Es ist wohl das größte Abenteuer der Familie Amendt: Mit drei Kindern wandern Sebastian und Hannah Amendt nach Chile aus. Nach einem tränenreichen Abschied wächst nun die Vorfreude.

Haltern

, 05.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

12.131 Kilometer trennen Haltern am See von der chilenischen Stadt Viña del Mar. Eine Entfernung, wie 1394 Mal um den Halterner Stausee joggen, oder 2696 Mal vom Halterner zum Sythen Stadtzentrum fahren, oder 30.328 Mal um den Fußballplatz der Stauseekampfbahn laufen. Bislang verband die Seestadt und die Stadt im Westen Chiles nichts, doch das ändert sich jetzt. Denn für Sebastian und Hannah Amendt - Jugendtrainer des TuS Haltern - und ihre drei Kinder beginnt eine Reise ins Unbekannte. Schon die Vorbereitung hielt für die Amendts allerdings Überraschungen bereit. „Total absurd“, sagt Hannah Amendt. Zwischenzeitlich stand ihr Umzug auf der Kippe.

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Bis zum 13. Januar trainierte das Ehepaar noch die D-Jugend-Fußballer des TuS Haltern. Bei den Hallenstadtmeisterschaften saßen sie ein vorerst letztes Mal auf der Trainerbank. Zum Abschied gaben ihre Spieler - zu denen auch ihr ältester Sohn Leo gehörte - noch einmal alles und gewannen das Turnier in ihrer Altersklasse mit 23:0 Toren und ohne Punktverlust. Dann folgte ein tränenreicher Abschied.

„Momente wie der Gewinn der Hallenstadtmeisterschaft und die darauffolgende Verabschiedung waren schwer“, sagt Hannah Amendt. Auf der anderen Seite nimmt die Vorfreude auf das große Abenteuer Chile aber immer mehr zu, trotz aller Unwägbarkeiten.

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Nun ist für die beiden Trainer das Kapitel TuS Haltern vorerst beendet. „Als Gymnasiallehrer hat sich mein Mann schon vor längerer Zeit für einen Auslandsdienst beworben“, erzählt Hannah Amendt. Auf einer Plattform habe es dann verschiedene Angebote aus unterschiedlichen Ländern gegeben, erklärt die Sozialpädagogin. Die Möglichkeit, nach Chile zu gehen, habe sich dann „so gut angehört“, dass die Familie sich für einen zweijährigen Aufenthalt in Viña del Mar entschied.

Die über 300.000 Einwohner große Stadt liegt an einer Bucht des Pazifiks. Damit war schon mal ein Kriterium von Familie Amendt erfüllt: Denn es sollte auf jeden Fall ans Meer gehen, gerne in einem Land mit warmen Temperaturen. Außerdem sollte es mit Blick auf die drei Kinder ein verhältnismäßig sicheres Land sein, sagt Hannah Amendt. Allerdings wird die Familie sich umstellen müssen.

Deutsch als neues Unterrichtsfach

Gemeinsam mit dem fünfjährigen Ole, dem achtjährigen Paul sowie dem zwölfjährigen Leo geht das Ehepaar Anfang Februar auf Reisen, mit einem kleinen Zwischenstopp in Lissabon. „Um ein bisschen Urlaub zu machen“, erklärt Hannah Amendt. Drei Tage später wartet dann das große Abenteuer Chile auf die „fußballverrückte Familie“, wie der 35-jährige Sebastian Amendt sie nennt.

Bis zum 31. Januar war er noch Lehrer am Hittorf-Gymnasium in Recklinghausen. Während er dort als Spanisch- und Sportlehrer arbeitete, wird er in Chile künftig an der deutschen Schule Valparaíso Deutsch unterrichten. „Es stand sogar im Raum, noch Biologie auf deutsch zu lehren“, sagt er. Der Wechsel nach Chile wird für ihn eine Umstellung: Denn hier gibt es die sogenannte „Präsenzzeit“, die es so in Deutschland nicht gebe. In dieser Zeit müsse der Lehrer immer in der Schule sein, auch wenn er gar keinen Unterricht habe. In Deutschland könne jeder Lehrer selbst entscheiden, wo er zwischen seinen Unterrichtszeiten sei, erklärt er. „Was ich genau in der Zeit mache, das weiß ich noch gar nicht“, sagt er.

Spanisch- und Sportlehrer Sebastian Amendt wird in Chile an der Schule Valparaíso Deutsch unterrichten.

