Wachablösung im Dortmunder Nordosten: Ein Dortmunder Klub auf der Überholspur?

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Lange Zeit waren die Rollen im Dortmunder Stadtteil Scharnhorst klar verteilt. Nach vielen Jahren könnte es nach dieser Saison eine Wachablösung geben. Oder kommt sogar alles ganz anders?

Dortmund

, 04.11.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am Buschei schläft ein Riese, am Holzgraben wollen sie sich nicht hinlegen. Um es in einen größeren Rahmen zu packen: In Neu-Scharnhorst soll einiges neu werden, in Alt-Scharnhorst setzen sie auf Alt-Bewährtes, aber auch nicht nur. Zwei Vereine aus einem Vorort befinden sich gerade in einem Prozess.

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Da ist der FV Scharnhorst in der Groß-Siedlung, da ist die Alemannia etwas außerhalb nahe des Körnebachs. Vor zwei Jahren konnten die Vorzeichen anders nicht sein. Kein Durchkommen gab es am 10. Juni 2018. Diejenigen, die kurz vor Spielbeginn kamen, hatten einiges zu laufen, um das Entscheidungs-Rückspiel der Alemannia gegen den TSC Kamen zu sehen. 1:0 gewannen die Blau-Gelben vor 1400 Zuschauern. Ein paar Kilometer weiter herrschte gähnende Leere. Die Spieler des FV hatten sich als aussichtsloser Vierter in der B-Liga in die Pause verabschiedet.

Alemannia Scharnhorst feiert, FV Scharnhorst verliert

Es trennten beide Vereine, die schon auf Grund der räumlichen Entfernung nie so richtig zusammenkamen, aber wegen der unterschiedlichen Ligenzugehörigkeit auch keine starke Rivalität mehr lebten, Welten. Die Alemannia feierte auf ihrem schmucken Kunstrasen, der FV verlor sich in der staubigen Asche. So sahen auch die Perspektiven aus.

Und nun? Um es vorwegzunehmen: Die Stimmung könnte kippen! Der FV hätte lieber heute als morgen einen Kunstrasen. Und die Ampeln stehen laut Verein nach Vereinbarungen mit der Stadt im wahrste Sinne des Wortes auf Grün. Christian Senger, seit Jahren mit seinem Vater Thomas in verschiedenen Funktionen Gesichter des Vereins, hat auch ein Anliegen: „Besonders günstig wäre, wenn es jetzt während der Coronapause losginge. Dann können wir auf neuem Geläuf in eine bessere Zeit starten.“

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Diese Zeit hat womöglich schon begonnen. Der FV, einst bekannt für besonders gute Fußballer mit polnischen Wurzeln, stellt unter der Leitung des aktuellen Trainers Christian Senger ein Team, das um die lang ersehnte Rückkehr in die A-Liga spielt. „Wir haben eine bunte Mischung aus vielen Scharnhorster Jungs und nur wenigen aus den umliegenden Stadtteilen. Dabei sind immer noch einige Polen, aber sie sind nur ein paar unter vielen anderen Nationen“, berichtet Senger.

Viel erinnert an den Mulitikulti-Verein VfL Hörde, der im Schatten des Clarenbergs, einer ähnlicher Siedlung, auf einer Anlage spielt, die dem vor den Asphalt-Massen von Bäumen umringten Sportgelände in Scharnhorst ähnelt. Die Parallelen weist Senger nicht von der Hand: „Ich verfolge das genau. Die Hörder sind schon etwas wie unser Vorbild. Sie haben mit Geduld eine Mannschaft entwickelt, die nach dem Aufstieg gleich die A-Liga aufmischt. Für uns ist das noch ein weiter Weg. Was schon klar ist: Der VfL erfüllt wie wir eine wichtige soziale Funktion.“

Und was ist, wenn das Grün auf der alten Asche liegt, deutet sich eben nicht nur im Seniorenbereich an. „Wir haben großen Zulauf“, berichtet Senger. „Gerade die jüngeren Kinder, und davon gibt es in der Nachbarschaft viele, spielen lieber vor der Haustür, als mit Bus und Bahn durch die Gegend zu fahren.“

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Die aufstrebende erste Mannschaft ist ohnehin für Fußballer, die Gemeinschaft und Vielfalt suchen, bald noch attraktiver. „Unser Team spielt ja nicht ohne Grund seit mehreren Jahren mehr oder weniger zusammen“, sagt Senger. Herzstück des Teams ist Kapitän Benjamin Butt, der mal sein Glück in der Westfalenliga bei Westfalia Wickede und auch beim Ortsrivalen Alemannia versucht hatte. Der FV ist aber seine Heimat. Momentan vermissen ihn seine Teamkollegen, da Butt nach einem dreifachen Knöchelbruch im Aufbau ist. „Wenn Corona etwas Gutes hat, dann ist es, dass Benni sich in Ruhe heranarbeiten kann. Die Jungs machen es auch ohne ihn gut, aber sie brauchen ihn.“

