Proficamp an, einem Auffangbecken für arbeitslose Fußballer.

Im VDV-Camp zurück in die Zweikämpfe

„Es war schön, dass ich dort hingehen konnte“, sagt Tunga. „Vorher habe ich jeden Tag alleine auf dem Platz gestanden. Für den Kopf ist das schwer.“ Bei der Vereinigung der Vertragsfußballspieler, einer Spielergewerkschaft, konnte er dann endlich wieder in Zweikämpfe spurten und sich mit Gegnern messen. Im Camp suchten sie seinerzeit alle eine neue Anstellung – Tunga fand seine noch recht schnell.

Denn der gerade erst angekommene BVB-II-Trainer Mike Tullberg, der ihn 2015 schon zu Rot-Weiß Oberhausens A-Junioren geholt und zum Kapitän befördert hatte, besaß im Sommer nur einen kleinen Kader. In der strapaziösen Vorbereitung wollte er seine Spieler nicht nur hart schuften lassen, sondern ihnen auch die nötigen Pausen genehmigen.

Kurzzeitige Hilfe? Nein, Vollzeitstelle

Akteure von extern sollten den Personalbestand deshalb kurzzeitig auffüllen. Tunga war einer dieser Aushilfskräfte, qualifizierte sich allerdings schnell für eine Vollzeitstelle. Am Ende der dreitätigen Kurzpräsentation nahm in Tullberg beiseite – und offerierte ihm einen Einjahresvertrag.

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„Beim BVB war es ein Do-or-die-Ding“, meint Tunga. Am Ende hätte er das Casting überstanden, im Gegensatz zu anderen Spielern, die zu dieser Zeit mit dem U23-Tross trainierten und zu Testspielen antraten. „Alles ist gut, so wie es gekommen ist“, erklärt der letzte Dortmunder Sommerneuzugang deshalb. „Die Bedingungen hier, die gibt es fast bei keinem Drittligisten.“ Dass sich sein ehemaliger Förderer Tullberg wenige Wochen nach seiner eigenen Ankunft an ihn erinnerte, war Tungas großes Glück.

Besondere Beziehung zu Tullberg

Zwischen ihm und dem Fußballlehrer besteht schon länger eine durchaus besondere Beziehung. Einerseits vollkommen professionell, andererseits allerdings von speziellem Vertrauen geprägt. Denn als der damalige A-Jugendtrainer Tullberg den jungen Tunga 2015 von U19-Bundesligist VfL Bochum zu Niederrheinligist RWO holte, war es die „beste Entscheidung“, sagt der Mittelfeldspieler. Sowohl für die Oberhausener, die in ihm einen Kapitän für die Aufstiegsmannschaft verpflichtet hatten. Als auch für Tunga selbst.

Beim VfL Bochum hatte er letztlich nur wenig spielen dürfen. Zwar musste er zunächst überzeugt werden, den sportlichen Rückschritt zu Oberhausens Niederrheinliga-Auswahl zu gehen, zügig aber sei ihm bewusst geworden, welche Chance sich dadurch ergab. „Wahrscheinlich hat es meine Karriere gerettet“, sagt Tunga.

Viele Höhen und Tiefen

Er habe wieder auf dem Platz stehen dürfen, dadurch und wegen seiner gesonderten Rolle als Anführer verschüttet geglaubtes Selbstvertrauen wiedererlangt. „Und ab und an“, erzählt Tunga, „durfte ich sogar bei der ersten Mannschaft trainieren.“

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Sein Betätigungsfeld beim BVB ist da freilich einzig und allein die U23. Hatte die erste Halbserie für Tunga persönlich viele positive Überraschungen übrig, erlebte die Mannschaft in Gänze „viele Höhen und Tiefen“, bilanziert er. In Zahlen heißt das: Platz acht, mehr Niederlagen (acht) als Siege (sieben) und ein 28:28-Torverhältnis. „Meiner Meinung nach“, sagt Tunga, „haben wir eine hohe Qualität, die bringen wir aber zu selten auf den Platz.“ Dabei sei es nicht so, „dass wir nicht motiviert wären.“

Defizite im mentalen Bereich

Tunga erklärt sich die vielen Leistungsschwankungen und Konzentrationsschwächen eher mit Defiziten im mentalen Bereich. „Möglicherweise machen wir uns zu viel Druck“, spekuliert er. „Zwar sagt uns der Trainer immer, dass wir keinen Druck haben und einfach Spaß haben sollen.“ Das zu verinnerlichen, sei jedoch nicht so einfach.

Bei der Borussia stünden alle Spieler auf einer „größeren Bühne“, seien alle gewillt, den nächsten Step zu machen, egal „ob beim BVB oder bei einem anderen Verein“, deshalb müsse jeder Spieler „abliefern“. Diese Denke, so Tunga, könne anspornen oder kontraproduktiv wirken.

Große Vorfreude auf die Rückrunde

Tullberg, der laut dem Mittelfeldmann bei der internen Weihnachtsfeier nach dem Spiel in Lotte aufbauende Worte an seine Belegschaft gerichtet hat, sei trotz der arg durchwachsenen Hinserie weiterhin überzeugt, „dass wir unsere Qualität noch zeigen werden. Er freut sich riesig auf die Rückrunde.“

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Jubel mit Joseph Boyamba: Steve Tunga. © Bielefeld

Wie auch Tunga, der zunächst fit werden und dann voller Konzentration auf den Rasen zurückkehren will. „Die Saison ist auf jeden Fall nicht gelaufen“, sagt er. Denn eines sei doch klar: „Schlimmer geht es immer. Wir könnten auch noch auf einen Abstiegsplatz rutschen.“

Ehrensache mit dem BVB-Logo

Die Konzentration und der Fokus, das wünscht sich dieser reflektiert formulierende Akteur, müsse darum weiterhin „hoch gehalten“ werden. „Das ist auch ein wenig Ehrensache, wir tragen das BVB-Logo auf der Brust“, meint Tunga, der den enttäuschenden Istzustand schnellstmöglich aufbessern will. Die Situation in der Liga wurmt – wenngleich gerade er weiß, dass das Sportliche zwar wichtig, aber nicht von allergrößter Bedeutung ist.

2018 krachte Tunga als Spieler der SG Wattenscheid in einem Ligaspiel mit dem Kopf eines Kollegen zusammen. Während er recht glimpflich davon kam, verschluckte der Mitspieler seine Zunge, war daraufhin kurzzeitig in Lebensgefahr. Auf sein eigenes Spiel, sagt Tunga, habe dieser einschneidende Vorfall aber keinerlei Auswirkungen mehr.

Eine Ausnahme unter den Feingeistern

„Das habe ich längst abgehakt. Die ersten zwei, drei Wochen waren nicht einfach. Da war es schwierig für mich, in Kopfbälle hoch zu gehen.“ Danach jedoch sei er wieder überall „hineingerast“, in jeden Zweikampf, in jedes Kopfballduell. Meist ebenso hart wie fair. Neben den vielen Feingeistern im Mittelfeld bildet Tunga damit die Ausnahme - und tut dem BVB unverhofft gut.

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