Selbstverteidigung wird beim Bushido-Club Olfen groß geschrieben. Seit 30 Jahren lehrt der Verein, wie man sich mit moderner Kampfkunst gegen Angriffe verteidigt. Auch gegen Waffen.

Olfen

, 30.10.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Drei Schwarzgurte sind beim Bushido-Club Olfen derzeit aktiv. Zum Jubiläum - der Verein entstand 1989 aus zwei Volkshochschul-Gruppen - haben wir die Ju-Jutsukas Christiane Zingler (66) und Sabine Bartelt (47), die beide Gründungsmitglieder waren, mit teils provokanten Thesen zu ihrer Sportart konfrontiert.

These 1: Den Unterschied zwischen Ju-Jutsu, Jiu-Jitsu und anderen Kampfsportarten musste ich schon unzählige Male erklären.

Zingler: Ju-Jutsu ist eine moderne Sportart, während die anderen Traditionssportarten sind. Beispiele sind Judo oder Aikido. Ju-Jutsu gibt es erst seit 1967 und wurde entwickelt aus Elementen der traditionellen Sportart, ursprünglich für die Polizei und den Bundesgrenzschutz. Meistens reicht es den Leuten, wenn man ihnen sagt, dass es eine Kampfkunst ist, eine moderne Selbstverteidigung.

Bartelt: Wenn ich es erkläre, sage ich, dass es Selbstverteidigung ist und für die Straße geeignet ist.

Ju-Jutsu

Was ist Ju-Jutsu?

Eine moderne Selbstverteidigung, aus der Praxis für die Praxis. Ju-Jutsu basiert auf den Kenntnissen des Judo, Karate, Aikido, Jui-Jitsu und Wing Tsun. Altbewährte Kenntnisse sind mit modernen Aspekten verschmolzen zu einer vielseitigen Selbstverteidigungssportart. Grundelemente des Ju-Jutsu sind Bewegungsformen, Fall- und Abwehrtechniken, Schläge, Tritte, Stöße, Wurf- und Hebeltechniken.

These 2: „Ju-Jutsu“ ist die Kunst, durch Nachgeben und Ausweichen und mithilfe der Kraft des Angreifers zu siegen. Ich bin in der Lage, eine Waffe besser abwehren zu können, als jemand, der das nicht geübt hat!

Bartelt: Auf jeden Fall. Man trainiert darauf hin, Automatismen zu entwickeln. Wenn man zum Beispiel eine Ohrfeige bekommt, zu wissen, wie man dazwischen geht. Beim Messer sollte man eher Abstand nehmen, aber wenn es auf kurze Distanz geht, weiß ich mich zu wehren, muss dafür aber meinem Gegner leider weh tun. Das wird ihm dann leid tun.

Zingler: Nicht nur gegen Messer, auch gegen Stöcke - und wir haben sogar die Abwehr von Feuerwaffen im Programm. Da muss man abwägen, ob man nicht nur die Hände hochhält oder ob man eine Chance hat. Es kommt auf die Situation an.

These 3: Ich musste von meinen Fähigkeiten auf der Straße schon einmal Gebrauch machen!

Zingler: Damit kann ich nicht dienen. Darauf warte ich seit 30 Jahren, aber es ist nie etwas passiert. (lacht)

Bartelt: Ich brauchte es zum Glück auch noch nicht.

Zingler: Man entwickelt mit der Zeit auch ein Gefühl für gefährliche Situationen und kann denen aus dem Weg gehen. Deswegen wird ein Ju-Jutsuka sich nicht so schnell wehren müssen. Es ist wichtig, dass man eine Situation erkennt. Die Kinder lernen schon früh, dass es besser ist, einer Situation auszuweichen als zu kämpfen.

Ju-Jutsukas vom Bushido-Club verteidigen sich gegen Messer, Stöcke und Pistolen

Christiane Zingler entwaffnet Sabine Bartelt © Sebastian Reith

These 4: Ju-Jutsuka haben ein größeres Selbstvertrauen!

Zingler: Je länger man trainiert und je höher die Graduierung ist, desto mehr Selbstvertrauen bekommt man in seinen Fähigkeiten. Das ist überall so.

Bartelt: Das Selbstbewusstsein wird auch gefördert, indem man immer mit anderen Trainingspartnern trainiert. Das baut Berührungsängste ab.

Zingler: Ju-Jutsu ist ein Partnertraining. Wir trainieren gemischtgeschlechtlich, sodass das Anfassen des Gegenübers normal wird. Wenn ein Mann auf eine Frau zugeht und unsicher sein könnte, verliert man die Angst. Das macht das wöchentliche Training aus.

Ju-Jutsu

Das bedeuten die Fachbegriffe

  • Ju“ bedeutet Nachgeben oder Ausweichen.
  • „Jutsu“ bedeutet Kunst oder Kunstgriff.
  • „Ju-Jutsu“ bedeutet die Kunst durch Nachgeben bzw. Ausweichen und mit Hilfe der Kraft des Angreifers zu siegen.
  • „Bushido“ bedeutet der Weg des Kämpfers.