Schließlich schläft die Konkurrenz in der Gruppe B4 nicht: „Berghofen ist vor uns. Wir sind punktgleich, haben aber ein Spiel mehr hinter uns. Berghofen stellt eine Super-Mannschaft, die unter SVB II firmiert, aber ihre besten Leute in unsere Liga geschickt hat. Wenn wir nach dieser Saison hochdürfen, gönnen wir Berghofen alles erdenklich Gute für das darauffolgende Jahr. Aber wir haben auch noch andere gute Teams in der Liga.“ Wenn nicht in diesem Jahr, möchten Senger und die Scharnhorster im kommenden Jahr nach oben.

Gibt es eine Wachablösung in Scharnhorst?

Und dann könnten sie die neue Nummer eins des Vororts sein. Eine Wachablösung ist nicht unmöglich, zumal sich die Alemannia in der Vorsaison nur wegen Corona rettete. Jetzt droht der Abstieg in die Liga, aus der Nachbar FV aufsteigen will, endgültig. Nur vier Punkte aus acht Spielen und Platz 15 bedeuten akute Gefahr. Trainer Mario Niedzialkowski, auch ein Scharnhorster Junge, musste gehen. Nach vielen Abgängen und aktuellen Verletzungen hatte der Coach auch kaum eine Chance, den Umbruch zu schaffen.

Aber Scharnhorster Jungs, auch die von Alemannia, kämpfen. Selbst wenn unter Neutrainer Jan Müller zuletzt eine derbe 1:7-Klatsche gegen Eving Selimiye Spor für Ernüchterung sorgte, basteln sie an einem A-Liga tauglichen Team. Der Vorsitzende Thomas Eifert kündigt auch Verstärkungen an: „Wir sind dabei. So schwer es wegen Corona wird, wir müssen und werden neue Spieler finden, mit denen wir in der Liga bleiben wollen.“

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Zudem versichert er: „Der Verein lebt!“ Über einen Mangel an Ehrenamtlichen musste sich die Alemannia nie beklagen. Aber zuletzt verzeichnete nicht nur die Seniorenabteilung einen Aderlass an guten Spielern. Die neue Jugendleiterin Manuela Noetzel arbeitet sehr engagiert gegen diesen Trend an. Ihre Arbeit wirft auch erste Früchte: „G- und D-Junioren, die wir haben, sind uns viel zu wenig. E- und -F-Junioren sollen dazukommen.“

Auf Worte folgen Taten. Manuela Noetzel bietet Fußball am Offenen Ganztag der nahen Westholzschule an. So sollen die Kinder Lust auf Fußball bekommen. Das Ziel ist aller Ehren wert: „Uns geht es nur um Fußballspaß und Freizeit. Wer sich nach Corona gerne an Dienstagen und Donnerstagen ab 17 Uhr von der Fairness unserer jungen Spieler überzeugen möchte und mitmachen möchte, ist herzlich willkommen.“ Ziel ist es, dass die Kinder im Verein älter werden, aber dann möglichst lange Scharnhorster Jungs bleiben.

Scharnhorster Teams sind sich Verantwortung bewusst

Beide Vereine aus Scharnhorst sind sich ihrer Verantwortung im Stadtteil mit so vielen Facetten bewusst. Dass sie irgendwann mal gemeinsam – wie schon mal nach der Hallenfußball-Stadtmeisterschaft erlebt – das Lied von den Scharnhorster Jungs singen, ist wegen der Entfernung nicht wahrscheinlich, aber auch nicht ganz ausgeschlossen.

Christian Senger erklärt noch einmal den Unterschied der vergangenen Jahre: „Viele Kinder wachsen im unmittelbaren Umfeld unseres Platzes auf. Selbst wenn die Alemannia eine tolle Anlage hat, wäre der Weg für viele zu weit gewesen. Wenn sie bald Kunstrasen vor der Haustür haben, wäre eine Kooperation denkbar.“

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Klar, die älteren mobileren Spieler hätten weniger Probleme, zum Holzgraben zu kommen. Jung hier, alt dort – alle für Scharnhorst. Ausgeschlossen ist es nicht. Und die Sengers wären mit ziemlicher Sicherheit dabei: „Aus Scharnhorst kriegt uns keiner mehr weg“, spricht Christian auch im Sinne seines Vaters. Sollten diese wirklich nur theoretischen Gedankenspiele mal konkreter werden, wäre schlafender Riese fast schon eine Untertreibung.

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