„Wenn Hilfe nötig ist, wird unsere kleine Stadt manchmal ganz groß“

hzCorona-Krise

Die Umstände der Corona-Krise erinnern Renate Große Wiesmann vom TV Altlünen an ein Ereignis, in dem die Lüner ihre große Solidarität und Hilfsbereitschaft demonstriert haben.

Lünen

, 17.04.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Corona-Krise fordert von der Bevölkerung große Einschnitte im Alltag - nicht alle können damit gleich gut umgehen. Die Lüner aber zeigen sich in dieser fordernden Zeit hilfsbereit gegenüber Schwächeren, schreibt Tennisspielerin Renate Große Wiesmann vom TV Altlünen in ihrem Brief, den wir an dieser Stelle inhaltlich unverändert teilen. Große Wiesmann, die seit 1963 Mitglied des TVA ist, erinnert sich an dieser Stelle an ein besonderes Ereignis. Ihr Brief im Wortlaut.

Immer, wenn ich in diesen Tagen lange Menschenschlangen sehe, läuft in meiner Erinnerung ein Film ab. Und auch die vielen Hilfsangebote von Menschen, die anderen in dieser schweren Zeit beistehen wollen, erinnern mich immer wieder an einen ganz bestimmten Tag - an Sonntag, den 1. März 1998.

Als unser Vereinsmitglied Peter Weiß erfuhr, dass sein guter Freund und Tennispartner an Leukämie erkrankt war, beschlossen er und dessen Freundin eine groß angelegte Hilfsaktion. Aufgerufen durch Presse und Rundfunk wurden potentielle Knochenmarkspender gesucht. Professionelle Hilfe gab es nicht. Die Stefan-Morsch-Stiftung hatte sich nur bereit erklärt, die Blutuntersuchungen durchzuführen.

Suche nach Knochenmarkspender

Schon früh strömten am 1. März die Menschen nach Lünen. Schnell wurde klar, dass unser Clubhaus viel zu klein für dieses Unternehmen war. Durch Hilfe des Lehrers Werner Falkner wurde die Realschule zum Aktionsort geöffnet. Stoßstange an Stoßstange krochen die Autos über die Straßen und wurden von einem TVAler zur Schule dirigiert. Zusätzlich zu den sechs Mitarbeitern der Stefan-Morsch-Stiftung halfen Lüner Ärzte, Krankenschwestern und medizinisches Personal bei der Blutabnahme.

Polizei bringt neue Glasröhrchen nach Lünen

In drei Klassenzimmern arbeiteten 25 Personen ohne Pause, bis gegen Nachmittag die Glasröhrchen ausgingen. Aus Essen und Brambauer wurde Hilfe angefordert; mit Blaulicht bahnte sich danach die Polizei den Weg nach Lünen – 1000 neue Glasröhrchen im Gepäck. Die Zahl der Spendewilligen stieg unaufhaltsam: Zuerst 100, später 500, dann 1000; danach 2300, 3000, 3500!

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Unsere Gruppe vom TVA gab ebenfalls ihr Bestes: Bergeweise Brötchen, gestiftet durch Bäcker Möllmann; Berge von Aufschnitt, gestiftet durch Fleischerei Scharbaum; Hunderte von Kaffee- oder Teebechern und frisch gebackene Waffeln wurden für die so geduldig in langen Schlangen Wartenden herausgegeben.

Gegen 20 Uhr zählte man 4000 Spender, entweder mit einer Blutabgabe oder auch mit einem großzügigen Geldbetrag. An diesem Abend gab es niemanden, der nicht erschöpft war; aber auch jeder war gleichzeitig überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Bevölkerung - wegen dieser großen Resonanz wurde der kommende Sonntag noch einmal für eine Spendenaktion hinzugenommen - und wieder strömten Hunderte zur Realschule.

Erschüttert und unsagbar traurig mussten wir jedoch nach Wochen erfahren, dass Peters Freund an seiner schweren Krankheit doch verstorben war. Sein Schicksal bleibt für immer verbunden mit echter, ehrlicher Freundschaft, großer Solidarität, Mut und Lebenswillen und einer vorher nicht geahnten Hilfsbereitschaft so vieler Menschen aus Lünen und Umgebung. (Trotz unserer riesengroßen Enttäuschung war diese Hilfsaktion später sicherlich lebensrettend für einen anderen, auch suchenden Erkrankten – vielleicht sogar im Großraum Deutschland)

Große Hilfsbereitschaft in Lünen

Und auch in diesen Tagen lesen und hören wir immer wieder, wie groß die Hilfsbereitschaft in Lünen ist, wie viele sich der Schwächeren in unserem Stadtgebiet annehmen. Wenn Hilfe nötig ist, wird unsere kleine Stadt manchmal ganz groß. R.GW.

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