Ein Abenteuer jagte das nächste für den Regattasegler Gerd Becker in seiner langen Laufbahn. Und für den 57-jährigen Halterner ist noch lange nicht Schluss.

Haltern

, 03.10.2020, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der 57-jährige Regattasegler Gerd Becker blickt auf eine lange und mit sechs deutschen Meistertiteln auch auf eine überaus erfolgreiche Sportkarriere zurück. In seinem Heimatverein, dem SC Prinzensteg, dem er seit mehr als 40 Jahren angehört, gibt er gerne sein seglerisches Fachwissen bei der Segelausbildung weiter.

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Begonnen hatte für ihn alles mit sechs Jahren auf der H-Jolle seiner Eltern. 1980 kaufte die Familie eine „Varianta“ und Becker blieb dieser Bootsklasse bis heute treu. Nach dem Tod des Vaters übernahm er das Boot und ist stolz darauf das dieses besondere Boot schon zweimal von der Klassenvereinigung bei der Messe „Boot“ in Düsseldorf ausgestellt wurde.

Vor 20 Jahren ging es los

Becker, der lange Zeit eigentlich nur aus Spaß an der Sache segelte, kam vor gut 20 Jahren erstmalig die Idee eines Regattastarts. Ein erster Start auf dem Möhnesee folgte. „Wegen fehlender Erfahrung war das Ergebnis eher bescheiden“, erzählt er lächelnd. Doch der Grundstein war gelegt, Becker hatte Spaß am Wettbewerb gefunden.

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Nach weiteren Starts und dem Ankauf eines neuen (gebrauchten) Boots, das er danach Schritt für Schritt in allen Details regattatauglich ausbaute, wagte er sich 2003 auch erstmals an das Abenteuer „Deutsche Meisterschaft“ auf dem Ratzeburger See. Begeistert von seiner allerersten Segelwoche unter professionellen Rennbedingungen, gelang es ihm, sich mit seinem Boot „Schneewittchen“ im Mittelfeld der Varianta-Klasse zu platzieren.

Auch mit seiner Tochter Maren segelt Gerd Becker regelmäßig.

Auch mit seiner Tochter Maren segelt Gerd Becker regelmäßig. © Horst Lehr

Doch der eigentliche Durchbruch gelang erst 2006, als er den bekannten Hamburger Segelmacher Frank Schönfeld kennenlernte und mit ihm eine Segelpartnerschaft einging.

Überraschenden Sieg widmete Becker seinem verstorbenen Vater

Vorschoter Becker und Steuermann Schönfeld hieß fortan das Team, das 2007 in ihre erste Deutsche Meisterschaft am Foggensee bei Füssen startete. Heraus kam dabei nach neun Wettfahrten ein so nie erwarteter, völlig überraschender Sieg. Schon nach dem achten Start, uneinholbar in Front liegend, war die neunte und letzte Wettfahrt für das Team nur noch ein Start pro forma. „Diesen Sieg widme ich meinem verstorbenen Vater“, waren Beckers Gedanken beim Einholen des Spinnakers.

Der Beginn einer beispiellosen Serie

„Wir haben damals einfach weniger Fehler gemacht als die anderen“, resümiert er. Niemand konnte allerdings ahnen, dass dies der Beginn einer wohl beispiellosen Serie sein sollte, die sich 2010 am Brombachsee in Nürnberg, 2014 beim „Segelclub Minden“ am Steinhuder Meer und 2015 beim „Segelclub Hansa“ in Ratzeburg fortsetzen sollte.

Danach folgten zwei titellose Jahre, in denen das Team „nur“ auf dem dritten Podestplatz landete. Doch schon 2017 stellten beide beim „Plöner Segelverein“ mit einem weiteren Sieg die alte Hackordnung wieder her und bestätigten 2018 beim „Lübecker Yachtclub“ im Rahmen der „Travemünder Woche“ mit einem weiteren klaren Sieg ihre herausragende Stellung in dieser Bootsklasse. 2019 wurde der Wettbewerb wegen Windmangel abgesagt.

