Nach 20 Jahren beim VfL Bochum hat Patrick Fabian, der einst beim VfB Westhofen mit seinem Sport begann, seine Profi-Karriere beendet. Ein Rückblick auf seine aufregende Laufbahn.

Schwerte

, 12.07.2020, 15:45 Uhr / Lesedauer: 6 min

Am 28. Mai war Schluss. Nach dem 0:2 bei Hannover 96 endete für den Fußball-Zweitligisten VfL Bochum die Saison – und für Patrick Fabian eine einzigartige Karriere. Die war vor allem eines: in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Wir haben mit dem 32-jährigen Westhofener auf seine aufregende Laufbahn zurückgeblickt.

Preußen-Fans pfiffen ihn gnadenlos aus

Als es losging, wurde er beschimpft. Es war 2006. Patrick Fabian war 20 Jahre alt, stand kurz vor dem Abitur. Seit sechs Jahren spielte er bereits für den VfL Bochum, durchlief dort die Jugendteams. Im ersten Jahr Seniorenfußball gehörte er noch zur zweiten Bochumer Mannschaft. Oberliga Westfalen, damals noch vierthöchste Liga.

Als er zu jener Zeit mit Bochum in Münster spielte, erlebte Fabian das erste Mal eine größere Kulisse. Knapp 7000 Menschen schauten sich die Begegnung im Preußenstadion an. „Das war für mich damals was ganz Besonderes“, erinnert sich Patrick Fabian.

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Irgendwann erlitt er in diesem Spiel eine kleine Blessur, musste sich draußen behandeln lassen – vor der Münsteraner Kurve. Die Preußen-Fans pfiffen Fabian gnadenlos aus. An diesem Tag, auf einem Stück Rasen in Münster, bekam der Schwerter eine Vorahnung auf das Leben eines Fußballprofis.

Plötzlich ging es schnell nach oben

In dieser Saison zeigte Patrick Fabian Bestleistungen in der Oberliga. Beim VfL Bochum, seinerzeit noch ein veritabler Erstligist, spielte er als Vertragsamateur. Doch im Januar 2007 ging es plötzlich ganz schnell nach oben.

Die VfL-Verantwortlichen boten dem Innenverteidiger erst eine Gehaltserhöhung, dann einen Profivertrag an.

„Damit hatte ich zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht gerechnet. Plötzlich war ich Profi. Also das, was ich immer werden wollte“, sagt Fabian. Ab Sommer 2007 trainierte er dann bisweilen mit dem Profis, nebenbei aber auch weiterhin bei der zweiten Mannschaft – Reinschnuppern deluxe.

Kein Ballkontakt, „aber einfach megaglücklich“

Bis zu seinem ersten Profispiel vergingen knapp eineinhalb Jahre. Mittlerweile war Fabian zwar fest im Profikader integriert, doch der erste Einsatz bot sich noch nicht an. Bis der FC Schalke kam.

Es war Februar 2009, Derby an der Castroper Straße, das größte Spiel der Saison für die Bochumer. Kurz vor Schlusspfiff steht der 21-jährige Patrick Fabian an der Seitenlinie und wird eingewechselt. Einen Ballkontakt hatte er in den Schlussminuten nicht mehr. Aber das war an diesem Tag egal. Fabian war jetzt Bundesligaspieler. „Ich war einfach megaglücklich“, beschreibt Fabian.

„Nach dem Spiel bin ich dann mit meinen Kumpels erst einmal feiern gegangen.“

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Patrick Fabian spielte 20 Jahre für den VfL Bochum

Fußballprofi Patrick Fabian blickt auf 20 Jahre beim VfL Bochum zurück
12.07.2020
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Fußballprofi Patrick Fabian blickt auf 20 Jahre beim VfL Bochum zurück© picture alliance/dpa
Fußballprofi Patrick Fabian blickt auf 20 Jahre beim VfL Bochum zurück© Jens Lukas
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Fußballprofi Patrick Fabian blickt auf 20 Jahre beim VfL Bochum zurück© Jens Lukas
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Fußballprofi Patrick Fabian blickt auf 20 Jahre beim VfL Bochum zurück© Jens Lukas

Die nächsten Wochen verliefen euphorisch. VfL-Trainer Marcel Koller setzte jetzt häufiger auf den jungen Verteidiger. In Bielefeld hatte Fabian seinen ersten Ballkontakt, eine Woche später stand er in Leverkusen schon eine halbe Stunde lang auf dem Platz.

Bild-Zeitung: „Bubi Fabian muss Klose stoppen“

Und dann fielen auf einmal alle Stammverteidiger aus. Ein Problem, das sich mit dem kommenden Gegner des VfL Bochum potenzierte: Denn es kam der FC Bayern. Und Patrick Fabian, als kleiner Junge selbst Fan der Münchner, stand vor seinem Startelfdebut.

