Nach dem Aufstieg aus der Oberliga Westfalen ist der TuS Haltern am See im Sommer in das „Abenteuer Regionalliga West“ gestartet. TuS-Sportdirektor Sascha Kopschina zieht ein Zwischenfazit.

Haltern

, 21.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Zwischenzeitlich kletterten die Regionalliga-Fußballer des TuS Haltern am See auf Platz vier. Zum Jahreswechsel allerdings belegen die Halterner Rang 15 und damit einen Abstiegsplatz. „Unterm Strich ist Platz 12 bis 19 unsere Champions League“, sagt Halterns Sportdirektor Sascha Kopschina im Interview.

Herr Kopschina, die sportlichen Erfolge des TuS Haltern in der Vergangenheit wurden häufig als „historisch“ umschrieben. Nervt Sie dieses Wort eigentlich schon?

Ich finde es mittlerweile abgegriffen. Wir durften historische Erfolge erleben, aber jetzt sind wir in der Regionalliga angekommen. Das ist einfach spannend.


Was genau finden Sie spannend?

Jeder Spieltag ist eine Herausforderung, sowohl in der Vor- als auch in der Nachbereitung. Wir befinden uns in der national vierthöchsten Spielklasse, einer Liga, die Amateurliga, Profiliga und Ausbildungsliga zugleich ist. Wir als Amateurverein sind den sportlichen und strukturellen Ansprüchen in dieser Liga kaum gewachsen, was wir in der Hinserie aber oftmals gut kompensieren konnten. Das darf man deutlich so sagen.


Ist die Regionalliga also eine Zwei- oder sogar Dreiklassengesellschaft?

Ich glaube schon. Das Wettrüsten einiger Klubs geht meistens zu Lasten der kleinen Vereine, die finanziell einfach nicht mithalten können, wenn sie sich nicht selbst zerstören wollen. Grundsätzlich sollte der Verband überlegen, wie man das künftig besser lösen will, um weitere Insolvenzen, wie jüngst in Wattenscheid oder Nordhausen, vermeiden zu können.

Wie zum Beispiel?

Das Lizensierungsverfahren könnte im Hinblick auf finanzielle und betriebswirtschaftliche Aspekte verbessert werden. Aktuell fordert der Verband eine Kaution in Höhe von 30.000 Euro von den jeweiligen Vereinen. Vielleicht würde da eine Deckelung der Budgets, nach unten wie nach oben, mehr Sinn machen. Der Verband könnte mehr Transparenz schaffen, indem er die Vereine dazu auffordert, ihre Fußballabteilungen auszugliedern und eine Art Businessplan mit Leistungszielen einzureichen. Im Detail müsste man das in einem Konzept erarbeiten. Man sollte auf jeden Fall versuchen, mehr wirtschaftliche Transparenz und Kompetenz zu schaffen. Die Amerikaner machen uns da in vielen Bereichen was vor.

Was war ihr persönliches Highlight in der bisherigen Saison?

Der Auftakt mit dem 1:0-Sieg gegen Lotte durch den Treffer von Stefan Oerterer war ein überragendes Erlebnis. Vor 6000 Zuschauern auf dem Aachener Tivoli einzulaufen war ebenfalls sehr beeindruckend. Auch das Heimspiel in Haltern vor fast 2000 Zuschauern gegen die Zweitvertretung von Borussia Dortmund war sicher ein Highlight.

In der Tabelle steht der TuS derzeit auf einem Abstiegsplatz. Ist das Niveau in der Regionalliga West zu hoch?

Klar müssen wir uns mit Vereinen messen, die unter Profibedingungen arbeiten. Aber das ist ja auch das Spannende. Unterm Strich ist Platz 12 bis 19 unsere Champions League. Das ist doch logisch. Wir sind aber konkurrenzfähig. Das haben die Spiele der Hinrunde gezeigt.

Kopschina im Interview: „Sehe uns ein wenig als den SC Freiburg der Regionalliga“

Der Vertrag mit Halterns Trainer Magnus Niemöller (r.) wurde um zwei Jahre verlängert. © Blanka Thieme-Dietel

Am Anfang der Saison lief es jedoch besser als zuletzt. Ist die zunehmende Belastung und Intensität ein Problem?

