Die Corona-Saison: Viele Spiele, hohes Risiko - der FLVW arbeitet an Plan B

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Alle Amateurfußballer erwartet eine außergewöhnliche Saison. Nachdem das Coronavirus die vergangene Spielzeit zum Abbruch brachte, bleibt es auch in der neuen Saison das bestimmende Thema.

Westfalen

, 05.08.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Bis zum Saisonstart am 6. September sind es noch einige Wochen, doch schon jetzt ist klar, dass die neue Spielzeit ganz im Zeichen der Corona-Pandemie stehen wird. Während die vergangene Saison durch das Virus dahingehend geprägt wurde, dass kein Spielbetrieb mehr möglich war, ist das Motto der neuen Saison, sich irgendwie mit dem Coronavirus und seinen Auswirkungen zu arrangieren. Für die Amateurfußballer heißt das vor allem eines: ein deutlicher Mehraufwand. Viele Teams haben für mehr Ligaspiele weniger Zeit. Doch was passiert, wenn Corona-Fälle den Spielbetrieb lahmlegen oder teilweise stoppen?

Dass die kommende Spielzeit für viele Mannschaften heftig wird, steht schon länger fest. Wie anstrengend die Saison 2020/21 wirklich wird, wird sich aber wohl erst in der zweiten Saisonhälfte im kommenden Jahr zeigen. Zwischen 17 (21/22er-Staffeln) und 14 Spiele (17/18er- sowie 15/16er-Staffeln) stehen bis zur Winterpause an. Am 20. Dezember sollen die letzten Ligaspiele in diesem Jahr ausgetragen werden.

300 Zuschauer dürfen maximal 30 Spielen beim Kicken zusehen

Ob vier Tage vor Weihnachten tatsächlich noch auf den Anlagen der Amateurfußballer gespielt wird, ist allerdings zumindest fraglich. Zu oft hat das Wetter den heimischen Fußballern bereits im Winter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Schneefälle wurden in den vergangenen Jahren zwar immer seltener und fielen auch immer kleiner aus, doch ein gefrorener Platz reicht bereits aus, um den Spielbetrieb auf eine Sportanlage lahmzulegen.

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Genau aus diesem Grund hatte sich der Bayerische Fußball-Verband (BFV) auch bereits frühzeitig dazu entschieden, die Saison 2019/20 gar nicht abzubrechen, sondern im kommenden Frühjahr fortzuführen. Denn im bayerischen Raum kann witterungsbedingt meist noch früher nicht mehr gespielt werden als in anderen Regionen Deutschlands. Für den Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen war eine Verlegung der Spielzeit gar keine Option, zu lange wäre die Pause bis zum nächsten Ligaspiel gewesen.

Nun geht es also Anfang September in Westfalen wieder los. Nach aktuellem Stand sind dann bis zu 300 Zuschauer und 30 eingesetzte Spieler erlaubt - während das bei Testspielen derzeit dazu führt, dass viele Mannschaften mehr Spiele organisieren, um allen Spielpraxis zu geben, stellt die Zahl 30 im Ligabetrieb kein Problem dar. Denn dann sind ohnehin nur vier Auswechslungen pro Team erlaubt.

Was passiert, wenn ein Spieler kurz nach einer Partie positiv auf das Coronavirus getestet wird, hat das Land NRW bereits erklärt. In einem solchen Fall sei es „durchaus denkbar, dass alle anderen Spieler ebenfalls in Quarantäne müssen, so das Land auf Nachfrage der Ruhr Nachrichten. Dann würden zwei Mannschaften vorerst komplett aus dem Spielbetrieb ausscheiden. Gerade bei englischen Wochen könnten da schnell mal mehrere Partien ausfallen.

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Wie schnell der Spiel- und Trainingsbetrieb lahmgelegt werden kann, musste der SV Herbern als einer der ersten Vereine feststellen. Freitags, am 24. August, wurde der ehemalige Fußballprofi und aktuelle Herberner Trainer Benjamin Siegert von einem Spieler, der zuvor zur Probe beim Landesligisten mittrainiert hatte, informiert, dass dieser positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Danach wurde es stressig.