Spanisch- und Sportlehrer Sebastian Amendt wird in Chile an der Schule Valparaíso Deutsch unterrichten. © Jürgen Patzke

Dennoch sei er durch die Präsenzzeit auch „etwas weniger flexibel“. Ein weiterer Unterschied ist das Schulsystem: Dort sind sowohl der Kindergarten als auch die Grundschule und die weiterführende Schule in einem Komplex untergebracht. Amendt wird wahrscheinlich Schüler der sechsten bis elften Jahrgangsstunde unterrichten. Auch wenn in seinem Vertrag festgehalten ist, dass er erst ab der siebten Klasse unterrichtet. Doch da er als Gymnasiallehrer in Deutschland Schüler ab der fünften Klasse unterrichtet, habe man in Valparaíso entschieden, er könne auch sechste Klassen übernehmen.

Verträge rechtzeitig kündigen

Seit Oktober stand fest, dass die Familie ab Februar in Viña del Mar leben wird. Seitdem hatten Hannah und Sebastian Amendt alle Hände voll zu tun. Dabei hat das Ehepaar die Aufgaben untereinander aufgeteilt. Während ihr Mann alles klärte, was Chile betraf, „war ich mehr für alle Angelegenheiten in Deutschland zuständig“, sagt Hanna Amendt, die in einem bilingualen Kindergarten arbeiten wird. Sie machte sich einen Plan.

„Zuerst habe ich alle Verträge gekündigt“, erklärt die Trainerin. Doch das war beim Mietvertrag gar nicht so einfach. Denn die Familie besitzt ein Eigenheim. Das Haus zwei Jahre lang unbewohnt zu lassen, sei allerdings keine Option gewesen. Daher hat sie mit ihrem Mann einen Zwischenmieter gesucht, erzählt die dreifache Mutter. „Wir wollten aber ehrlich sein“, sagt sie. Daher wurde von Beginn an kommuniziert, dass das Haus nur für zwei Jahre zu vermieten sei.

Nur zwei Koffer pro Person

Drei Monate hätte es gedauert, ihre Möbel nach Chile zu überführen. Daher hat sich die Familie dagegen entschieden. „Möbel sind uns eh nicht so wichtig“, sagt Sebastian Amendt.

Da die Familie auch sonst nicht viel mit nach Chile nimmt, werde es ein Zimmer im Haus in Haltern geben, der als eine Art Lagerraum fungiert. Die Familie will nur „Kleidung und die wichtigsten Spielsachen mitnehmen“, erzählt Hannah Amendt. Vor allem ihrem jüngsten Sohn Ole sei Letzteres besonders wichtig. „Wir nehmen im Prinzip alles mit, was wir tragen können“, sagt Sebastian Amendt.

Mehr als zwei Koffer pro Person könne seine Familie sowieso nicht mitnehmen, daher werde es beim Packen wichtig sein, „sich aufs Wesentliche zu konzentrieren“. Auf ein Auto wird seine Familie allerdings nicht so lange verzichten müssen, verrät der dreifache Vater.

Stressige und teils „total absurde“ Behördengänge

Hannah Amendt, die selbst nur ein bisschen Spanisch beherrscht, kümmerte sich auch um die Krankenversicherung der Familie. Versichert bleiben die Amendts auch weiterhin in Deutschland. Das gebe der Familie „mehr Sicherheit“, da das chilenische Krankenversicherungssystem anders als in Deutschland sei, so die 34-jährige Sozialpädagogin. Und da gab es noch die Behördengänge:

Besonders wichtig war auch die Übersetzung aller Zeugnisse und Unterlagen, erklärt sie. Diese mussten zur Beglaubigung zum Konsulat nach Frankfurt geschickt werden. Über die vielen Behördengänge habe die Familie merhmals „ein wenig schmunzeln“ müssen, erzählt sie. „Total absurd“ sei es zum Beispiel, dass sie die gleichen Dokumente teilweise dreimal beglaubigen lassen musste. Die Organisation „ist viel Arbeit und kostet viele Nerven“, gesteht sie.

„Momente, in denen man verzweifelt“

Ende November habe sie dann alle Unterlagen fertig gehabt und zum Konsulat nach Frankfurt geschickt. Nach den Weihnachtsfeiertagen erkundigte sie sich nach dem Status ihrer Unterlagen. Doch „die waren nie angekommen“, sagt sie. Ein Blick auf die Sendungsverfolgung zeigte: Das Paket mit allen Unterlagen wurde zwar eingereicht, aber nie verschickt.

Hannah Amendt kümmerte sich für den bevorstehenden Umzug vor allem um alle Angelegenheiten in Deutschland.