Definitiv. Unsere Jungs gehen morgens zur Arbeit, abends auf den Trainingsplatz und spielen neben der Meisterschaft, anders als die U-23-Mannschaften der Lizenzvereine, noch nebenbei in zwei Pokalwettbewerben. Da existiert schon eine gewisse Wettbewerbsverzerrung. Das ist ein absoluter Fulltime-Job. Es ist ganz klar, dass dann irgendwann auch mal die Körner fehlen. Sicher sind wir auch ein Stück weit berechenbarer geworden. Wir werden schließlich von Scouts anderer Vereine regelmäßig beobachtet. Das war in der Ober- oder Westfalenliga noch nicht der Fall.

Droht dem TuS Haltern im Falle eines Abstiegs der sportliche Untergang?

Das glaube ich nicht. Wir werden sicher im Sommer wieder vor einem personellen Umbruch stehen. Aber das ist der übliche Lauf der Dinge und dieser Herausforderung stellen wir uns. Wir wirtschaften vernünftig und werden auch in Zukunft keine Drahtseilakte machen - auch im Hinblick auf die Kaderplanung. Ich sehe uns ein wenig als den SC Freiburg der Regionalliga. Wir müssen und wollen es einfach immer wieder schaffen, aus den begrenzten vorhandenen Mitteln das Maximum herauszuholen.


Ronald Schulz hatte im Sommer seinen Rücktritt als Abteilungsleiter erklärt. Wer ist sein Nachfolger?

Unsere Sicherheitsbeauftragte und Rechtsexpertin Julia Donnepp hat die Leitung der Abteilung übergangsweise kommissarisch übernommen. Viele, insbesondere unserer Geschäftsführer Martin Reismann, unterstützen sie. Zu Beginn des neuen Jahres ist eine Abteilungsversammlung geplant. Julia Donnepp wird sich dann auch offiziell zur Wahl stellen.

Trainer Magnus Niemöller gilt als akribisch und ehrgeizig. Wie sehr leidet er, wenn es, so wie in den letzten Spielen, sportlich nicht so läuft?

Es ist eine große Herausforderung für uns alle, aber wir nehmen die Situation an. Wir müssen uns alle nahezu täglich neu erfinden. Der Trainer nimmt die Mannschaft dabei noch stärker in die Verantwortung. Wir haben ein Grundgesetz und ein Kabinett beschlossen, um die vielfältigen Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen. Nils Eisen ist beispielsweise unser Bundeskanzler, Lukas Diericks unser Bundespräsident und Stefan Oerter der Vergnügungsminister. Es gibt nicht mehr nur den klassischen Mannschaftsrat, sondern ganz viele verschiedene Funktionen. Über allen steht natürlich der Sportdirektor (lacht).

Sollte man vielleicht auch über einen Bauminister nachdenken? Infrastrukturell hat sich beim TuS Haltern in den letzten Jahren ja nicht viel getan...

Wir haben aufgrund der gescheiterten Pläne eines Stadionneubaus kurzfristig mit der Schaffung eines eingezäunten Gästebereichs und der Installation von festen Sitzbänken eine minimale Maximallösung umgesetzt. Das war auch Bedingung, um die Auflagen des Verbands erfüllen zu können. Natürlich wäre eine Modernisierung der Stauseekampfbahn aus unserer Sicht weiterhin sehr wünschenswert - eine Flutlichtanlage auf unserem Hauptplatz zum Beispiel. Das ist zwar nicht vorgeschrieben, würde uns aber im Hinblick auf Nachholspiele eine Menge erleichtern. Am liebsten hätten wir natürlich eine Sportstätte, die es uns ermöglicht, auch die sogenannten Sicherheitsspiele gegen Essen oder Aachen vor Ort in Haltern austragen zu können.

Kopschina im Interview: „Sehe uns ein wenig als den SC Freiburg der Regionalliga“

Zwischenzeitlich kletterten die Halterner auf Rang vier. © Grafik Dittgen

Ist genau das womöglich von Stadt, Politik und Bürgern gar nicht gewünscht?