Keine Behörde war beim Herberner Corona-Fall erreichbar

„Es war nicht einfach, mit dem Fall umzugehen“, sagt Siegert. Nachmittags habe er all seine Spieler und die Vereinsverantwortlichen informiert. Dann habe er auch versucht, die Behörden zu informieren. Doch an besagtem Freitag „war nie einer zu sprechen“, erzählt er. So mussten er und der Verein erst mal ohne die Hilfe des Gesundheitsamtes handeln. Allen Spieler, die beim Training dabei waren, sowie dem Trainerteam wurde geraten, sich ebenfalls auf das Coronavirus testen zu lassen - letztendlich waren alle Tests negativ. „Ich hätte aber lieber noch jemanden gehabt, der sich damit noch besser auskennt“, gibt Benjamin Siegert zu.

Anweisungen, bis zum Testergebnis in Quarantäne zu gehen, gab es vom Gesundheitsamt nicht, nachdem dieses auch endlich informiert werden konnte. Da der Probespieler ohnehin nicht viel Kontakt mit dem Rest der Mannschaft hatte und auch nicht in der Kabine war, sei die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung - so die Behörden damals - ohnehin nur sehr gering gewesen.

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Wie genau ein solcher Fall wie der beim SV Herbern im Ligaspielbetrieb ab September behandelt werden soll, steht noch nicht endgültig fest. „Aktuell arbeiten die verantwortlichen Gremien an den Durchführungsbestimmungen sowie an der Auf- und Abstiegsregelung für die kommende Spielzeit 2020/21“, erklärte Christian Schubert, Pressesprecher des FLVW, auf Nachfrage.

Die Auf- und Abstiegsregelungen für die überkreislichen Ligen hat der FLVW mittlerweile veröffentlicht. Die Bestimmungen für verschiedene Szenarien hingegen noch nicht.

In den Bestimmungen solle aber - sobald sie fertig ausgearbeitet sind - genau festgehalten sein, was passiert, wenn die Saison beispielsweise nicht bis Ende Juni zu Ende gespielt werden kann oder im schlimmsten Fall sogar erneut abgebrochen werden muss. Wann der „Plan B“ des Verbandes fertig ist und veröffentlicht werden kann, ist allerdings noch unklar. „Wir bitten um Verständnis, dass wir derzeit noch keinen genauen Veröffentlichungstermin für die jeweiligen Regularien nennen können“, so Schubert.

Der Westdeutsche Fußballverband (WDFV), der für die Regionalliga West zuständig ist, wo unter anderem Borussia Dortmunds U23 spielt und zuletzt auch der TuS Haltern am See aufgelaufen war, ist da schon etwas weiter. Für die kommende Saison, die genauso wie die Oberliga aus rekordverdächtigen 42 Spieltagen (21 Teams, 40 Spiele für jede Mannschaft) besteht, „wird natürlich hin und her überlegt“, sagt Roland Leroi, Pressesprecher des WDFV.

„Man müsste normalerweise noch ein, zwei Spieler holen“

Wenn eine oder mehrere Mannschaften vollständig in Quarantäne müssten, gäbe es noch einige Wochen, aus denen eine englische Woche gemacht werden und unter der Woche noch gespielt werden könnte. „Das gilt auch für witterungsbedingte Ausfälle“, erklärt er. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass auch der FLVW auf Spielausfälle mit weiteren englischen Wochen reagieren wird. Insgesamt sechs davon stehen in Staffeln mit 21 oder 22 Teams sowieso schon an.

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Auf die Teams größerer Staffeln warten also auch ohne corona- oder witterungsbedingte Spielausfälle schon zahlreiche Partien an einen Wochentag, an dem so gut wie alle Amateurfußballer vorher noch normal arbeiten müssen. Schon vor einigen Monaten, als noch gar nicht geklärt war, in welchem Modus Ober- und Regionalliga gespielt werden, hatte Samir Habibovic, Sportlicher Leiter des Oberligisten ASC 09 Dortmund gesagt, „das wird in allen Belangen heftig“.