These 5: Ein Ju-Jutsuka lebt sicherer!

Bartelt: Ich würde schon sagen, dass das stimmt, aber man sollte die Situation nicht herausfordern. Der Ju-Jutsuka sollte die Situation schlichten und beobachten, aber seine Fähigkeiten des Sports nicht ausnutzen. Das vermitteln wir sehr früh. Man lässt den Partner ja auch nicht voll auf die Matte knallen und zieht durch. Du ziehst es durch das Auftreten nicht magisch an.

Zingler: Auf der Straße ist man nicht so gefährdet wie Nicht-Kampfsportler, jedenfalls wer aufrecht geht und keine Körpersprache wie ein potenzielles Opfer annimmt.

These 6: Ein schwarzer Gürtel vermittelt Respekt!

Zingler: Auf der Straße habe ich den nicht an, aber in der Halle gucken schon Kinder zu einem auf. Das ist logisch. Wir haben jahrelanges Training hinter uns und entsprechendes Training. Man wird schon eher respektiert als mit dem Weißgurt für die Anfänger.

Bartelt: Ja, die Blicke von den Kindern sind da und da werden auch Fragen gestellt.

Ju-Jutsukas vom Bushido-Club verteidigen sich gegen Messer, Stöcke und Pistolen

Sabine Bartelt greift mit einem Messer in der Hand an. Christiane Zingler wehrt ab. © Sebastian Reith

These 7: Ju-Jutsu kann ganz schön weh tun!

Bartelt: Wenn etwas falsch ausgeführt wird oder der Partner falsch angreift, kann es schmerzhaft werden. Wir versuchen, mit dem Partner gut umzugehen. Wenn einer am Boden liegt und abschlägt - das ist das Zeichen bei uns - muss auch Schluss sein. Die Verletzungsrate ist beim Fußball deutlich größer als bei uns.

Zingler: Gegen blaue Flecken darf man aber nicht allergisch sein. Wir werfen nicht mit Wattebäuschchen. Das ist Kampfsport, da muss man feste zupacken und zudrücken. Wir wissen nicht, wie ein Hebel wirkt, wenn man ihn nicht selbst einmal erlebt hat.

These 8: Beim Ju-Jutsu wird wenig gelaufen - es ist also gar nicht anstrengend!

Zingler: Wie wäre es mal mit Mitmachen? Vor allem, wenn man auf Gürtel trainiert, muss man Leistung bringen und auch körperlich fit sein. Es gibt einen Prüfungskatalog, der zur Gürtelprüfung abgearbeitet werden muss.

These 9: Im Bushido-Club Olfen wird der Sport nicht wettkampfmäßig ausgeübt. Das ist echt langweilig!

Zingler: Es ist ein Breitensport. Jeder kann mitmachen. Beim Alter gibt es nach oben hin keine Grenze. Langweilig? Wenn man beim Tor immer wieder Pässe spielen muss und auf das Tor schießt, ist es auch langweilig. Bei uns muss man eben immer wieder Hebel und Würfe trainieren. Es steigert sich mit den Gürtelfarben, die Techniken werden komplexer und wir leben wie viele andere Sportarten auch davon, dass wir Neuerungen kriegen.

Ju-Jutsukas vom Bushido-Club verteidigen sich gegen Messer, Stöcke und Pistolen

Würfe sind ein beliebtes Mittel beim Ju-Jutsu: Christiane Zingler (r.) wirft hier Sabine Bartelt. © Sebastian Reith

These 10: Es gibt eine breite Palette in den Kampfkünsten von Judo bis hin zu Mixed Martial Arts. Das schadet dem Sport!

Bartelt: Nein, jeder hat seine spezielle Richtung. Der eine macht mehr mit Hebeln, der andere mehr mit Würfen. Beim Ju-Jutsu hat man sich von allem das Beste ausgesucht.

These 11: Dass Ju-Jutsu an Schulen nicht im Lehrplan steht, ist nicht schade!

Zingler: Ist es! Es wird immer wichtiger, dass Kinder sich verteidigen können. Sonst hätten wir nicht seit 1991 zwei Kindergruppen. Kinder brauchen Grundkenntnisse, wie sie sich zu verhalten haben.

These 12: Den Verein gibt es jetzt seit 30 Jahren. Die nächsten 30 Jahre überlebt der Verein nicht!

Zingler: Wir können nicht in die Zukunft gucken. Wir wissen nicht was passiert, aber es besteht keine Veranlassung, zu glauben, dass es nicht so weiter gehen könnte. Wir sind seit vielen Jahren konstant um die 100 Mitglieder groß. Was Expansion angeht, haben wir aber nicht viele Chancen. So groß ist Olfen nicht und drumherum gibt es viele andere Vereine.

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