Im Hinblick auf Stadt und Politik stellt sich ja erstmal die Frage, was kann und will sie leisten. Soll das vorhandene Image als Sportstadt weiter ausgebaut werden? Sind Investitionen in die vorhandenen Sportstätten möglich und wenn ja, in welchen Umfang? Ist die Personalsituation in der Verwaltung für entsprechende Vorhaben ausgelegt? Das sind nur einige Grundsatzfragen, denen viele Städte ausgesetzt sind. Durch Sparzwänge sind die meisten Kommunen jedoch in ihrer Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt. Daher haben wir in diese Richtung auch nie einen Vorwurf erhoben. Am Ende war es für uns auch ein großer Lernprozess.

Wie sieht der Plan des Vereins mittelfristig konkret aus?

Wir haben neben der Verbesserung der Infrastruktur weitere Themen, die uns beschäftigen. Sicher werden wir da auch zeitnah mal mit unserem Gesamtvorstand intern diskutieren, wie ein Konzept für die nächsten drei bis fünf Jahre aussehen könnte. Die übergeordnete Frage lautet, können und wollen wir den Leistungssport in Haltern etablieren?

Wie könnte dies möglich sein?

Es macht immer Sinn, die in einer Stadt vorhandenen Kompetenzen zu bündeln. Im Bereich Wirtschaft lebt es die gegründete Initiative „Haltern am See tut gut“ sehr gut vor. Dort finden sich engagierte Unternehmer zusammen, um gemeinsam Fortschritte zu machen und Prozesse voranzutreiben. Warum sollte man das nicht langfristig auch auf den Sportbereich übertragen? In unserer Stadt gibt es viele gute Vereine, mit vielen kompetenten Menschen. Ich fände es spannend, mittelfristig über einen großen Dachverein nachzudenken. Sicher würde man damit eine große Diskussion anstoßen. Das ist klar. Ich fände es nur schade, wenn wir uns nicht damit beschäftigen. Es gibt bestimmt viel Potenzial, das bislang noch nicht zur Geltung gekommen ist.

Können Sie das noch etwas konkretisieren?

Letztlich ist es doch so: Wir gehen zusammen auf das Heimatfest, wir feiern zusammen Schützenfest, aber beim Sport gibt es noch die, aus meiner Sicht, völlig überholten innerstädtischen Rivalitäten. Das verstehe ich nicht. Diese Zöpfe sollte man abschneiden. Ich glaube das könnte in der Praxis auch funktionieren und zu fruchtbaren Ergebnissen führen. Der vom Stadtsportverband gegründete Arbeitskreis im Jugendfußball ist hier als positives Beispiel zu nennen. Hier setzen sich Vertreter aller Vereine am runden Tisch regelmäßig auseinander, sachlich und häufig auch sehr kritisch. Aber sie verfolgen gemeinsam ein Ziel, die Förderung der Nachwuchsarbeit.

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Christoph Metzelder hat sein Amt als Vorsitzender ruhen lassen, nachdem bekannt wurde, dass ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet worden ist. Wie sehr fehlt seine Kompetenz im Verein?

Im sportlichen Bereich haben wir die wesentlichen Entscheidungen schon immer alleine getroffen. Er hat sich da nie eingemischt. Natürlich fehlt er uns als Fan.

Wer ist für Sie Gewinner und Verlierer der bisherigen Saison?

Eigentlich haben wir alle nur gewonnen. Wir haben viele emotionale Momente erlebt, viele neue Erfahrungswerte sammeln dürfen. Große Gewinner ist unser neu gegründeter Förderverein für die Jugendabteilung. Auch die Unterstützung der ehrenamtlichen Helfer möchte ich nicht vergessen, ohne die so ein reibungsloser Ablauf nicht möglich gewesen wäre. Ein Gewinner ist für mich aber auch Stefan Oerterer. Er hat sich seinen großen persönlichen Traum von der Regionalliga erfüllt und wird diesem auch gerecht, weil er weiter alles für sein Team gibt und mit großem Ehrgeiz bei der Sache ist.

Abschließend, was sind Ihre sportlichen Wünsche für das neue Jahr?

Sportliche Zufriedenheit. Der Klassenerhalt wäre sicher eine schöne Belohnung für alle, die das Abenteuer Regionalliga zusammen angegangen sind und abarbeiten. Aktuell liegen wir ja 15 Punkte vor unseren Erwartungen (lacht). Ein Abstieg in die Oberliga wäre aber auch kein Weltuntergang.

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