Die Bild-Zeitung konstatierte im Vorbericht: „Bubi Fabian muss Klose stoppen.“ Das klappte zwar nicht gänzlich (der VfL verlor 0:3), doch Fabian lieferte ein solides Spiel ab.

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Spätestens als er eine Woche später im Abstiegskampf gegen Mönchengladbach brillierte, war er im Profibereich angekommen. Der Kicker stellte Patrick Fabian in seiner Elf des Tages auf. Es lief sehr gut für den jungen Fußballer, der beim VfB Westhofen mit seinem Sport begann.

Der VfL Bochum rutscht ab in die 2. Liga

Doch dann stellte sich der erste Rückschlag ein. Und Fabian konnte noch nicht wissen, dass dies der erste von vielen sein würde. Nach der Länderspielpause flog er unvermittelt aus dem Kader. Noch schlimmer: Der VfL Bochum rutschte immer weiter ab – bis in die Zweite Liga. Ein Abstieg, der den jetzigen Dauer-Zweitligisten bis heute verfolgt. Patrick Fabian erzählt retrospektiv: „Das war eine harte Phase, vor allem auch für mich als Fan des Vereins. Da habe ich Dinge im Stadion erlebt, die ich nie wieder erfahren habe.“

In der 2. Bundesliga schien sich der VfL Bochum zu rehabilitieren – und mit ihm auch Patrick Fabian. Nach einem verhaltenen Start setzte der neue Trainer Friedhelm Funkel auf junge Bochumer. Mit Fabian gewann der VfL plötzlich zehn Spiele in Folge. Erst in der Relegation im Frühsommer 2011 scheiterte Bochum gegen Mönchengladbach.

Am 31. März 2011 „flog das Kreuzband weg“

Doch die erlebte Fabian auf dem Platz schon nicht mehr mit. Am 31. März 2011 testete der VfL Bochum bei Rot-Weiß Essen. Eigentlich ein ganz normales Freundschaftsspiel, in dem Fabian eine gute Leistung zeigte. Bis ihm plötzlich „das Kreuzband wegflog“, wie er es selbst nennt. In einer unglücklichen Aktion zog er sich einen Kreuzbandriss im linken Knie zu.

„Mein prägendster Moment“, sagt Fabian, für den seine erste ernsthafte Verletzung zunächst noch aufregend war.

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Im Aufbautraining trainierte Fabian wie verrückt, wollte sich unbedingt zurückkämpfen. Das gelang ihm auch – bis zum nächsten verhängnisvollen Testspiel im Januar 2012. Bochum traf im Trainingslager auf Alemannia Aachen. Wieder eine missliche Aktion, wieder ein tiefer Schmerz. Diesmal wusste Fabian aber sofort: Das Kreuzband im selben Knie ist wieder durch.

Drei Kreuzbandrisse in 16 Monaten

Also alles auf Anfang. Patrick Fabian durchlief das Rehaprogramm erneut, trainierte unentwegt. Doch im Sommer der Schock: Drei Tage nach dem Wiederbeginn mit dem Training riss er sich das dritte Mal das gleiche Kreuzband. Drei Kreuzbandrisse in 16 Monaten – mit nicht einmal 25 Jahren. Fabian war jetzt bundesweit bekannt: nicht mehr wegen seiner Nominierung in eine Elf des Tages, sondern wegen der einmaligen Verletzungsmisere.

Nach dem dritten Riss war Patrick Fabian geschockt und frustriert zugleich, wusste nicht so recht, was er tun sollte. Was feststand: Es muss sich etwas ändern. Dann rief ihn sein ehemaliger Physiotherapeut aus der Jugendzeit an. Der litt mit ihm und sagte überraschend: „Ich mach dich fit, Patti.“

Fabian wechselte den Operateur, hatte den Physio an seiner Seite und machte sich bei der Genesung keinen Stress mehr. Wenn der Körper oder Kopf mal blockierten, pausierte er einfach. Heute meint Fabian über diese Phase: „Ich habe gelernt, dass es sich lohnt zu kämpfen. So hat man zwar keine Garantie, aber eine Option darauf, dass es klappen könnte.“ Es klappte.

„Habe viel gelernt und bin gelassener geworden“

Monate später tastete sich Fabian zurück auf den Rasen. Bei jedem Training dabei war sein bester Kumpel, der nun auch Sparringspartner und Motivationsstütze war. In dieser Zeit, in der Fabian zwischen Karriereende und neuerlichem Comeback schwebte, wandelte sich vieles in seinem Leben – bis heute. „Das war die prägendste Zeit für mich als Mensch. Ich habe ungemein viel über mich gelernt und bin insbesondere gelassener geworden.“

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Im April 2013 kehrte Patrick Fabian wieder aufs Feld zurück. Er war nun 25 Jahre alt und hatte erst zwölf Profispiele absolviert. Es brauchte jemanden, der an ihn glaubt. Und es gab ihn. Peter Neururer, mittlerweile Trainer beim VfL, setzte sich dafür ein, dass der auslaufende Vertrag des Langzeitverletzten Fabian 2013 um ein Jahr verlängert wurde.