Das ist nun mehr als eineinhalb Monate her. An seiner Haltung hat sich jedoch nichts geändert. „Das wird alles sehr, sehr hart“, sagt Habibovic. Doch „damit müssen wir leben“. Denn ändern könne man ohnehin nichts mehr. Und ernsthafte Alternativen gab es sowie nicht, da das vorgeschlagene Playoffs-Modell des FLVW für die Oberliga mehr Nach- als Vorteile hatte.

Fragt man die Spieler, erzählt der Sportliche Leiter des ASC, gebe es vor allem positive Rückmeldungen auf den vollen Terminplan. „Die Jungs freuen sich, die haben lange nicht gespielt.“ Auf einige Spiele, die sonst in jeder Saison anstehen, müssen sie bei den Dortmundern jedoch verzichten. Denn Testspiele werde es diesmal nicht zwischendurch geben - als Reaktion auf die 40 Ligaspiele, zu denen auch noch Pokalspiele hinzukommen werden.

„Man müsste normalerweise noch ein, zwei Spieler holen“, hatte er im Juni mit Blick auf die anstrengende kommende Spielzeit gesagt. Seitdem ist der ASC tatsächlich noch mal tätig geworden. Sogar drei Mal: Tim Kallenbach kam vom TuS Haltern am See, Qlirim Gashi von Westfalia Herne und Noah Schulz spielte zuletzt für den TuS Sinsen. Die Neuzugänge seien mit Sicherheit auch eine Reaktion auf die kommende Mammut-Saison, aber diese sei nicht der einzige Grund, erklärt Habibovic.

Vereine könnten einen Corona-Verdacht als Ausrede nutzen

Nach der langen Spielpause habe es bereits wieder die ersten Verletzten gegeben. Ein Problem, welches sich durch alle Spielklassen zieht. Beispielsweise gab es beim ersten Testspiel in Haltern zwischen zwei Kreisligisten schon nach sieben Minuten die erste Verletzung ohne Fremdeinwirkung - am Ende musste Marbecks Marius Klöpper Huckepack genommen und vom Platz getragen werden.

Es wird wahrscheinlich nicht die einzige Verletzung bis zum Saisonstart am 6. September sein. Und auch danach bleibt die Verletzungsgefahr groß. Vor allem für Teams, die über einen nicht ganz so großen Kader verfügen, könnte die kommende Saison mit seinen zahlreichen Spielen schwierig werden. Denn mehr Partien bedeuten vor allem auch eine höhere Belastung, eine daraus resultierende größere Verletzungsgefahr und wahrscheinlich auch mehr Sperren.

Und ob die Saison - mit Blick auf wieder steigende Corona-Fallzahlen - wirklich Anfang September starten kann, scheint auch noch ungewiss. Der FLVW ist zumindest optimistisch, möchte am Startdatum bislang noch festhalten. „Wir hoffen natürlich, dass die Saison dann startet“, sagt auch Herberns Benjamin Siegert. Aber mit Blick auf eine mögliche zweite Infektionswelle müsse man natürlich aktuell und in den kommenden Monaten besonders vorsichtig sein. Zudem sieht er in den Corona-Fällen noch eine Gefahr für den fairen sportlichen Wettbewerb.

„Man kann auch Wettbewerbsverzerrung daraus machen.“ Sollten sich beispielsweise mal einige (Top-)Spieler eines Vereins im Urlaub befinden oder aus anderen Gründen nicht spielen können, könne ein Verein theoretisch einen Corona-Verdachtsfall als Ausrede nutzen, um das Spiel zu verschieben. Aber „ich hoffe, dass sich alle an den fairen Sport halten“, so Siegert. Eine berechtigte Sorge ist das aber allemal. Und es ist nicht das einzige Problem, welches die Amateurfußballer in der kommenden Spielzeit, der „Corona-Saison“, beschäftigen wird.

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