Fusion der Tennisclubs in Nordkirchen gestaltet sich schwierig - „wir passen nicht zueinander“

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Nordkirchen leistet sich zwei Tennisvereine. Der größere, TV Rot-Weiß Nordkirchen, kämpft gegen Mitgliederschwund. Die Fusion mit der benachbarten TG Blau-Weiß steht seit Jahren im Raum. Doch es gibt zahlreiche ideelle Hürden.

Nordkirchen

, 28.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schon seit vielen Jahren ist eine Fusion der beiden Nordkirchener Tennisvereine ein Thema. Erst im Februar machte die Gemeinde Nordkirchen im Sportausschuss deutlich, dass sie nicht bereit ist, Plätze zu sanieren, solange die Vereine angesichts schwindender Mitgliederzahlen eine Fusion nicht in Betracht ziehen. Absehbar ist das aber derzeit nicht.

Ein Nachbarschaftskrieg ist das Zusammenleben von Tennisverein Rot-Weiß und der Tennisgemeinschaft Blau-Weiß am Gorbach Nordkirchener keinesfalls. Es ist mehr eine ruhige Koexistenz. Hier die einen, drüben die anderen. Über viele Jahre lebten die beiden Tennisclubs mit eigenen Anlagen weitestgehend friedlich nebeneinander her, ohne echte Berührungspunkte zu haben. Das war auch so gewollt.

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Im Februar war die Tennisanlage des TV Rot-Weiß (etwa 200 Mitglieder) wieder Thema im Sportausschuss. Es ging um Platzsanierungen. Und damit um viel Geld, denn Generalüberholungen von Grunde auf sind teuer und kosten die Gemeinde vier- bis fünfstellige Beträge pro Feld.

Doch die Gemeinde machte deutlich, dass sie mit der derzeitigen Situation nicht zufrieden ist. „Wir haben zwei Vereine“, sagte Bauamtsleiter Josef Klaas vor etwa zwei Wochen, „bei denen wir angesichts zurückgehender Spielerzahlen die Frage stellen, ob eine Kooperation nicht sinnvoll ist.“

Vom Klubheim des TV Rot-Weiß blickt man auf die sechs Tennisplätze hinaus, die nicht mehr alle in einem guten Zustand sind.

Vom Klubheim des TV Rot-Weiß blickt man auf die sechs Tennisplätze hinaus, die nicht mehr alle in einem guten Zustand sind. © Patrick Fleckmann

Der konkrete Wunsch der Gemeinde sind Gespräche zwischen den Vereinen. Die Zahl der Spieler sei schließlich nicht mehr so, wie sie einmal war. Zu Top-Zeiten waren es mal doppelt so viele bei Rot-Weiß. Deswegen hatte der Verein bereits drei Plätze aufgegeben, die in Wohnmobilstellplätze umgewandelt wurden. Der andere Verein, die TG Blau-Weiß Nordkirchen, ist nach eigenen Angaben etwa 85 Mitglieder stark - allerdings konstant.

Und längst waren die letzten Jahre nicht so turbulent wie bei Rot-Weiß. Der Verein steht auf einem gesunden Fundament, hört man.

Die Vereinskultur ist eine unterschiedliche

Doch die Zusammenführung beider Vereine gestaltet sich schwierig. Denn die Vereine - das merkt man, wenn man mit den Vorsitzenden spricht - liegen in ihren Positionen weit auseinander. Es geht hier um den Vereinszweck, die sportliche Ausrichtung und das Miteinander. Kurz: In ihrer Vereinskultur können die beiden Tennisclubs unterschiedlicher kaum sein.

Jürgen Kemper, Vorsitzender des angeschlagenen TV Rot-Weiß, würde gerne Gespräche führen, stoße aber bei Blau-Weiß auf wenig Bereitschaft. Adelheid Rasch, Chefin der TG Blau-Weiß, sagt: „Ich wehre mich nicht. Wir sind gerne bereit zu reden, aber...“, Rasch zögert und erklärt dann entschieden, „ich halte es für sehr, sehr schwierig.“

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Um zu verstehen, warum, ist ein Blick in die Historie essenziell: Die beiden Tennisclubs gründeten sich parallel Mitte der 70er-Jahre. „Die beiden Vereine entstanden aus anfangs befreundeten, später zerstrittenen Familien“, sagt Adelheid Rasch.