Erst kürzlich nach dem angekündigten Karriereende schwärmte Neururer noch bei Reviersport: „Es mag pathetisch klingen, aber wenn er damals nicht mit der Mannschaft trainiert hätte, hätten wir den Klassenerhalt nicht geschafft.“

Fabian war nun längst zum Bochumer Mythos avanciert. Ein Malocher, der immer wieder aufsteht, nie quengelt. So macht man sich bei einem notorisch erfolgsklammen Ruhrgebietsclub unvergessen.

Rat beim Mentaltrainer nach schlaflosen Nächten

Zur neuen Saison wurde Fabian zum Kapitän ausgewählt. Die Führungsrolle, die er seit Jahren ohnehin einnahm, bekam er nun als Auszeichnung mit der Binde um den Arm. Beim VfL Bochum änderte sich in den nächsten Jahren nicht allzu viel. Der Verein schwankte vom Abstiegskandidaten bis zum soliden Saisonabschluss. Fabian war nunmehr Stamminnenverteidiger. Er erlebte eine intensive Zeit. Und musste lernen, nach einem Spiel gegen St. Pauli mit einer Sechs benotet zu werden.

Als er auch allmählich auch im eigenen Fanlager zum Sündenbock erklärt wurde, konnte Fabian oft nicht mehr schlafen. Er holte sich Rat bei einem Mentaltrainer. „Du lernst wahnsinnig viel im Fußball, auch für das Leben neben dem Platz.“ Die ewigen Aufs und Abs haben Fabian zu einem reflektierten, besonnenen Mann gemacht.

Und so dachte er im April 2018, als er sich tatsächlich zum vierten Mal einen Kreuzbandriss zuzog, als erstes: „Gott sei Dank.“ Denn diesmal hatte er sich zum ersten Mal am linken Knie verletzt. Wäre es – wie bei den drei Malen davor – das rechte gewesen, wäre die Karriere beendet gewesen.

Verlässliche Konstante in stürmischen Zeiten

Fabian kam mal wieder zurück. In einem Verein, in dem Spieler und Trainer regelmäßig fluktuieren, war Fabian die verlässliche Konstante. Der Verein glitt in stürmischere Zeiten ab. Als die Unruhe immer größer wurde, platzte Fabian nach einem Spiel vor Fernsehkameras die Geduld. Zehn Minuten monologisierte er schonungslos über die Probleme seines Vereins. Das brachte ihm viel Respekt bei den Fans ein.

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Patrick Fabian, der neben dem Fußball ein Fernstudium abschloss, eine Tierstiftung sowie ein Streetwear-Geschäft gründete, ist wohl eine Ausnahmeerscheinung im Fußballgeschäft. Einer, der sich nicht verstellen will, weil er es nicht kann. Ein Leader mit Emotionen, der diese ganz uneitel nicht verbarg.

Als der Verein im Mai verkündete, dass einer seiner größten Spieler zum Sommer aufhört, war das Echo riesig. Auch die Sportschau teilte einen Beitrag zum Karriereende Fabians. Ein Fußballspieler, der 20 Jahre ununterbrochen beim gleichen Verein spielt. Das gibt es 2020 vermutlich so häufig wie Strandpartys in der Schweiz.

Kampf gegen den Körper war der größte Erfolg

„Mir war es ganz wichtig, die Entscheidung selbst zu treffen. Nicht mein Körper hat über das Ende entschieden“, meint Fabian, zu dessen kurioser Karriere es passt, dass sein letztes Spiel wegen der Corona-Pandemie in einem leeren Stadion stattfand – auch hier war wieder alles gänzlich außergewöhnlich.

„Der Fußball“, sagt der bald 33-Jährige, „hat mich als Mensch extrem reifen lassen und als Person geformt. Ich habe aus jeder Phase etwas mitgenommen und würde sehr, sehr viel wieder so machen. Ich habe vielleicht nicht die größten Erfolge feiern können“, sinniert Fabian und fügt hinzu. „Der größte Erfolg war der Kampf gegen meinen Körper.“ Den hat er viermal gewonnen.

Als der VfL am 28. Mai nach dem Hannover-Spiel nach Bochum zurückkehrte, grassierte schon im Mannschaftsbus das Gerücht, dass einige Fans am Stadion warten würden. Als die Mannschaft ankam, empfingen Hunderte Anhänger ihre Ikone, brannten Pyrofackeln ab und huldigten Patrick Fabian mit Gesängen und Spruchbändern.

167 Spiele und fünf Tore in 13 Profijahren

Nach 13 Profijahren, 167 Spielen in der 1. und 2. Bundesliga sowie im DFB-Pokal hat Patrick Fabian fast ebenso viele Tore erzielt, wie er Kreuzbandrisse erlitt: fünf. Als es losging, wurde er in Münster beschimpft. Als Fabian vor zwei Wochen aufhörte, wurde er umjubelt.

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