„Habe auf die Tränendrüse drücken müssen“: Sven Schlestein vom SuS Olfen verzichtet auf Fußball

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„Da ist mir bewusst geworden, was daran hängt.“ Ein Coronafall in der Mannschaft des SuS Olfen öffnet Sven Schlestein die Augen. Denn der hätte schwerwiegende Folgen für seine Zukunft haben können.

Olfen

, 29.10.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ab dem 2. November wird die Amateurfußball-Saison unterbrochen. Bis dahin sind Spiele und Training erlaubt. Sven Schlestein vom Bezirksligisten SuS Olfen verzichtet aber schon seit Wochen auf seine Leidenschaft - freiwillig.

„Das war ein schwieriger Schritt zu gehen“, sagt der 26-Jährige. Neben dem Innenverteidiger verzichtet auch Teamkollege Marvin Böttcher von sich aus auf Fußball. „Wir sind beide Führungsspieler. Er ist erster Kapitän, ich zweiter. Da hat man eine Verantwortung gegenüber den Mitspielern. Ich hatte Bedenken, ob ich die Mannschaft im Stich lasse.“

SuS-Trainer Jupp Ovelhey sagt zu den Verzichten. „Es sind zwei gestandene Stammspieler. Die Motivation, die Marvin mitbringt, fehlt besonders. Diese Ausfälle zu kompensieren, ist schwierig. Die anderen machen es ordentlich. Das ist aber nicht der Prozentsatz, um Fehler abzustellen.“

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Das entscheidende Erlebnis für Schlesteins Entscheidung sei gewesen, als es Anfang Oktober einen Coronafall innerhalb der Mannschaft gab und alle Spieler in Quarantäne mussten. „Da ist mir bewusst geworden, was daran hängt“, sagt er. Nachdem der Fall bekannt wurde, begab sich die Mannschaft selbstständig in Quarantäne. Symptome habe aber keiner gezeigt.

Der Olfener ließ sich auf das Coronavirus testen - negativ. Der Arzt, bei dem er getestet wurde, entließ ihn fünf Tage nach dem Testergebnis aus der Quarantäne. Dabei habe sich der Arzt auf die Regeln des Robert-Koch-Instituts verlassen. „Am Abend bin ich noch einkaufen gegangen. Am nächsten Tag hat sich das Gesundheitsamt bei mir gemeldet und ich sollte wieder in Quarantäne.“

Schlestein studiert in Gelsenkirchen

Da er und seine Freundin sich schon fast eine Woche isoliert hätten, mussten sie nur noch eine weitere Woche zuhause bleiben, um auf die vorgeschriebene Quarantäne-Dauer von zwei Wochen zu kommen. Das Problem: Schlestein hätte eine Klausur seines Studiums, die am letzten Tag der Quarantäne stattfinden sollte, nicht schreiben können.

Der gebürtige Baden-Württemberger studiert im fünften Semester Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Facilitymanagement an der FH Gelsenkirchen. „Ich habe bei der Professorin viel Überzeugungsarbeit leisten und auf die Tränendrüse drücken müssen. Am Ende konnte ich die Prüfung einen Tag später schreiben.“

An dem Punkt habe es bei ihm „Klick gemacht. Da gehen einem andere Sachen durch den Kopf als lernen. Ich habe mich mit den Gefahren für mich beschäftigt. An dem Moment, an dem ich die Prüfung nicht hätte schreiben können und mein Studium deswegen hätte verlängern müssen, habe ich gemerkt, dass ich das Risiko nicht eingehen möchte. Es gibt Wichtigeres als Fußball. Das ist ein Hobby. Ich bekomme dafür kein Geld.“

Seit diesem Zeitpunkt verzichtet der Olfener, der als Werkstudent arbeitet, auf das Training und Spiele - für unbestimmte Zeit. „Falls ich mich anstecke, kann ich nicht arbeiten, verdiene kein Geld und kann die Miete nicht bezahlen. Das ist eine Endlosschleife.“

Saisonpause ist „der richtige Schritt“

Innerhalb des Teams hätten alle Verständnis für seine Entscheidung gezeigt. „Manche davon waren und sind selbst Studenten und verstehen meine Situation.“ Auch Trainer Ovelhey versteht die Entscheidung. „Ich finde es mehr als beklemmend, dass wir auf den Platz auflaufen. Es sind weniger die Spieler, sondern das Drumherum. Ich finde es befremdlich und suboptimal.“

Für Schlestein sei es unverständlich gewesen, warum die Mannschaft von Olfen zu Spielen in Risikogebiete wie Dortmund fahren musste. Seine Entscheidung habe er unabhängig von Regierungsentscheidungen getroffen. Die verhängte Pause für Kontaktsportarten begrüßt er aber. „Es hätte schon früher reagiert werden müssen, aber das ist der richtige Schritt.“

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Wenn die Mannschaft trainiere, gehe er laufen, fahre Fahrrad, mache Workouts. Ob Schlestein nach der Saisonpause wieder Fußball spiele, wisse er noch nicht. „Ich würde wieder anfangen, wenn die Zahlen sinken, aber danach sieht es im Moment ja nicht aus.“

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