Becker tauchte vergebens, aber gab nicht auf

Neben vielen besonderen Erlebnissen auf dem Wasser ist Becker der Start vor zwei Jahren in Travemünde in ganz spezieller Erinnerung geblieben. Bei hohem Wellengang hatte das Team vor dem Regattastart noch eine Testfahrt mit dem neuen Segel gemacht und sich dabei das Kielschwert „krumm gefahren“ und verklemmt. Becker tauchte noch, um es wieder wieder frei zu bekommen, doch Schönfeld winkte ab und erklärte lakonisch: „Ohne Schwert geht gar nichts.“

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Doch so leicht gab Becker, der Ersatz zu Hause liegen hatte, nicht auf. Er rief einen Bekannten an, bat diesen, das Schwert zu holen und vereinbarte mit ihm einen Treffpunkt auf der Autobahn bei Hannover. Dort übernahm er mitten in der Nacht das Teil, raste wieder zurück in den Hafen und konnte um 8 Uhr am nächsten Morgen einen Krantermin für den Einbau wahrnehmen. Ab 11 Uhr holte das Team an diesem Tag noch drei erste Plätze, wurde am zweiten Tag einmal als Sechster gewertet und gewann alle weiteren Wettfahrten souverän.

Am letzten Tag standen die Zeichen nicht gut - doch kein Problem für Becker und Schönfeld

2017 dagegen gerieten beide am Plöner See stark unter Druck. Man hatte am ersten Tag nur Platz 13 in der Gesamtwertung geschafft und nun musste zwingend Platz eins bei jeder weiteren Wettfahrt geholt werden, um noch die Chance zur Titelverteidigung zu wahren. Doch am letzten Tag standen die Zeichen nicht gut.

Nach einem völlig verpatzten Start lag das Team weit abgeschlagen im hinteren Feld als Schönfeld plötzlich das Kommando „Umlegen“ gab und keine 20 Meter weiter rief: „Das war unser Meisterschlag.“

Eine einzigartige Freundschaft verbindet Gerd Becker (l.) mit seinem Segelpartner Frank Schönfeld.

Eine einzigartige Freundschaft verbindet Gerd Becker (l.) mit seinem Segelpartner Frank Schönfeld. © Privat

Er hatte als einziger im Feld den kaum spürbaren Winddreher mehr geahnt als gespürt und sofort entsprechend reagiert. So rauschte man schon in Führung liegend zur nächsten Tonne und gab die Spitze bis ins Ziel auch nicht mehr ab. Hinter der Ziellinie wurden sie dann überraschend vom Juryboot gestoppt und Becker wunderte sich, was sie von ihnen wollten.

Unter gehisster Flagge in den Hafen begleitet: „Richtig Gänsehaut“

Doch schnell klärte sich alles auf und die neuen deutschen Meister wurden von einem fünf Boote starken Konvoi unter gehisster Flagge in den Hafen geleitet. „Da habe ich richtige Gänsehaut bekommen“, erinnert sich Becker. Mittlerweile ist aus der zuerst reinen Segelpartnerschaft eine echte Freundschaft geworden und so starteten beide auch bei der dreitägigen „Rheinwoche“, wo rund 100 Boote von Düsseldorf bis nach Arnheim segelten.

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Dieser Start entwickelte sich allerdings zu einem echten Abenteuer bei dem sie unterwegs fast gekentert wären und bei sehr starkem Wind mit voller Besegelung reichlich Wasser aufgenommen hatten. Darauf folgte Windstille und erst am letzten Regattatag gelang es dem Team, wenigstens noch einen Tagessieg heraus zu fahren.

„Ich werde weitermachen“

Becker, der seit einiger Zeit zusammen mit seiner Tochter auch bei Ranglisten-Regattas startet, hat mit der Ausbildung angehender Segler im heimischen Verein ein weiteres Betätigungsfeld gefunden. Er unterstützt schon seit vielen Jahren im „Praxisteam“ des Vereins die Anwärter für den Segelschein bei ihren ersten praktischen Manövern auf dem Wasser. „Ich werde weitermachen, denn Segeln ist für mich ein wichtiger Teil in meinem Leben und in der Deutschen-Meisterschafts-Woche bin ich ein anderer Mensch“, erzählt Becker stolz.

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