Nach den Gründungen und der Aufnahme des Spielbetriebes in den Jahren 1974 und 1975 entwickelten sich fortan in direkter Nachbarschaft zwei Tennisclubs in völlig unterschiedliche Richtungen. Fast fünf Jahrzehnte später fragt sich Jürgen Kemper: „Ich habe nie verstanden, warum das so war, und weiß nicht mehr, welche Unannehmlichkeiten es zwischen Blau-Weiß und Rot-Weiß gab.“

TG Blau-Weiß möchte Eigenständigkeit nicht aufgeben

Heute sind die Gräben immer noch so tief, dass eine Fusion unmöglich erscheint. Adelheid Rasch: „Ich weiß, dass die Gemeinde eine Fusion gerne hätte. Aber wir lassen uns nicht ineinander integrieren. Wir passen nicht zueinander“, findet die Vorsitzende der TG Blau-Weiß Nordkirchen.

Das liegt vor allem in der unterschiedlich ausgeprägten Vereinskultur. Bei Rot-Weiß habe viele Jahre der Leistungssport-Gedanke höher gestanden als bei Blau-Weiß, sagt Rasch. „Die sportlichen Aktivitäten standen bei Rot-Weiß im Vordergrund. Bei uns sind die Familienaktivitäten im Vordergrund“, sagt Rasch, deren Verein auch kaum Mannschaften im Spielbetrieb des Verbandes meldet, stattdessen vermehrt in Hobbyligen unter dem Radar fliegt. Es geht um Breitensport.

Rasch beschreibt die Strukturen bei Blau-Weiß als familiärer. Dieser Charakter, befürchtet die Vorsitzende, gehe bei einer Fusion verloren.

Blau-Weiß ist im Jahresbeitrag günstiger als Rot-Weiß

Auch finanziell liegen die Vereine weit auseinander. „Die Spieler bei Blau-Weiß sind ganz andere Preise gewöhnt“, sagt Rot-Weiß-Vorsitzender Jürgen Kemper, in dessen Verein der Jahresbeitrag bei 180 Euro liegt. Bei Blau-Weiß liegt er deutlich darunter. Wie schafft es der kleinere Verein dann zu überleben? „Er organisiert alles in Eigenbewirtschaftung“, sagt Kemper anerkennend über den kleineren, aber gesunden Nachbarn.

Klein aber fein präsentiert sich die Tennisanlage der TG Blau-Weiß Nordkirchen. Der Verein hat seine Anlage mit viel Eigenarbeit hergerichtet.

Klein aber fein präsentiert sich die Tennisanlage der TG Blau-Weiß Nordkirchen. Der Verein hat seine Anlage mit viel Eigenarbeit hergerichtet. © Patrick Fleckmann

Adelheid Rasch bestätigt das: Die eigene Platzanlage habe die Tennisgemeinschaft Blau-Weiß größtenteils mit eigenen Mitteln und mit vielen Arbeitseinsätzen gebaut und gepflegt - und sei bei Investitionen stets bescheiden geblieben. „Wir sind stolz auf das Erscheinungsbild und dass unsere Anlage einzigartig aussieht“, sagt Rasch. All das schärfe den Zusammenhalt, fördere wieder das familiäre Image.

Eine Fusion ist in weiter Ferne

Und auf diese Unabhängigkeit, all das, was der kleine Verein mit Eigenmitteln erreicht hat, will Blau-Weiß nicht verzichten. „Wir müssen immer gesprächsbereit sein“, sagt Adelheid Rasch, verdeutlicht aber anhand eines Symbols das Ungleichgewicht: „Stellen Sie sich eine Waage vor: Die eine Seite geht hoch, die andere runter. Wie erreicht man die Mitte? Ich weiß es einfach nicht.“ Nur einverleiben lassen möchte man sich nicht.

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Beide Vereine haben noch gültige Pachtverträge, die mehrere Jahre laufen. Solange muss die Gemeinde ihren Verpflichtungen auch nachkommen. Dabei gibt Kemper offen zu, dass die genutzten Plätze durch den TV Rot-Weiß gar nicht ausgelastet sind. Ein Platz sei zu viel, aber diesen weggeben? Sollte der Verein wieder wachsen, würde es wieder zu eng werden auf der reduzierten Anlage des TV Rot-Weiß.

Eine Fusion ist derzeit zwischen den Nordkirchener Tennisclubs jedenfalls nicht in Sicht. Und wenn man ehrlich ist, scheint sie nach all den Gesprächen auch in den nächsten Jahren nur schwer realisierbar.

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