TuS Haltern will künftig nach spanischem Vorbild auf Talente setzen

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Der Regionalligist TuS Haltern am See entscheidet sich ab der neuen Saison für einen Strategiewechsel bei der Ausrichtung des Vereins. Vorbild ist der spanische Erstligist Athletic Bilbao.

Haltern

, 30.04.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Unabhängig von den Entscheidungen im deutschen Profi- und Amateurfußball in den kommenden Wochen und Monaten entscheidet sich der Regionalligist TuS Haltern am See ab der kommenden Saison für einen Strategiewechsel bei der Ausrichtung des Vereins. Vorbild ist der auch in Corona-Zeiten wirtschaftlich gesunde und sportlich erfolgreiche spanische Europacup-Teilnehmer und Erstligist Athletic Bilbao, der ausschließlich auf Spieler aus der eigenen Jugend und dem Baskenland setzt.

Talent- statt Investorensuche

War in den letzten zehn Jahren die Arbeit vom Aufstieg aus der Bezirksliga bis in die Regionalliga und der Professionalisierung des Jugendbereichs geprägt, haben die Verantwortlichen nun die Corona-Zeit zum nächsten Schritt - „der Verschmelzung von größtmöglichem sportlichem Erfolg mit lokalen Werten und Bedürfnissen“ – genutzt.

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„Wir sind der festen Überzeugung, dass es in den nächsten Jahren nicht nur um höher, weiter und schneller, sondern auch um sozialer, gerechter und nachhaltiger geht. Und deshalb gehen wir mit unserer neuen Sport- und Gemeinwohl-Strategie lieber auf Talent- statt Investorensuche und entscheiden uns für ein Konzept, welches den sportlichen Bedürfnissen der Halterner Bevölkerung, den demographischen Veränderungen und den infrastrukturellen Voraussetzungen der Seestadt Rechnung trägt“, so Raphael Brinkert, langjähriger Jugendspieler und heutiger Marketingchef des TuS Haltern am See.

Mit dem Aufstieg in die Regionalliga West und den Punktspiel-Siegen gegen Alemannia Aachen, den Sportfreunden Lotte oder dem Unentschieden gegen Rot-Weiß Essen konnte der Heimatverein von Weltmeister Benedikt Höwedes, Sergio Pinto und den Metzelder-Brüdern in dieser Saison durchaus sportliche Ausrufezeichen setzen. Gleichzeitig mussten die Seestädter aufgrund fehlender infrastruktureller Voraussetzungen auf der städtischen Anlage fast jedes zweite „Heimspiel“ in Nachbarstädten austragen. Auch personell rekrutierte sich der Regionalligist – wie viele andere Teams in den obersten Amateurklassen auch – vermehrt aus der Jugendabteilungen der Profiteams aus dem Ruhrgebiet statt aus der eigenen Talentschmiede.

Damit soll nun Schluss sein: Ab der kommenden Saison haben sich die Verantwortlichen zu dem radikalen Weg entschieden, dass alle Senioren-Mannschaften des TuS Haltern am See eine Mindest-Quote von Spielern aus der Seestadt erfüllen müssen. Das Konzept startet zur Saison 20/21 mit einem Seestadt-Anteil von 50 Prozent und steigert sich zur Saison 21/22 sogar auf 75 Prozent. So sollen in Zukunft Spieler, die in Haltern am See geboren oder aufgewachsen sind, in Haltern am See wohnen oder aus der eigenen Talentschmiede kommen, den Großteil der Senioren-Mannschaften ausmachen.

Raus aus dem Hamsterrad

„Corona stellt eine Zäsur für den Profi- und Amateurfußball da. Bereits im letzten Jahr haben wir deutlich gemacht, dass dem Wahn bei Gehältern, Sicherheitsmaßnahmen und Verbands-Auflagen im ambitionierten Amateurfußball Einhalt geboten werden muss, wenn wir nicht wöchentlich über Insolvenzen im Vereinssport reden wollen.

Aus diesem Hamsterrad steigen wir nun freiwillig aus und konzentrieren uns auf das, was uns groß gemacht hat: Die besten Spieler und Talente aus der schönsten Seestadt der Welt, Haltern am See“, so TuS-Sportdirektor Sascha Kopschina, der den Schwerpunkt seiner künftigen Arbeit insbesondere in der strategischen Neuausrichtung, der Verzahnung von Senioren- und Talentschmiede sowie dem Auf- und Ausbau von Kooperationen mit anderen Sportvereinen in der Seestadt sieht.

Über personelle und sportliche Konsequenzen aus der Neuausrichtung sowie Veränderungen im Kader will der Verein in Kürze berichten. Neu im erweiterten Strategie-Stab ist der ehemalige Jugendspieler und Fußball-Weltmeister Benedikt Höwedes, der in seiner Heimatstadt weilt und langfristig an den Verein gebunden werden soll.

  • Athletic Club de Bilbao ist ein Fußballverein aus dem Baskenland in Spanien, der in der Primera División spielt. Zusammen mit dem FC Barcelona und Real Madrid ist es der einzige Klub, der seit Gründung der spanischen Liga 1929 ohne Unterbrechung erstklassig war.
  • Im Norden Spaniens, spielen mit Bilbao, Real Sociedad, SD Eibar, CA Osasuna und Deportivo Alaves gleich fünf baskische Klubs in Spaniens erster Liga. Doch während die regionale Konkurrenz Ausnahmen zulässt, spielen bei Athletic ausschließlich Profis mit baskischen Wurzeln oder Spieler, die im Baskenland die fußballerische Ausbildung absolviert haben. Bilbaos Spieler legen eine große Loyalität zu dem Verein an den Tag und verbringen teilweise ihre gesamte Karriere im rot-weißen Trikot.
  • Der 111 Jahre alte Klub nutzt ein ausgeklügeltes Scouting-System, das mittlerweile sogar weltweit nach guten Nachwuchsfußballern mit baskischen Vorfahren fahndet. Rekrutiert wurden und werden auch französische Basken wie der spätere Bayern-Verteidiger Bixente Lizarazu.
  • Trotz dieser strikten und stark einschränkenden Vorgabe können sich die Erfolge von Bilbao durchaus sehen lassen. So ist das Team mit 34 Titeln im Lauf der Klubgeschichte hinter dem FC Barcelona und Real Madrid, mit jeweils über 90 Trophäen im Schrank, der dritterfolgreichste Klub in Spanien.
  • Durch die aktuelle Corona-Krise könnte Bilbao zumindest mittelfristig wieder auf Augenhöhe mit Spaniens Top-Duo kommen. Denn im Unterschied zur spanischen Elite ist Athletic frei von Schulden und hat ein prall gefülltes Festgeldkonto in Höhe von knapp 190 Millionen Euro, wie die letzten Finanzberichte des Klubs zeigen. Zudem haben sie mit dem San Mames eines der modernsten Stadien in Spanien in ihrem Besitz und damit eine perfekte Infrastruktur.
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