Eine Saison ohne Absteiger wäre nicht die erste im deutschen Fußball

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Noch ist aufgrund des Coronavirus nicht klar, wie die Verbände über den Fortlauf der Fußball-Saison entscheiden. Sollte es keine Absteiger geben, wäre das aber kein komplettes Novum.

von Dirk Buschmann

Lünen

, 04.04.2020, 15:31 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Idee, eine Saison ohne Auf- und Absteiger zu beenden und alles beim Alten zu belassen, ist so neu nicht. Sie wurde bereits einmal praktiziert - in den Jahren 1922 bis 1926 vom damaligen Westdeutschen Spielverband, freilich aus anderen Gründen als heute.

Europa nach dem ersten Weltkrieg: Statt der reihenweise gestürzten Monarchen regiert jetzt „König Fußball“. Überall entstehen neue Vereine, die Spiele locken immer mehr Zuschauer an. Die Verbände müssen fast alljährlich neue Ligen und Klassen formieren, um die neuen Teams unterzubringen. Auch der Westdeutsche Spielverband (WSV) plante für 1921 eine Spielklassenreform, an deren Ende fünf Gaue mit je einer obersten Liga stehen sollten.

Doch die Saison 1920/21 war erst zwei Monate später als geplant beendet. Der WSV sah sich von gleich zwei „Seuchen“ heimgesucht: Eine Prozessierwut der Vereine, mangels ausgereiften Regelwerks - und purer Gewalt. Die Menschen waren verroht und verelendet nach vier Jahren Krieg und Revolution. Kummer, Frust und Sorgen entluden sich im Stadion. Die Zeitungen strotzen von Berichten über „scharfes Spiel“ und „wildes Publikum“: Prügeleien, Platzstürme und Spielabbrüche waren an der Tagesordnung. Manches Spiel wurde wegen Protestes gar mehrmals wiederholt.

Reformkommission formt „neuen Weg“

Der allgemeine Unmut über diese Missstände ließ den WSV eine Reform-Kommission einberufen. Deren Vorschläge gingen als „neuer Weg“ in die Geschichte ein. Zuerst wurde die Zahl der Gaue von fünf auf sieben erhöht, wodurch Auswärtsfahrten verkürzt und Kosten gesenkt wurden. Lünen lag ab 1921 im neu gebildeten Gau VII „Westfalen“, genau auf der Grenze der Bezirke Recklinghausen und Hamm.

Die Saison 1921 wurde normal zu Ende gespielt, wonach es zwar Aufsteiger, aber keine Absteiger geben sollte. Die durch das große „Aufrücken“ gerissenen Lücken in den untersten Spielklassen wurden rasch gefüllt - zu jener Zeit wollten jedes Jahr dutzende Vereine dem WSV beitreten.

Saison sollte zwei Jahre dauern

Die künftige Saison sollte nicht ein Jahr, sondern zwei Jahre dauern: In der Saison 1922/23 sollte die Hinrunde, 1923/24 die Rückrunde ausgetragen werden. Hiervon erhoffte sich der Verband eine Beruhigung der Ligaspiele sowie genügend Zeit für Spielwiederholungen. Außerdem sollte es 1924 weder Auf- noch Absteiger geben: Die Vereine waren dadurch gezwungen, vier Jahre lang in derselben Liga zu verbleiben.

Der „neue Weg“ scheiterte an der Realität - die Ruhrbesetzung der Franzosen 1923, die galoppierende Inflation, der Zustrom neuer Vereine machten wieder neue Liga-Zuteilungen nötig. Nur die obersten „Gau-Ligen“ blieben in dieser Zeit ohne Auf- und Abstieg.

Hiergegen aber protestierten kommende Klubs wie der FC Schalke 04. 1926 gab der WSV das Zwei-Jahres-Modell wieder auf und kehrte zum Ein-Jahres-Rhythmus zurück.

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