Hannah Amendt kümmerte sich für den bevorstehenden Umzug vor allem um alle Angelegenheiten in Deutschland. © Jürgen Patzke

Ihr Umzug stand „schon etwas auf der Kippe. Das sind so Momente, in denen man verzweifelt“, sagt Hannah Amendt. Es wäre niemals möglich gewesen, alle Dokumente erneut zu bearbeiten und dann noch nach Frankfurt zu schicken, erklärt sie. Doch die Familie hatte Glück: Es dauerte nur wenige Tage bis die Post die verschwundenen Unterlagen fand und noch rechtzeitig an das Konsulat nach Frankfurt schickte.

Währenddessen war Sebastian Amendt damit beschäftigt, von Deutschland aus alles zu klären, damit in Chile bei ihrer Ankunft im Februar alles reibungslos abläuft. Das Wichtigste sei dabei die Besorgung der „Rol Único Tributario“ (RUT) gewesen. Diese Nummer sei vergleichbar mit der deutschen Identifikationsnummer. „Ohne die geht da gar nichts“, erklärt er. Diese kann er aber erst vor Ort beantragen.

Fußball hilft, Anschluss zu finden

Genug Zeit werden sie auf jeden Fall nach den ersten drei Nächten haben. „Denn die erste Woche werden wir als Eingewöhnungszeit nutzen“, sagt Sebastian Amendt. Unter anderem will das Ehepaar dann entscheiden, in welchen Jahrgangsstufen ihre Kinder landen. In dieser Zeit will er dann auch einen geeigneten Fußballverein für seine Söhne finden. Denn für seine Kinder wird die „erste Zeit sicher nicht ganz so einfach“. Der Sport soll helfen.

Das Fußballspielen könne ihren drei Söhnen die Eingewöhnung und Integration bestimmt erleichtern, so Hannah Amendt. Fußball mache es „einfacher, Anschluss zu finden“. Daher hat die Suche nach einem passenden Verein auch oberste Priorität.

Der älteste Sohn Leo Amendt erhielt von seinen Mitspielern zum Abschied noch ein Geschenk. Auch in Chile wird er voraussichtlich weiter in einem Verein Fußball spielen.

Der älteste Sohn Leo Amendt erhielt von seinen Mitspielern zum Abschied noch ein Geschenk. Auch in Chile wird er voraussichtlich weiter in einem Verein Fußball spielen. © Jürgen Patzke

Eine Wohnung muss die Familie nicht mehr suchen. „Von Deutschland aus habe ich eine Unterkunft nahe der Schule gefunden“, sagt Sebastian Amendt. Dort werden die fünf allerdings nicht ewig wohnen: „Wir werden nicht sehr lange bleiben“, erklärt er. Später wolle er mit seiner Frau „nach einer dauerhaften Wohnung suchen“.

Viel Unterstützung in Chile

Bei der Organisation ihres zukünftigen Lebens im weit entfernten Chile bekam die Familie viel Unterstützung. Generell sei ihm aufgefallen, wie freundlich und hilfsbereit viele Chilenen seien, erzählt Sebastian Amendt. Doch auch von deutscher Seite wurde ihm viel geholfen. Besonders der stellvertretende Schulleiter seines künftigen Arbeitgebers habe ihm sehr geholfen, sagt er. Dieser sei ebenfalls Deutscher und lebe schon lange in Chile.

Ein weiterer sehr hilfreicher Kontakt war schon vor über zwei Jahren entstanden, als Sebastian Amendt mit einem Spanischkurs die chilenische Partnerschule des Hittorf-Gymnasiums besuchte. Zu einer deutschen Lehrkraft der Partnerschule habe er auch heute noch Kontakt. „Er hat uns viele Tipps gegeben“, sagt der Lehrer.

Vorfreude beim Jüngsten, gemischte Gefühle beim Ältesten

Ihre drei Kinder reagieren derweil sehr unterschiedlich. „Ole ist es wichtig, bei seiner Familie und seinen Kuscheltieren zu sein“, erzählt Hannah Amendt. „Er freut sich auf das Meer, die Schule und das Abenteuer.“ Das mittlere Kind Paul hingegen „möchte überhaupt nicht weg“. Der zwölfjährige Leo „geht sehr erwachsen damit um“, sagt seine Mutter. Auch er wolle zwar lieber in Haltern bleiben, aber sei auch gleichzeitig auf das neue Leben an dem für ihn noch unbekannten Ort gespannt.

Kehren die Amendts also gar nicht mehr nach Haltern zurück? Geplant sind zwei Jahre in Chile. Früher oder später wird man die Amendts also bestimmt wieder in Haltern auf dem Fußballplatz und der Trainerbank sehen.

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